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Ausgabe Juni 2011
Orakel, Götter, Rituale; Die faszinierende Welt des afro-brasilianischen Candomblé - von Baba Muralessy

Brasilien ohne Candomblé wäre nicht Brasilien. Die vielschichtige Kultur und Vitalität, seine Rhythmen, Tänze und Gesänge, seine bildende Kunst, Theater und Filme sind zutiefst durch die spirituelle Kultur des Candomblé und seiner afrikanischen Wurzeln g

Als Jugendlicher wurde ich dann offiziell im Candomblé initiiert und das Orakel bestimmte meinen Weg über 28 Jahre an Initiationsstufen zum Oberpriester (Babalorixá), der ich nun seit vielen Jahren bin.

Candomblé ist eine afro-brasilianische Religion, deren Wurzeln von den versklavten Menschen aus West-Afrika mit nach Brasilien gebracht wurden. In Afrika noch eher von Männern dominiert hat sich der Candomblé in Brasilien als eine der wenigen matriarchalen Religionen über die Jahrhunderte weiterentwickelt – aus einem einfachen Grund: Den afrikanischen Männern war damals die Ausübung ihrer Religion von den portugiesischen Sklavenhaltern verboten. Da es jedoch zu wenige portugiesische Frauen gab, vermählten sich die weißen Sklavenhalter mit Afrikanerinnen. Mit ihrer Klugheit und List – der Androhung von sexueller Abstinenz – gelang es vielen von ihnen, dass ihre Männer die Ausübung ihrer Religion duldeten.

Als ganzheitliche animistische Religion zwar von den monotheistischen Religionen unterdrückt und diskreditiert, hat auch der Candomblé einen allmächtigen Gott (Olurun) als höchstes Prinzip, der aufgrund seiner überwältigenden Kraft selten direkt verehrt wird, sonder nur seine göttlichen Aspekte, die in seinen 17 göttlichen Qualitäten – den Orixás – angerufen werden, in gewissem Maße vergleichbar mit den 99 Namen Gottes im Islam. Jeder Orixá hat seine speziellen Eigenschaften, Farben und Symbole sowie seine spezifische Form der Verehrung und Anrufung: seine eigenen Tänze, Rhythmen, Gebete, Gesänge und Opferspeisen. Wichtiger Bestandteil bestimmter Rituale ist die Trance, bei der der Orixá durch die intensive Anrufung seiner Kraft in den Körper der Menschen inkorporiert und durch ihn ausstrahlt. Bei der Inkorporation anderer neben den Orixás existierenden Geistwesen (z.B. Caboclos) sprechen diese auch aus dem Körper der Initiierten heraus und können befragt werden.
Die Babalorixás und Yalorixás (weibliche Form) im Candomblé sind Priester, Weissager und Heiler in einem. Mithilfe des Orakels erkennen sie sowohl für die Gemeinschaft als auch für jeden einzelnen, für den sie das Orakel befragen, was außer Balance geraten ist oder droht zu sein. Sie sehen, mithilfe welcher Rituale, Kräuter, Waschungen und Zeremonien die Harmonie und Heilung auf geistiger Ebene wieder hergestellt werden kann und können so die Grundlage schaffen, dass sie sich auf der materiellen Ebene manifestiert.

All die Mythen, Rhythmen und Gesänge, die Tänze, Farben und Götterspeisen des Candomblé sind in die reichhaltige Alltagskultur in Brasilien eingeflossen: Shoppingcenter und Straßen sind nach den Orixás benannt, viele populäre Musiker greifen Themen, Texte und Gesänge aus dem Candomblé in ihren Werken auf. Bildende Künstler beschäftigen sich mit seinen Themen und Choreographen nutzen seine Tänze und Bewegungen.
Und auch in Deutschland sind diese Einflüsse inzwischen spürbar. Wichtigstes Beispiel ist der europaweit bekannte Karneval der Kulturen in Berlin, der jedes Jahr über eine Millionen von Zuschauern anzieht: Seit nunmehr 15 Jahren eröffnen wir mit unserer 200 Trommler und Tänzer starken Gruppe Afoxé Loni traditionell den Karneval am Herrmannplatz mit einem großen Reinigungsritual aus dem Candomblé.
Im Karneval in Salvador in Brasilien ist die Tradition der Afoxés beheimatet. Die unterschiedlichen Häuser des Candomblé nehmen dort mit ihren eigenen Gruppen – den Afoxés – teil. Ihre Tänze und Lieder sind geprägt von den Gesängen und Rhythmen der Orixás, wie bei unserem Afoxé Loni auch. Eine der bekanntesten Gruppen sind dort die Filhos de Ghandi mit vielen tausend Teilnehmern.

Vor acht Jahren haben wir mit dem Ilê Obá Silekê den ersten Candomblé-Tempel Deutschlands in Berlin gegründet, den ich seit dieser Zeit leite. Seit nunmehr 5 Jahren ist er in den Räumen des Interkulturen Zentrums Forum Brasil in der Möckernstraße in Kreuzberg beheimatet. Im Sommer 2008 wurde die offizielle Weihung durch meine Spirituelle Mutter, der altehrwürdigen Candomblé-Priesterin und renommierten Menschenrechtlerin Mãe Beata de Yemanjá aus Rio de Janeiro als europäische Dependance ihres Tempels in Brasilien vollzogen.

Unser Ilê Obá Silekê ist ein Haus der Toleranz und des Respekts vor allem Leben, in dem Wissen, dass alles mit allem verbunden ist. Es steht allen Menschen offen, die sich für Candomblé interessieren, die sich Heilung erhoffen oder einfach mal an regelmäßig stattfindenden öffentlichen Ritualen oder Workshops teilnehmen möchten.

weitere Information auf www.candomblé-berlin.de


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