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Ausgabe Juli 2011
Schamanen, Wanderer zwischen den Welten. Von Ethnologin Dr. Christina Kessler


Die Ethnologin Dr. Christina Kessler findet in den Weisheitstraditionen der Welt Inspiration. In ihrem neuen Buch „Wilder Geist, wildes Herz“ nimmt sie uns mit auf eine Reise in das mystische Herz fremder Völker und geht dabei auch auf die Welt des Schama

In ihrer ursprünglichen Form wollen alle Religionen den Weg der Rückverbindung aufzeigen und gehen. Religio kommt aus dem Lateinischen und heißt wörtlich übersetzt „ich binde mich wieder an“. Das ist eine genaue Entsprechung zu dem Begriff Yoga – „Joch“, der auf das „Anschirren an das Geistige“ Bezug nimmt.
Die älteste uns bekannte Religion ist der Schamanismus, der in einer animistischen Weltanschauung wurzelt. Der schamanistische Kosmos ist eine Welt der Götter und Geister, deren Wirken die innere Ordnung der Dinge symbolisiert. Mythos und Kult dienen der zyklischen Neubelebung dieser Ordnung und sollen daran erinnern, ihr auch im Alltag Genüge zu leisten, damit die gesellschaftlich-kulturelle Ordnung zum Spiegelbild der kosmischen Ordnung werden kann.
Doch ist der normale Mensch, bedingt durch seine begrenzte Wahrnehmung, nicht in der Lage, sich selbst mit den Göttern zu verständigen, oder anders ausgedrückt: sich in das geistige Feld einzuloggen. Um an diesem Wissen teilhaben zu können, bedarf es eines Mediators – des Schamanen –, der zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt vermittelt. Eine Fähigkeit, die seine Funktion innerhalb der Gemeinschaft bestimmt: Er ist Medizinmann, Richter, Wahrsager, Wettermacher, Zeremonienmeister und Künstler; Sänger, Tänzer und Schöpfer von Ritualgegenständen. Als Hüter der Weisheit sorgt er für einen gemeinsamen geistigen Konsens und dadurch für den Zusammenhalt der Gemeinschaft – für kulturelle Identität.

Schamanen werden von der geistigen Welt berufen. Der Ruf erfolgt meist durch eine schwere Krankheit oder eine psychische Krise. Oft wird der Auftrag im Traum von einem tiergestaltigen Hilfsgeist überbracht. Die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, ist nicht einfach, denn jeder weiß, dass dies eine Aufforderung zum „Stirb und Werde“ ist. Letztlich bleibt dem Adepten jedoch keine Wahl, die Entscheidung wird von der geistigen Seite erzwungen. In seinen Fieberträumen und Visionen erlebt er seine eigene grausame Zerstückelung. Das Sterben der alten Identität führt zur Wiedergeburt in ein erweitertes Bewusstsein. Aus seinen Knochen setzt sich der Kandidat neu zusammen. Auf diese Weise erkennt er das Wesen der Transformation. Die Tore zur Welt der Götter stehen ihm offen.
Der Schamane kennt die innere Geographie des Kosmos und des Menschen wie seine eigene Westentasche. Er kennt das Wesen der Tiere und Pflanzen, der Gestirne, Winde und Elemente, ohne je die Wissenschaften studiert zu haben, die sich bei uns um diese Erscheinungen ranken, wie Psychologie, Bewusstseinsforschung oder Philosophie.

Er ist Meister von Trance und Ekstase und beherrscht mitunter recht drastische Methoden, um außergewöhnliche Bewusstseinszustände zu erreichen, die es ihm erlauben, die engen Grenzen des Mentalen zu überschreiten und dem Transpersonalen zu begegnen. Aus den verschiedenen Epochen und Kulturen sind zahlreiche Methoden und Möglichkeiten bekannt, diesen Bewusstseinszustand zu erreichen. Dazu gehört alles, was an die Grenze des vermeintlich Möglichen führt und sie sprengt: strenge Askese und körperliche Übungen, meist verbunden mit vollständiger Verausgabung, Rückzug aus der gewohnten Umgebung – in Höhlen, Einsiedeleien oder in totale Dunkelheit.
Die Ekstase ist eine ur-religiöse Erfahrung. Eng an Mythos und Ritus gebunden, finden wir sie in allen Weisheitstraditionen. Sie bewirkt ein vorübergehendes Heraustreten aus der eigenen Geschichte und aus den Endlosschleifen der Gedanken; die Dinge lassen sich aus einer anderen Perspektive betrachten oder können ganz losgelassen und jener neuordnenden und inspirierenden Instanz übergeben werden, die in allem für alles wirkt. Emotionale Stauungen und Energieblockaden lösen sich auf, soziale Konflikte renken sich wieder ein, Heilung kann stattfinden.
Auszug aus: Christina Kessler, Wilder Geist – Wildes Herz, mit freundlicher Erlaubnis des Verlages




Die Autorin Christina Kessler ist Ethnologin und findet in den Weisheitstraditionen der Welt Inspiration, Menschen auf dem Weg der Selbstfindung und Bewusstseinsentwicklung zu begleiten.

Christina Kessler
Wilder Geist – Wildes Herz
Kompass in stürmischen Zeiten
J. Kamphausen Verlag.
200 Seiten, Hardcover
€ 17,95
ISBN 978-3-89901-397-9


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