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Ausgabe Juli 2011
Schamanische Winde des Wandels. Von Nana Nauwald

„Mach doch nicht so viel Wind“, rief meine alte Tante Mi oft hinter mir her, wenn ich mich als Kind wie ein Wind durch die Gegend bewegte, Gegenstände und Menschen verwirbelte. Hätte sie damals geahnt, dass es zu einem Kernpunkt meiner Lebensarbeit werden

Kinder bewirken aus sich selbst heraus durch die drehende Bewegung Freude und ein verändertes Gefühl von Körper und Zeit in sich – so wie es in einem sibirischen Märchen erzählt wird: „Wenn du dich im Kreise drehst, steigst du im Handumdrehen in den Himmel.“ Vielleicht haben die sibirischen Schamanen, von denen einige auch heute noch die Methode des „Drehens“ einsetzen, um in geistige Welten zu „fliegen“, das Drehen von Kindern und Winden gelernt …
Meine alte Tante Mi wusste nichts von sibirischen Schamanen - doch hätte sie geahnt, dass meine geistige Heimat nun schon seit ca. 28 Jahren das Bewusstseinsfeld des Schamanimus ist - sie hätte endlich verstanden, warum ich immer so gerne Feuer entzündet habe - nicht nur das Herdfeuer... und warum ich so eifrig jede Feder aufgesammelt habe und mich so gerne im Wind gedreht habe. Betrachte ich mein Leben unter diesen Aspekten, so bin ich heute, nach langen, herausfordernden Lebenswanderungen wieder im Zustand der kindlichen Fülle und lebe, was ich bin: eine in sich verwurzelte, vielfarbig klingende Wind- und Feuerfrau im lebendigen Feld schamanischer Weltsicht.

Schamanismus - eine seit mindestens einhunderttausend Jahren bestehende geniale Mischform aus Naturwissenschaft, Medizin, Psychotherapie und magischem Theater. Sie ist die älteste bekannte Form der Annäherung an die geistige Welt. Durch den Einfluss der mythischen Religionen, die es erst seit wenig mehr als zweitausend Jahren gibt, und auch durch politische Machtinteressen wurde der Schamanismus verboten, verfolgt, verunglimpft und belächelt - und ist dennoch immer noch lebendig. Aus den alten Wurzeln des Wissens wächst er mit neuen Trieben, nicht nur in indigenen Kulturen, sondern auch in unseren abendländischen „Hochkulturen“. Er entfaltet sich in neuen Formen, Farben und Mustern. Als undogmatische, sich auf Sinne, Geist, Resonanz und Natur beziehende Erfahrungswissenschaft ist Schamanismus wieder für viele der nach inneren Erfahrung, nach bewusster Eingebundenheit in Natur und nach Sinn suchenden Menschen zu einer kreativen, heilsamen Lebens-Weise geworden.
So haben sich auch meine Lebensbewegungen in den inneren und äußeren Seins-Welten mehr und mehr dahin geführt, meine Schritte mit heilsamer Absicht im frei wehenden Geist des Schamanismus zu tanzen. Der Geist allen Seins, der unermessliche Ur-Geist weht „frei“. Der Geist des Schamanismus ist ein Anteil an diesem Ur-Geist, auch er lässt sich nicht in die eigene Macht und das eigene Ansehen fördernde Regeln pressen, niemand kann ihn besitzen und niemand hat ein durch Eintragung in Warenmustergesetze „Recht“ auf ihn. Er fordert heraus, die bedingungslose Verbundenheit auf der Grundlage von Liebe und Empfindung mit allen Erscheinungen von „Sein“ zu erleben, nicht zu glauben. Was man erlebt, braucht man nicht zu glauben. Man erlebt es.
„Du fährst schon wieder? So oft warst du nun schon im Dschungel, so viel hast du mit Schamanen erlebt und davon erzählt, reicht dir das nicht langsam, nach was suchst du immer noch?“ Das werde ich oft gefragt.
Und das ist meine Antwort: Ich suche nicht, ich finde. Da halte ich es als Künstlerin und Schamanismus-Finde-Frau mit meinem Malerfreund Picasso, der sehr weise darauf hingewiesen hat, dass Suchen immer das Suchen nach etwas schon Bekanntem ist, aber Finden heißt, offen zu sein für die Begegnung mit Unerwartetem, Unbekanntem – und zu staunen!
Das Staunen ist der Anfang jeder Erkenntnis. Im Französischen heißt Erkenntnis und Bewusstsein connaissance, gebildet aus con, bedeutet mit, und naissance, die Entstehung, Geburt, also ein Erkennen, das unbelastet von Zuordnung staunend den Erscheinungen der Welten begegnet. Hinter dieser Antwort, die für mich der Ausdruck meiner Lebens-Weise in schamanischen Bewusstseinswelten ist, steht die Erkenntnis:


Heilsamer Wandel, innere und äußere Bewegung
Das Grundprinzip aller Escheinungen von Leben ist Bewegung und Bewegung beinhaltet Wandel. Das Kernanliegen schamanischer Rituale ist heilsamer Wandel. Wandel ist Bewegung, Bewegung ist ein Prozess. Bewusster Wandel ist heilsame Bewegung. Sind wir selber, unser Körper, unser Geist, unsere Seelen nicht ein bio-chemischer und zugleich geistiger Tanz ständiger Wandlungen?
Wie kann es mir da jemals „zuviel“ werden, mich zu bewegen – im Außen ebenso wie in meinem Inneren? Äußere Bewegung öffnet für mich die Türen zu innerer Bewegung. Dennoch besagt Bewegung, die im „Außen“ stattfindet, nichts über einen Wandel im „Innen“. Äußere Bewegung kann innere Starre sein trotz perfekt getanzter Lebens-Schritte. Scheinbare Unbeweglichkeit des Körpers im „Außen“, wie beispielsweise in der Meditation, im Yoga, bei der Methode „Ekstatische Trance und rituelle Körperhaltungen nach Dr. Felicitas Goodman“ kann in intensive, tiefste Bewegungen im Inneren führen, in wandelnden Bewegungs-Klang.
Äußere Bewegung ist nicht gleich innere Bewegung – davon erzählt auch diese Fabel:


Die Schwalbe und die Eule
„Ich habe auf meinen Reisen die halbe Welt gesehen und bin reicher an Erfahrung als alle Vögel“, sprach die Schwalbe zur Eule.
„Wie kommt es, dass man deine Weisheit rühmt, liebe Eule, obwohl du im Dunkeln sitzest und kaum deinen Felsen verlässt?“
„Ich sehe am schärfsten mit geschlossenen Augen und meine Gedanken reichen weiter als deine Flügel!“, antwortete die Eule.


Ich habe mich entschieden, eine sich im Außen bewegende Wandel-Schwalbe zu sein, aber mit der Innen-Bewegung einer Wandel-Eule. Ich muss nun nicht mehr irgendwohin fahren (aber ich kann!), um mich von Schamaninnen und Heilerinnen „behandeln“ zu lassen – sie haben mich gelehrt zu handeln. Sie haben mich auch gelehrt, mich an meine eigene Kraft zu erinnern, meinen Empfindungen mehr zu trauen als meinem „Wissen“.
Im undogmatischen Geist des Schamanismus ausgeführte Rituale können geschützte Räume erschaffen, in denen ich diese eigene, heilsame Kraft aufbauen, aufwecken und in ihre Wirkung bringen kann.
Kann das wirklich Jede tun, den Zustand eigener energetischer Schwäche in energetische Stärke und Schutz für sich zu wandeln? Oder muss sie dafür speziell ausgebildet sein?
Ja, sie kann es – wenn sie die Geduld erfordernde „Arbeit“ auf sich nimmt, sich in egofreie Zustände bewusster Aufmerksamkeit, bewusster Wahrnehmung zu versetzen. Dazu gehört das Training, Situationen nicht zu werten und zu beurteilen, sondern die Qualität einer Situation zu empfinden. Im Moment der Empfindung sind wir nichts als Empfindung, sind im „Innen“, ohne Trennung von Körper und Geist.
„Rituale besitzen die Macht, eine ansonsten nicht zu meisternde Welt in Ordnung zu bringen.“ Peter Sloterdijk, Philosoph
Bin ich in Ein-Stimmung mit mir, bin ich mir der Verwurzelung in meiner geistigen Kraft bewusst und empfinde ich mich als ein Anteil der geistigen Welten – dann ist dieses „in mir Sein“ der wirksamste Schutz
Deshalb liegt ein Schwerpunkt bei schamanischen Heil-Ritualen in der Stärkung der eigenen Energie der TeilnehmerInnen. Auch für die Ritualausführende oder die Schamanin ist die Aufmerksamkeit auf die ständige Erneuerung, Stärkung und das Wachstum dieser Kraft eine lebenslange Arbeit an sich selbst. Ohne diese bewusste Arbeit an der Entwicklung und Stärkung des eigenen Energie-Potentials und der Sensibilisierung der Empfindungs-Wahrnehmung ist keine heilsame Arbeit möglich.


Er-Leben heißt im Leben leben
Viel habe ich er-lebt in den noch heute lebendigen Welten des Schamanismus der Völker am Amazonas: Ich habe in Ritualen mit und ohne Schamane oder Schamanin Geister nach einer vollendeten Heilung tanzen gesehen, habe einen Jaguar singen gehört, habe die Feuerfrau kranke Zellgewebe verbrennen gesehen, habe gelernt meinen inneren Lebenswind zu entfachen, um Schaden bringende Störungen zu verwirbeln. Das „Verstehen“ von Ritualen ist nur möglich durch das eigene, bewusste Erfahren. Das Durchführen von Ritualen für sich selbst oder andere ist nur wirksam im egofreien Zustand veränderter und zugleich bewusster Wahrnehmung.


Wandel geschieht durch Handeln - Schamanen-tun statt Schamanen-tum
Vielfältig sind die Schritte der Wandlung, mit denen rituelle Wandlerinnen den schamanischen Tanz der Entfaltung in Bewegung setzen. Dieser vom Geist des Schamanismus inspirierte „Wandlungstanz“ besteht aus mehr als Trommeln oder Rasseln, aus mehr als dem heilsamen Umgang mit Gesängen, Räucherungen, Waschungen, Heilpflanzen, Geistern.
Authentisches und heilsames „schamanisches Arbeiten“ ist nicht möglich ohne die geistige Verankerung in einer Gemeinschaft und den Handlungs-Bezug auf Gemeinschaft. Auch kleine Gemeinschaften „auf Zeit“, für einige Stunden oder Tage, sind solche geistigen Ankerplätze. Von diesen Ankerplätzen aus kann das Lebensboot, gefüllt mit wirksamem Handeln im Geist des Schamanismus, die Meere des alltäglichen und des spirituellen Lebens heilsam durchqueren.


Nana Nauwald, geb. 1947, ist bildende Künstlerin, Autorin, Dozentin für Rituale der Wahrnehmung. Ihre vielgestaltige, kreative Lebens-Art ist geprägt von 28 Jahren Erfahrungen in schamanischen Bewusstseinswelten indigener Völker, vor allem im peruanischen Amazonasgebiet.

Weitere Information auf www.ekstatische-trance.de und www.visionary-art.de

Aktuelle Bücher von Nana Nauwald:
Feuerfrau und Windgesang - Schamanische Rituale für Schutz und Stärkung (AT-Verlag, 2010);
Schamanische Rituale der Wahrnehmung - dem Geist der Tiere begegnen“ 2010 (AT-Verlag);
Ekstatische Trance, Rituelle Körperhaltungen – Arbeitsbuch“ erscheint im September 2011 (AT-Verlag)


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