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Ausgabe Mai 2011
Lebendige Lehren für unsere Zeit, aus dem Buch von Tenzin Palmo

Die Zeichen werden immer lauter, dass Egoismus und der eigene Profit nicht glücklich machen. Die buddhistische Nonne Tenzin Palmo stellt den buddhistischen Pfad auf eine Art und Weise dar, die für uns Westler verständlich ist.

Gierige Gesten...
Nach Buddhas Lehren sind es die Geistesgifte, die uns zu unglücklichen Menschen machen – negative Emotionen wie Gier, Eifersucht und Arroganz. Der Buddha sagte, dass Begierden wie salziges Wasser sind: Je mehr wir trinken, desto durstiger werden wir. Wir entfalten unsere inneren Möglichkeiten nicht dadurch, dass wir uns damit beschäftigen, unsere eigenen Begierden zu befriedigen. Wirkliche Befriedigung erlangen wir, wenn wir unsere Besessenheit von „ich“ und „mein“ fallen lassen und unseren Blick auch auf die Wünsche und Bedürfnisse anderer Menschen richten. Buddhismus im täglichen Leben zu praktizieren, bedeutet nicht, stundenlang zu meditieren oder großzügige Spenden an Kloster zu überweisen – im Gegenteil: Alles, was wir tun, können wir als Weg nutzen, den Geist zu entwickeln, die negativen Emotionen zu erkennen und sie fallen zu lassen und diejenigen Eigenschaften zu entwickeln, die unser Herz öffnen.
Negative Gefühle machen uns nicht glücklich. Dagegen erzeugen Gedanken von Großzügigkeit, Güte und Mitgefühl positive Emotionen. Sie sollten wir hegen und pflegen und das Unkraut der negativen Geisteszustände jäten. „Es ist so einfach: Wir entfernen das Negative mit den Wurzeln und wir lassen das Gute wachsen. Das ist alles.“ Jede Situation ist eine Gelegenheit, um liebende Güte, Geduld und Mitgefühl zu praktizieren.
Es gibt zwei Hauptfragen, die sich die Menschen stellen, die sich mit Buddhismus auseinandersetzten: „Wie finde ich einen spirituellen Meister?“ und „Wie befreie ich mich von Wut und Zorn?“ Aber es ist nicht die Wut, die uns dazu bringt, uns an das Rad des Samsara zu klammern, sondern es sind Anhaftung, Gier und Verlangen. Doch niemand will diese Sachen loswerden. Solange unsere Gier irgendwann befriedigt wird, mögen wir sie. Aber es ist diese klammernde Seite des Lebens, die die Quelle all unserer Angst und all unseres Kummers ist. Einer der größten Fehler, den wir machen können, besteht darin, einen anhaftenden, klammernden und habgierigen Geist mit Liebe zu verwechseln. Das ist keine echte Liebe. Das ist egoistische Liebe.


... und gebende Gesten
Unsere Gesellschaft beruht auf der Befriedigung des Egos und damit sind wir vom wahren Pfad weit entfernt. Um aus unserer wahren Natur heraus zu leben, anstatt dem falschen Ego zu folgen, gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste ist die innere Selbstbeobachtung, bei der die Befriedigung des Egos in den Hintergrund tritt und sich dafür eine Großzügigkeit für die Bedürfnisse anderer öffnet – und zwar im unmittelbaren Umfeld: Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Für uns ist es wie Ironie, dass wir glücklich werden, wenn wir aufrichtig mehr an andere denken als an uns selbst. Alle Lebewesen haben eins gemeinsam: Sie wollen glücklich sein. Wenn wir jemandem begegnen, sollten wir deshalb diesen Gedanken im Sinn haben: „Möge es dir gut gehen, mögest du glücklich sein.“ Wir müssen das nicht laut sagen, sondern wir tragen einfach dieses Gefühl des Wohlwollens in unserem Herzen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob wir diese Person mögen oder nicht.
Als ich mit 19 nach Indien abreiste, sagte ich zu meiner Mutter: „Ich fahre nach Indien.“ Sie antwortete: „Wann fährst du?“ Sie hat das nicht gesagt, weil sie mich nicht liebte, sondern weil sie mich liebte. Und weil sie mich liebte, hat sie sich für mich gefreut, dass ich das tat, was ich tun musste und nicht das, was sie wollte, dass ich es für sie tue. Das ist Liebe. Liebe bedeutet, sich wirklich um die andere Person zu kümmern und anderen zu erlauben, sie selbst zu sein.
Meine Mutter hat Freunden von mir erzählt, dass sie immer gebetet habe, bei ihrer nächsten Wiedergeburt wieder als meine Mutter zurückzukommen. Denn sie befürchtete, dass ich sonst Eltern haben würde, die nicht verstehen könnten, welch ungewöhnliche Art von Leben ich führen müsste. Das ist Liebe. Meine Mutter ist für mich ein leuchtendes Beispiel für bedingungslose Liebe.


Aus: Tenzin Palmo: Lebendige Lehren für unsere Zeit, edition steinrich, Berlin, 2010, 224 Seiten, 19,90 Euro, Mit freundlicher Genehmigung.

Tenzin Palmo ist Gründerin des Dongyu-Gatsal-Ling-Nonnenkloster:
Es wurde im Jahre 2000 für junge Frauen der Drukpa-Kagyu-Übertragungslinie gegründet.
Gegenwärtig leben dort rund 70 Nonnen.

weitere Info: www.tenzinpalmo.com, www.gatsal.org


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