aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Mai 2011
Die afrikanischen Wurzeln des Glücks, Interview mit Sobonfu Somé

Die Dorfältesten haben Sobonfu E. Somé mit Anfang 20 ausgesandt, um die Weisheit ihres Volkes, der Dagara, in den Westen zu tragen. Im Folgenden geben wir Ausschnitte aus einem Interview wieder, dass Klaus Buttinger mit Sobonfu Somé geführt hat und das ei

art72128
Wo sehen Sie den Nachholbedarf des industrialisierten Westens gegenüber Afrika?
Somé: Im Fehlen der Gemeinschaft und besonders in der Ignoranz gegenüber Kindern und älteren Menschen. Menschen im Westen haben keine Wichtigkeit füreinander.
Stichwort Gemeinschaft. Warum, glauben Sie, sind wir derart individualisiert und so sehr zu Einzelkämpfern geworden?
Ich glaube, es haben mehrere Dinge dazu beigetragen, das soziale Gefüge zu zerbrechen. Erstens die Industrialisierung. Deshalb sind die Menschen gezwungen worden, ihre Gemeinschaften zu verlassen und an anderen Orten zu arbeiten. Dann sind noch die Schmerzen vom Krieg da. Das hat die Menschen veranlasst, sich in sich zurückzuziehen, anstatt offen zu sein. Und der Mangel an Unterstützung von anderen Menschen, so dass jeder Mensch beschlossen hat, ich schaffe mir meine Welt selber.


In einem Ihrer Bücher schreiben Sie über Wege zum Glück. Wie definieren Sie Glück?
Ein Teil des Glücks ist, dass wir gute, liebende Familien und Gemeinschaften um uns haben. Ich kann glücklich sein, weil er oder sie glücklich ist. Glück hat seine Wurzeln auch in der Spiritualität. Wir können nicht
glücklich sein ohne die Spiritualität des Glücks. Außerdem bedeutet Glück auch, dass der Mensch seine
Lebensaufgabe leben und sie der Welt geben kann.


Welche Wege zum Glück empfehlen Sie uns?
Die Spiritualität der Menschen und ihre Lebensaufgabe zu unterstützen. Einen Raum zu schaffen, damit die Menschen mit ihrer Frustration, Trauer und ihrem Ärger umgehen können. Mehr Nachdruck auf Geist und Seele zu legen als auf das Materielle.


Im Falle von Misserfolgen raten Sie zu mehr Gelassenheit. Was machen wir im Umgang mit Fehlern falsch?
Menschen wollen nicht auf ihre Fehler und Misserfolge schauen, sie sprechen nicht darüber und haben Angst davor. In meiner Tradition werden wir zu Misserfolgen ermutigt. Sie helfen uns zu wachsen. Meine Großmutter nahm Misserfolge als Grund zum Feiern. Das ermutigte uns, wagemutiger und neugieriger zu sein. Misserfolge sind Freunde. Misserfolge zeigen, dass man am Leben teilnimmt. Gibt es Misserfolge, dann leben wir, gibt es keine, leben wir nicht. Wir müssen uns und andere zu Misserfolgen ermutigen.


Was sollten wir darüber hinaus unseren Kindern vermitteln?
Erkennen, dass unsere Kinder wichtig sind, und dass sie wichtige Gaben für unsere Welt mitbringen. Wir müssen ihnen lehren, dass es wertvoll ist, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Und wir müssen das, was wir zu den Kindern sagen, auch wirklich meinen. Nicht automatisch sagen „Ich liebe dich“, sondern es im Herzen fühlen. Wir müssen ihnen sagen, dass es viele Gelegenheiten gibt in der Welt, und dass sie frisch drauflos gehen sollen. Kinder sind die Vergangenheit, das Heute und die Zukunft. Keine Kultur hat je ohne ihre Kinder überlebt.


Sind unsere Kinder glücklich?
Kommt darauf an. Bevor die Schule beginnt, sind die Kinder voller Leben. Dann gehen sie zur Schule und es wird ihnen gelehrt, wie wenig sie wert sind, weshalb man ihnen sagen muss, wie sie denken und sich benehmen sollen. Bei Schulkindern sehe ich oft das helle Licht in den Augen erlöschen.

Sobonfu, Danke für das Gespräch.

Gekürzter Gesprächsauszug mit freundlicher Erlaubnis der Ober-Östereichischen Nachrichten und des Autors Klaus Buttinger.

Sobonfu Somé wusste bis zu ihrem sechsten Lebensjahr nicht, wer ihre Mutter ist, weil sie jede Frau im Dorf als ihre Mutter betrachtet hat. Die Ältesten ihres Volkes beschlossen sie als Botschafterin in den Westen zu schicken. Sie hat bisher drei Bücher geschrieben, in denen sie aufzeigt, wie man die Weisheit und die Lebensart ihres Stammes in die westliche Alltagsgestaltung integrieren kann: „Mut zum Misserfolg – Wie wir über Krisen und Verlust zu uns selbst finden“, „Die Gabe des Glücks“, „In unserer Mitte – Kinder in der Gemeinschaft“.
Alle drei Bücher sind im Orlanda Frauenverlag erschienen.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.