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Ausgabe Juli 2011
Zeichen der unsichtbaren Welt. Auszug aus dem Buch von Claudia Müller-Ebeling

Claudia Müller-Ebeling ist Kunsthistorikerin und Ethnologin und erforscht seit über 20 Jahren den Schamanismus. Wir drucken einen Auszug aus ihrem Buch „Ahnen, Geister und Schamanen“ - mit freundlicher Genehmigung des AT-Verlages.

Ich erinnere mich genau. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, als ich in der Küche vor dem alten, noch mit Holz befeuerten Herd stand, mit dem Ofenrohr, das in die Decke mündete und verdammt heiß werden konnte. Ich war alleine. Die Uhr tickte und unten im Hof gackerten die Hühner. Plötzlich durchzuckte mich der bodenlose Gedanke, ich könnte gar nicht da sein! Dann gäbe es das alles nicht. Nicht die Küche, nicht den Herd, nicht die Uhr, nicht die Hühner und niemanden, den ich kannte und liebte. Nichts würde existieren! Ruckartig verschwand der vertraute Raum. Der Boden unter mir löste sich auf. Mir war, als ob ich ganz leicht sei und schwebe. Alle Materie (ein Wort, das mir damals bestimmt noch nichts sagte) verflüchtigte sich. Ich löste mich in Luft auf und mit mir alles um mich herum. Der Gedanke verdichtete sich zu einem Gefühl, das mir Angst machte. Verängstigt und verunsichert ruderte ich mit meinen dünnen Ärmchen, um mir Halt zu geben und nicht zu verschwinden im konturlosen Nichts. Augenblicklich kehrte die Welt zurück und ich stand wieder in der Küche. Ich weiß noch, dass ich dachte, das seltsam verstörende, aber durch die beflügelnde Schwerelosigkeit zugleich auch betörende Gefühl der Auflösung könne anhalten, wenn ich meine Angst länger bezähmen könne. Doch die bezwingende Vision des Nichts war vorbei. Unwiderruflich. So schnell wie sie gekommen war.

Wann immer ich später versuchte, das merkwürdig beängstigende, aber zugleich erhebende Gefühl der schwerelosen Auflösung durch den Gedanken an das Nichts zu provozieren, der sich einst in der ländlichen Küche unerwartet eingestellt hatte – der eigenartig visionäre Bewusstseinszustand blieb aus. Ich habe ihn so nie wieder erlebt. Die Erinnerung an diesen kurzen Augenblick blieb jedoch in meinem Gedächtnis haften. Und wer weiß, vielleicht ist dieses spontane Erlebnis in meiner Kindheit für mein Interesse an visionären Welten verantwortlich.

Vermutlich haben und hatten viele Menschen ähnliche spontane visionäre Erlebnisse. Vielleicht erinnern sie sich nur nicht mehr daran oder verdrängen sie im Laufe der Gewöhnung an den Ernst des Lebens. Auch der Schweizer Chemiker Albert Hofmann hatte eine Vision. Noch als Greis erinnerte er sich daran, als Kind in einem sonnendurchfluteten Wald in seiner Jura-Heimat plötzlich von der Vision der lebendigen Kraft der Natur durchflutet worden zu sein. Ein Erlebnis, das seine Berufswahl, ja seine Berufung bestimmte und ihn (dank seiner Entdeckung von diversen Heilmitteln und LSD) zum weltweit gefeierten Naturstoffchemiker werden ließ. Eine Vision, die ihm in deprimierten Zuständen lebensrettende Zuversicht in den Sinn des Lebens schenkte.
Ausschlaggebend für den Wert von Visionen ist der Umgang mit ihnen und deren Bewertung. Visionen zu haben ist nicht schwer, sie mitzuteilen und zu verwirklichen aber sehr. So könnte man salopp die Schwierigkeit im Umgang mit diesem seltsamen Zustand des Bewusstseins umreißen. Leichter fällt es zu beschreiben, welche Auswirkungen Visionen hatten – auf Einzelne und auf Kulturen und Gesellschaften.




Claudia Müller-Ebeling: Ahnen, Geister und Schamanen, AT-Verlag, Aarau und München, 2010


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