aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Juli 2011
Die Wurzeln der Spiritualität. Interview mit Wolf-Dieter Storl

Wolf-Dieter Storl ist wohl der bekannteste deutsche Natur- und Pflanzenkundler. In seinem Buch „Schamanentum“ antwortet er auf Fragen von Dirk Grosser.

Mircea Eliade definierte den Schamanen als Meister der Ekstase. Wer ist für dich ein Schamane, was zeichnet ihn aus und welche besonderen Fähigkeiten besitzt er?

Ich schließe mich Eliade an. Der Schamane ist ein Meister der Ekstase im wahrsten Sinne des Wortes - von ex, „außerhalb“ und stase, „stehend“. Er hat die Fähigkeit außerhalb von sich selber zu stehen, somit steht er auch außerhalb vom Alltag. Er ist Meister der Trance, ein Meister der kontrollierten Ausflüge, er hat Kontrolle über das, was geschieht. Es ist keine unwillkürliche Besessenheit. Er ist nicht nur ein Hellseher, sondern er ist jemand, der hinausgehen kann. Er ist ein Vermittler und Botschafter seines Stammes oder seiner Gemeinschaft zu den Geistern oder Tierseelen, den Ahnen, den Göttern. Also ist er derjenige, der die Fähigkeit hat, in die Anderswelt zu gehen und wieder zurückzukehren.


Führt ein Schamane die Visionen also bewusst herbei?

Ja, er kann sie bewusst herbeiführen. Doch er macht es nicht für sich persönlich, es ist immer für die Gemeinschaft. Und noch etwas Wichtiges: Er begleitet die toten Seelen hinaus. Er geht mit den toten Seelen, er ist ein Totenführer. Genauso wie Schamaninnen, Hebammen, die Wiederkehrenden hineinführen. Die Hebamme geht dem Kind, das wiederkommt, entgegen, reicht ihm die Hand, führt es durch den Tunnel, beruhigt es und bringt es ins Licht der Welt. Eine Hebamme ist nicht wie heutzutage nur eine Handlangerin der Ärzte, die irgendwelche Tricks oder Kniffe weiß. Die Hebamme begleitet traditionell den Wiederkehrenden. Bei den Germanen erkannte sie ihn ja auch oft wieder. In Stammesgesellschaften ist es oft so, dass die Ahnen in dieselbe Gruppe wiederkommen. Die Hebamme ist meistens eine alte Frau, die die Menschen kennt. Bei den Germanen wurde das Kind nach der Geburt auf die Erde gelegt als Zeichen, dass es nicht nur von der leiblichen Mutter kommt, sondern auch ein Kind der Mutter Erde ist. Die Hebamme, the midwife, die Frau in der Mitte, hat es dann aufgehoben. Aber zunächst ist sie einmal in tiefer Trance um das Kind herumgegangen und hat zum Teil auch dessen Schicksal ausgesprochen. Sie konnte die Begabungen des Kindes sehen, weil sie diese Dinge lesen konnte. Und oft erkannt sie, wer es ist. Das Kind wurde wiedererkannt und hat oft denselben Namen bekommen wie der verstorbene Großvater oder Urgroßvater, oder etwa die Muhme, die Schwester der Mutter. Und deswegen heißt es in der Sprache, ein Enkel ist geboren. Ein Enkel ist ein Ähnken, also ein Ähnchen – das ist der Ahne, aber jetzt klein, als Enkel wiedergekommen. Das ist die Weisheit der Sprache, wie man sie in Stammeskulturen häufig vorfindet.

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Verlages.



Buchtipp: Wolf-Dieter Storl im Gespräch mit Dirk Grosser: Schamanentum – die Wurzeln unserer Spiritualität, Aurum Verlag, Bielefeld, 2010


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.