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Ausgabe Juli 2011
Schamanismus im Alltag. Interview mit Andreas Krüger


Andreas Krüger im Gespräch mit Haidrun Schäfer über unsere schamanischen Wurzeln und moderne schamanische Heilweisen.

Haidrun Schäfer: Hat der Schamanismus seine Wurzeln bei den Indianern und ist uns deshalb eher fremd?

Andreas Krüger: Das ist für mich eines der gefährlichsten Gerüchte, die es gibt, weil es alle nicht-indigenen Schamanen diskriminiert und weil es definitiv historisch nicht stimmt. Wenn Schamanismus Wurzeln hätte, dann wären es afrikanische.

Es gibt die Theorie, dass durch die Aufrichtung des tansanischen Höhenrückens ein Teil unserer äffischen Vorfahren weiterhin im paradiesischen Dschungel leben konnte, aber der andere Teil sich in der Savanne wiederfand und auf einmal mit einer feindlichen Umwelt konfrontiert wurde. Auf einmal war alles anders: Die Menschen mussten sich aufrichten, um über das Steppengras gucken zu können, sie waren gezwungen zu kämpfen und sie mussten sich verteidigen. Das war neu, denn das Leben als Bonobos bestand aus Liebe, Mangos und einer matriarchalischen, paradiesischen Lebensgemeinschaft. In dem neuen Lebensraum gab es auf einmal Säbelzahntiger und Löwen. Also fingen die Menschen an, Hecken um ihre Lager zu bauen. Diese Hecken waren aber nicht nur Abgrenzungen gegen die physische, sondern auch gegen die geistige Welt. Durch die Trennung, die die Hecken symbolisierten, ging den Menschen auch der Kontakt zu den Geistern verloren. Aber es brauchte den Kontakt zur geistigen Welt und deswegen gab es einige Auserwählte, die man die „Heckensitzer“ nannte, was sich sprachlich zu „Hexer“ wandelte.
Es gibt keinen Unterschied zwischen Hexen und Schamanen. Das sind sprachliche Spitzfindigkeiten. Hexen machen die gleichen Dinge wie Schamanen.
Mit der Verbreitung der Menschen haben sich auch die Schamanen über die ganze Welt verbreitet. Es gibt überall auf der Welt schamanische Spuren. Die wenigsten wissen, dass die Finnen eine der ausgefeiltesten schamanischen Kulturen haben. Auch bei den Walisern und Schotten finden wir eine alte schamanische Tradition.


Warum ist so wenig über europäische Schamanenwurzeln bekannt?

Weil da, wo die Christen am längsten waren, am wenigsten vom schamanischem Wissen erhalten blieb. Schamanismus ist für die Christen deswegen so gefährlich, weil er etwas macht, was zutiefst demokratisch und damit allen Buchreligionen ein Greul ist. Der Schamanismus ist eine erfahrungsorientierte Religion. Wenn Sie mir sagen, Wakantanka, der große Geist, sieht so und so aus, dann muss ich das nicht glauben. Dann mach ich eine Seelenreise zu Wakantanka und gucke, wie er für mich aussieht. Für einen Schamanen ist das völlig in Ordnung, denn Wakantanka ist vielgestaltig und außerdem hat jeder sein eigenes Krafttier. Aber das ist für eine Buchreligion tödlich, denn - wie Luther sagte - „das Wort, ihr sollet lasset stahn“. Stahn ist althochdeutsch und steht für stehen. Das heißt, was in den Büchern steht, ist Gesetz und das musst du glauben. Deshalb sind für die Christen alle Schamanen gefährlich, denn für sie gelten keine geschriebenen Gesetze.
Schamanismus ist die ältesten Religion, die es gab und schamanische Heiler sind die ältesten Heilkünstler. Sie waren die traditionellen Heiler und Priester jedes Volkes. Einer der großen europäischen Schamanen ist Paul Uccusic. Er sagt von sich, dass er ein Trommler ist, der den Kontakt zwischen der alltäglichen und der nichtalltäglichen Wirklichkeit herstellt. Das ist Schamanismus.
An der SHS sind wir eher Starbucks-Schamanen - wir brauchen keine Höhlen oder Mooszelte, sondern wir machen Seelenrückholungen beim doppelten Espresso. Die Geister sind überall.


Es gibt verschiedene Möglichkeiten, schamanisch zu arbeiten?

Ja - zum einen gibt es Schamanen, die als Orakel arbeiten. Dann gibt es Schamanen, die eher als Priester arbeiten. Aber die meisten Schamanen, die ich kenne, sind beratend und heilend tätig.
Ein Schamane ist immer beides: Er ist Sprachrohr der Geister, er ist Vermittler von den Geistern und auch Heiler. Er geht zu seinen spirits, die für das Heilen zuständig sind und befragt und bittet sie, bestimmte Jobs für ihn zu machen. Eine Form des Schamanismus, die von uns an der SHS in dem Wolf & Engel-Schamanismus sehr gepflegt wird, ist der sogenannte Invokations-Schamanismus, d.h. der Schamane stellt seinen physischen Leib zur Verfügung, so dass der Geist des Tieres in ihn hinein invoziert. Er ruft dann dieses Wesen herbei und lässt die Wesenheit durch ihn hindurch arbeiten. An der Schule haben wir die schamanische Arbeit auch mit Aufstellungen kombiniert. Bei dieser Arbeit wird der Kranke in die Mitte gelegt und ich rufe als Aufstellungsleiter und Schamane betend, trommelnd und singend meine spirits an. Dann meldet sich z.B. meine Silberwölfin und sucht sich einen Anwesenden aus, um körperliches Gefäß zu sein. Im Laufe der Sitzung stelle ich all die Geister auf, die den Kranken behandeln wollen, ziehe mich trommeln zurück und dann arbeiten die Invokanten an dem Kranken so lange, bis sie dank ihrer hohen Kompetenz die Sitzung für beendet erklären.
Wenn jemand schamanisch arbeitet, stellt er sich als Gefäß für die geistige Welt zur Verfügung und damit rückt seine Persönlichkeit mitsamt seinen Vorstellungen in den Hintergrund.


Kann jeder lernen, mit der geistigen Welt Kontakt aufzunehmen?

Ich glaube, man kann lernen sich einzubilden, dass die Geister da sind. Und wenn ich mir das lange genug einbilde – wobei ein-bilden für mich ein schöpferischer Akt ist – dann sind die da. Ich bin fest davon überzeugt, dass jedes Kind ein Schamane ist. Jedes Kind lebt in dieser Geisterwelt. Jedes Kind liest schamanische Bücher, denn auch unsere Märchen haben eine tiefe schamanische Tradition. Clemens Kuby hat mal gesagt, dass wir alle Schulen abschaffen können, denn wir wissen schon alles – wir haben es nur wieder vergessen. Man muss es also nicht lernen, man muss sich nur erinnern. Einer der besten Filme über Schamanismus stammt auch von ihm: „Unterwegs in die nächste Dimension“. Um auf Ihre erste Frage zurückzukommen: In dem Film zeigt Clemens Kuby Schamanen jeglicher Tradition.
Einen Dank an Sie und die Geister, die unsere menschlichen Lebenswege begleiten.


Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst.
www.Samuel-Hahnemann-Schule.de




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