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Ausgabe Mai 2011
Leben ist Hoffen, ein Beitrag von Andreas Krüger...

über die Frage, wo die Sinnhaftigkeit in der Wirklichkeit der Depression liegt und was ein Therapeut braucht, um depressive Menschen helfend begleiten zu können.

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In einer demokratischen, schöpfungsorientierten Medizin ist das erste Ziel des Therapeuten, Krankheiten nicht wegzumachen, sondern zu begreifen, wo der Sinn, die Kreativität und die Notwendigkeit einer Krankheitsschöpfung liegt. Das gilt für alle Krankheiten – vorausgesetzt, dass das System des Klienten uns beauftragt, diese Erkrankung auf diese Weise zu betrachten. Wenn wir diesen Auftrag bekommen haben, ist es Aufgabe des Therapeuten, dem Klienten zu helfen, den Sinn und die Qualität der Seinserfahrung Depression anzunehmen, zu erkennen, zu durchleben – und zu erleiden.


Depression als Seinserfahrung
Es gibt scheinbar – egal in welche Kultur oder spirituelle Richtung man schaut – kein wirkliches Erwachen, kein wirkliches Freiwerden, kein wirkliches Ganzwerden, ohne die Erfahrung der Verzweiflung, ohne die Erfahrung des inneren Hiobs und ohne die Erfahrung der Dunkelheit. Am deutlichsten erkennt man das in der Konzeption der Schamanenkrankheit, wo der Schamane, den die Geister ausgesucht haben, Schamane zu werden, durch die dunkelste Dunkelheit marschiert, durch die schrecklichsten Schrecklichkeiten bis hin zum Erlebnis der Zerstückelung seines physischen Leibes, um dann von den Geistern neu und licht zusammengesetzt zu werden. Und man kennt diese Idee der Dunkelheit als notwendige Seinswirklichkeit auf einem Weg zu einem höheren befreiteren Menschsein auch unter den christlichen Mystikern, die vom dunklen Tal der Seele, vom tiefen finsteren Tal der Seele sprechen, wo jeder Mensch hindurch muss und wo ihm auch keiner helfen kann, denn es geht primär darum weiterzugehen, um dann in eine neue Form von Menschsein, in eine freiere Form von Menschsein hineinzukommen.
Morgenstern beschreibt in der Gedichtzeile „Die, die zur Freiheit wandern, wandern allein“ im Grunde eine Depression. Depression ist scheinbar für viele Menschen eine notwendige Wirklichkeit auf ihrem Werdeweg. Ich behaupte nicht, dass es nur mit Depressionen geht, ich behaupte nur, dass die Erfahrung ist, dass die meisten Menschen auf einem spirituellen Weg eine solche Erfahrung der „Hiob-Zeit“, also des totalen Verzweifelns an Gott und der Schöpfung machen müssen.


Was kann ein Therapeut tun?
Wie bei allen Erkrankungen ist es auch hier hilfreich, wenn ein Therapeut selbst einmal Erfahrungen mit Depressionen gemacht hat. Meine eigene Erfahrung von anderthalb Jahren in meinem dunklen Tal der Seele – den furchtbarsten Depressionen und Ängsten ausgeliefert, die man sich vorstellen kann – hat meine Möglichkeit zu helfen völlig verwandelt. Wenn heute ein Depressiver zu mir kommt, werde ich – und es tut mir im Nachhinein Leid für alle, wo ich es getan habe – auf keinen Fall etwas sagen wie „machen Sie sich mal ein paar positive Gedanken, das wird schon wieder“. Ich werde den Patienten immer da abholen, wo er ist. Ich werde ihn an die Hand nehmen und ihm Gefährte sein – aus meinem Wissen um die Dunkelheit heraus auf seinem Weg durch die Dunkelheit. Das bedeutet nicht, den Patienten zu ermutigen, in der Depression zu verweilen, sondern dass wir uns – wie bei allen Wandlungskrisen – immer bemühen, dass er nicht in eine Fixierung der Depression fällt. Die Dynamik muss erhalten bleiben, schließlich handelt es sich um einen Weg – auch wenn er dunkel ist. Deshalb sollte der Therapeut psychatrische Grundkenntnisse besitzen, um erkennen zu können, wenn eine Fixierung so stark wird, dass sie das Leben des Patienten gefährdet. Hilfreich ist dann ein Netzwerk von anderen Therapeuten und Kliniken, die Menschen in extremen Krisen auffangen können und wo Psychopharmaka notwendig werden – was eine spirituelle, seelsorgerische oder homöopathische Begleitung natürlich nicht ausschließt.
Ein erfahrener Therapeut muss wissen, dass es Tiefen der Depression gibt, wo positives Denken nicht mehr funktioniert und wo es hilft, auf der körperlichen Ebene Unterstützung zu leisten. Das Hauptorgan der Depression ist die Leber. Sie ist unser Marsorgan und damit unser Willensorgan und die ist bei depressiven Menschen immer mehr oder wenig in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb ist es wichtig, der Leber zu helfen: mit Cranio-Sacral-Therapie, mit Einreibungen und heißen Leberwickeln, mit Pflanzenpräparaten wie Carduus marianus Kapseln oder Liv.52, mit Akupunktur oder Eurythmie oder Qigong. Eine Fixation in der Depression kommt oft zustande, weil die Leber völlig kollabiert ist und dann gibt es scheinbar keinen Weg mehr aus der Depression heraus. Ein Therapeut muss verstehen, dass – so wichtig in der Wandlungswirklichkeit die Zeit der Dunkelheit auch sein kann – die Seele immer noch ein Minimum an Licht braucht, um irgendwo das Ende des Tunnels zu sehen. Er muss wissen, welche Pflanzen dieses Licht unterstützen können wie z.B. Johanniskraut, Jarsin oder Lavendel. Er muss die homöopathischen Mittel wie Aurum oder Phosphor kennen. Und er muss ähnlich sein und aus der Erfahrung seiner Ähnlichkeit dem Klienten Hoffnung machen. Diese Hoffnung ist für den Depressiven das Wichtigste. Die Hoffnung stirbt zuletzt und wenn die Hoffnung stirbt, dann stirbt der Mensch.


Hoffnung ist Lebensmut
Ich habe in den Zeiten meiner Depression manchmal fünf Mal meinen Homöopathen am Tag angerufen, um ihn zu fragen, ob er noch Hoffnung hat. Solange er mir sagte, dass er noch Hoffnung hat, wusste ich, dass es weitergeht. Wenn ein Therapeut die Hoffnung aufgibt, sollte er den Patienten zu jemandem schicken, der noch Hoffnung hat. Wir müssen als Therapeuten Hoffende sein. Die wichtigsten Qualitäten, die ein Therapeut für mich haben sollte, sind erstens eine demokratische Grundhaltung und zweitens Hoffnung. In den Zeiten von Fukushima ist für mich ein wichtiges Zitat das von Biermann „Wir müssen besinnungslos sein vor Hoffnung“.
Ich weiß, dass Depression heilbar ist. Ich bin heute der glücklichste Mensch, den ich kenne. Trotzdem kann ich mich erinnern, wie verzweifelt und hoffnungslos ich mich in der Depression gefühlt habe. Und diese Erfahrung teile ich mit meinen Patienten – obwohl ich damit gegen alle therapeutischen Regeln verstoße, dass man mit seinen Patienten nicht über sich sprechen darf. Meine persönlichen Erfahrungen beweisen das Gegenteil: Dadurch, dass ich ganz viel Persönliches mit meinen Patienten teile und sie teilhaben lasse an meinen Widersprüchen, meinen Macken, Süchten und Ängsten, mache ich ihnen Hoffnung, denn die Menschen erkennen, dass es mir heute gut geht und ich mich damals wie „Spucke an der Wand“ gefühlt habe. Also können sie das auch schaffen. Ich glaube, dass Teilen in der Therapie etwas ganz Zentrales ist.
Eine kleine Geschichte zum Schluss: Als der letzte Tempel in Jerusalem zerstört wurde, floh eine Rabbi mit seinen Schülern in die Wüste und die Schüler waren völlig verzweifelt und hatten alle Hoffnung verloren. Der Rabbi sprach zu ihnen: „Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist der Morgen am nächsten.“ Allen Depressiven empfehle ich das Buch „Jossel Rackower spricht zu Gott“ – der letzte Überlebende des Warschauer Ghettos hadert, aber liebt auch seinen Gott. Ein Buch, das hilft, die Depression zu nehmen, selbst in einem Zustand, wo man sie nur noch loswerden will, sie aber nicht geht.


Andreas Krüger ist Heilpraktiker, Schulleiter und Dozent an der Samuel-Hahnemann-Schule (www.samuel-hahnemann-schule.de) in Berlin für Prozessorientierte Homöopathie, Leibarbeit, Ikonographie & schamanischer Heilkunst


Buchtipp: Rudolf Pesch: Anna Maria Jokl und der „Jossel Rackower“ von Zvi Kolitz mit einem „Geleitwort“ von Itta Shedletzky und der „Nachbemerkung eines Philologen“ von Norbert Oellers, WVT, 2005, 206 Seiten, 22,50 Euro


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