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Ausgabe Juli 2011
Die Kathedrale von Chartres. Die Anwendung der Heiligen Geometrie führt zu neuen Erkenntnissen. Von Dr. Sonja Ulrike Klug

„Ein in Stein gemauertes Geheimnis“ und „das Goldene Buch des Abendlandes“ hat man sie genannt – die Kathedrale von Chartres. 90 Kilometer südwestlich von Paris gelegen, gehört sie zu den bedeutendsten heiligen Stätten der Menschheit und zu den ersten und

Spurenverwischung durch historische Einflüsse
Das mehrfache Abbrennen der Vorgängerkirchen, die Unauffindbarkeit sämtlicher Baupläne von Chartres, die Zerstörungsaktionen während der Französischen Revolution und das gedankenlose Eingreifen einiger Bischöfe früherer Jahrhunderte haben entscheidende Spuren in der Kirche verschüttet, so dass sich die baulichen Abläufe nur schwer rekonstruieren lassen. Sie lassen sich allerdings durch Anwendung der Heiligen Geometrie zumindest teilweise wieder aufdecken.
Eines der bisher ungelösten Probleme ist die Frage, wo sich das Heilige Zentrum der Kathedrale befunden hat – dasjenige Zentrum, von dem aus sie geometrisch konstruiert wurde. Am Ort dieses Zentrums muss in früheren Jahrhunderten der Altar gestanden haben, der sich heute am Kopfende des Chors befindet. Dieses Zentrum ist möglicherweise identisch mit dem Heiligen Brunnen, der schon zu druidischen Zeiten das Kernstück des sakralen Baus war und in der Krypta lag. Seinem Wasser wurde heilende Kraft nachgesagt, und häufig verbrachten die Pilger im Mittelalter mehrere Wochen oder Monate fastend und Wasser trinkend in der Krypta, um gesund zu werden. Unglücklicherweise ließ im 16. Jahrhundert ein Bischof den Brunnen zuschütten, weil er das Trinken des Wassers – im Gegensatz zu seinem Vorgänger Bischof Fulbert aus dem 11. Jahrhundert – für einen heidnischen Brauch hielt.

Die Blume des Lebens auf dem Kirchengrundriss
Bei meinen Untersuchungen habe ich erstmals die Blume des Lebens, eine der Kernelemente der Heiligen Geometrie, auf den Kirchengrundriss angewandt. Die „Heilige“ Geometrie rechnet nicht anders als als die uns bekannte profane Geometrie, stellt aber einen spirituellen Bezug her. Die Blume des Lebens besteht aus einem Kreis in der Mitte, der im allgemeinen als Gott interpretiert wird. Um diesen Kreis herum ordnen sich in gleichmäßigen Abständen weitere Kreise in mehreren Spiralwindungen an, bis es insgesamt 19 Kreise sind. Die Entstehung dieses geometrischen Urmusters, das nicht nur zwei-, sondern auch dreidimensional zu denken und über die 19 sichtbaren Kreise hinaus unendlich fortführbar ist, entspricht dem Schöpfungs- bzw. Entstehungsprozess von Mineralien, Pflanzen, Tieren und Menschen (Zellentwicklung in der Gebärmutter). Darstellungen der Blume finden sich z.B. in Ägypten am Tempel von Abydos und in den Werken Leonardo da Vincis.
Nimmt man nun den Grundriss der Kathedrale von Chartres, so lässt sich auf ihm die Blume des Lebens einzeichnen, wenn man weiß, dass ins Innere des Kirchenschiffs genau drei gleichseitige Dreiecke passen, deren Größe jeweils die Kreisgröße bestimmt.

Das Heilige Zentrum der Kirche
Der innerste Kreis steht symbolisch für Gott und umfasst in der oberen Hälfte genau die Vierung, also das „Herzstück“, der Kathedrale. Unten trifft dieser Kreis exakt in der Mitte das berühmte Labyrinth, das sich auf dem Fußboden befindet und im Mittelalter regelmäßig von den Pilgern abgeschritten wurde. Heute wird das Labyrinth, das gewöhnlich von Stuhlreihen zugestellt ist, auf vielfachen Wunsch moderner Kirchenbesucher gelegentlich wieder zur Begehung freigeräumt.
Die Blume des Lebens ist nicht beliebig über den Grundriss gelegt, sondern die Größe der Kreise und ihre Lage exakt gewählt. Die Abbildung zeigt, dass die Schnittpunkte der Kreise stets an markanten Punkten des Kirchenschiffs (erkennbar z.B. an den drei Portalen) liegt. Der mittlere Kreis auf dem Kirchengrundriss, der das Labyrinth in der Mitte trifft, berührt oben eine weitere wichtige Stelle, die auf der Abbildung als dicker schwarzer Punkt eingezeichnet ist. Genau dieser Punkt oberhalb der Vierung im Chor ist das Heilige Zentrum, wie sich durch weitere Anwendung der Geometrie zeigen lässt.

Die geometrische Konstruktion der Kathedrale
Schon immer hat man sich gefragt, warum die Vierung in der Kathedrale von Chartres rechteckig (16,40 m x 13,99 m) und nicht, wie bei Kirchen üblich, quadratisch ist, denn dies wird durch die sog. „Ostung“ der Kathedrale vorgegeben. Die Ostung war ein heiliger Prozess bei allen sakralen Bauten in sämtlichen Kulturen, um die Lage eines Gebäude zu bestimmen, häufig in Ost-West-Ausrichtung und mit astronomischem Hintergrund. Normalerweise ist die Markierung der Vierung das Resultat des Vorgangs der Ostung, und der gesamte Bau wird anschließend, ausgehend von der Vierung, in Etappen errichtet. Die rechteckige Vierung in Chartres lässt darauf schließen, dass die gotische Kirche, wie wir sie heute kennen, nicht von der Vierung aus konstruiert worden sein kann.
Nehmen wir noch einmal den Kirchengrundriss und zeichnen jetzt einen Kreis, dessen Radius von dem mit Hilfe der Blume als Heiligen Zentrum ermittelten Punkt bis zur Mitte der Vierung reicht. (Die Größe dieses Kreises ist nicht identisch mit den Kreisen der Blume des Lebens, sondern deutlich kleiner.)
Die Abbildung zeigt, dass mehrere Keise genau dieser Größe exakt das Innere des Kirchenschiffs abdecken, wobei die drei Portale (auf der Abb. rechts, links und unten) sowie die kleinen Chorkapellen (oben) ausgenommen sind.

Die harmonikale Gliederung des gesamten Kirchenschiffs
Jetzt offenbart sich eine erstaunliche harmonikale Gliederung des gesamten Kirchenschiffs, die zeigt, das dessen Größe und Maße keineswegs beliebig gewählt wurden. In das Längsschiff passen nämlich ganz genau 3 vollständige bzw. 6 halbe Kreise und in das Querschiff genau 2 vollständige bzw. 4 halbe Kreise mit ebendiesem gewählten Radius. Im Zahlenverhältnis 2 : 3 liegt natürlich die Quinte verborgen. Und das Heilige Zentrum selbst gliedert das Längsschiff der Kathedrale im Verhältnis 2 : 4 Halbkreise bzw. 1 : 2 Ganzkreise, also nach der Oktave.

Die geometrische Rekonstruktion der Kathedrale
Der unbekannte gebliebene Baumeister der Kathedrale brillante Arbeit geleistet: Er verzichtete auf eine streng quadratische Vierung, wählte stattdessen eine rechteckige und erreichte so eine harmonikale Gliederung des Kirchenschiffs nach der Oktave und der Quinte. Ganz wichtig ist: Der Baumeister muss dabei nicht unbedingt Kenntnis von der Blume des Lebens gehabt haben – wenn sie hier auch gute Dienste geleistet hat. Ihm genügten Zirkel und Winkelmaß, um das Kirchenschiff in der gegebenen Weise vom Heiligen Zentrum aus zu konstruieren. Die Lage des Heiligen Zentrums wird übrigens grob bestätigt durch radiästhetische Messungen von Blanche Merz, die im Chor im Umfeld des Zentrums Strahlungen von 11000 Bovis ermittelt hat.


Die Autorin Dr. Sonja Ulrike Klug ist Chartres-Expertin und Autorin mehrerer Bücher zum Thema, darunter zwei Chartres-Führer und das Buch „Kathedrale des Kosmos – Die Heilige Geometrie von Chartres“, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde und bereits in der 3. Auflage auf deutsch erschienen ist.
Buchtipp: Sonja Ulrike Klug: Kathedrale des Kosmos – Die heilige Geometrie von Chartres. Bad Honnef: Kluges Verlag, 3. Auflage 2008. ISBN 978-3-98109245-1-7.


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