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Ausgabe Mai 2011
Jenseits von Freude und Leid, von Sandra Schneider

Es ist ein wohl universelles Gesetz, dass Lebewesen nach Lust streben und Schmerzen, wo es geht, vermeiden. Bei Tieren ist dies ein Instrument der Evolution, das bewirkt, dass sie ihren Weg finden, eine gewisse Zeit überleben und sich vermehren können. Si

Auch in uns Menschen ist dieses Prinzip tief verwurzelt und bestimmt einen Großteil unseres Verhaltens – ob uns dies nun gerade bewusst ist oder nicht. Durch unsere Fähigkeit zu denken und unsere Entfremdung vom großen Ganzen neigen wir jedoch meist dazu, uns auf bestimmte Aspekte, die uns Glück und Freude versprechen, geistig zu fixieren. So wird das Leben mancher Menschen völlig vom Luststreben bestimmt, während sie sich vom wahren Glück sowie auch von sich selbst immer weiter entfernen. Denn wenn wir uns auf eine Seite der Polarität fixieren, wird das natürliche Gleichgewicht gestört, und echter innerer Frieden wie auch wahre Erkenntnis werden eher verhindert. Dabei sollte es uns „höher entwickelten“ Wesen doch eigentlich leichter fallen, wahrhaft glücklich zu sein, da wir mehr Möglichkeiten haben müssten, dies bewusst zu bewirken. Statt dessen scheinen die Tiere, wenn sie unter natürlichen Bedingungen leben, oftmals talentierter zum Glücklichsein zu sein. Sie leben im Hier und Jetzt, nehmen die Dinge, wie sie kommen, reagieren spontan und machen nicht aus allem ein Problem. Sie sind einfach sie selbst. Welchem Menschen gelingt das schon so ohne Weiteres?

Durch unsere Entfremdung von den Gesetzen der Natur und unserem eigenen inneren Wesen sowie unsere Fähigkeit zur Reflexion sind wir zunächst „abgekoppelt“ vom Strom des Seins, und das führt unweigerlich in die Dualität und damit letztlich zu Leid und einem Gefühl des Mangels, der Unerfülltheit. Während die Tiere unbewusst eins sind mit sich und der Welt, sind wir zwar zum Teil bewusst, aber meist isoliert vom großen Ganzen wie auch von unserem wahren Wesen. In dieser Trennung liegt jedoch gerade das Potenzial. Denn nur, wer einen gewissen Abstand vom Objekt der Betrachtung hat, kann dieses erkennen. So können wir unser Bewusstsein nach und nach entfalten und vom unbewussten Einssein der Tiere mit dem großen Ganzen zu einem bewussten Einssein gelangen. Unser gegenwärtiger Zustand der Entfremdung bildet dafür nur so etwas wie eine Zwischenstufe.

In unserer Halbbewusstheit liegt also zugleich die Chance und die Gefahr. Denn so haben wir einerseits die Möglichkeit, unsere Erkenntnispotenziale zu entfalten und uns über viele Zusammenhänge bewusst zu werden, andererseits können wir aber auch schnell unbewussten Mechanismen zum Opfer fallen, wie z.B. unserem eigenen Denken oder unserem Ego, die beide oft im Hintergrund vom Lustprinzip genährt werden. So kann es zu zahlreichen unheilvollen Fixierungen kommen.
Indem wir versuchen, das Leiden zu vermeiden und dem Glück hinterherzujagen, fallen wir tiefer in die Dualität. Die Suche nach dem Glück bindet uns außerdem an den Strom der relativen Zeit. Sie verhindert somit unseren bewussten Zugang zum Absoluten, zum Unendlichen und Ewigen. Im Relativen können wir zwangsläufig nur relatives Glück finden. Und das Gesetz des Ausgleichs sorgt dann immer wieder dafür, dass wir auch die andere Seite der Polarität, den Schmerz, zu spüren bekommen.
Gerade das Leiden kann uns aber wertvolle Hinweise geben, wenn wir es als solches annehmen und nicht vor ihm fliehen. Denn psychisches Leiden resultiert meistens aus einem Verstoß gegen die kosmische Ordnung. Indem wir die Botschaft und die Ursache des Leidens verstehen, können wir auch die kosmische Ordnung besser verstehen. Dies kann uns allmählich zu einem bewussten Einssein, zu einem Leben im bewussten Einklang mit den kosmischen Gesetzen führen, zu denen auch die universelle Ethik gehört, die in „Im Jetzt“ beschrieben wurde.

Der Sinn der Evolution liegt nicht darin, dass wir alle ständig Lust und Freude erleben und wie in einem Glücksrausch durchs Leben wandeln, sondern er liegt in der Entfaltung unserer Erkenntnis- und Liebesfähigkeiten.

Denn durch unsere liebevolle Erkenntnis erkennt sich das Universum/die Wahrheit selbst. Dies ist der eigentliche Sinn unseres Daseins und die Treibkraft der Evolution, nicht unser persönliches, dualistisch verstandenes Glück. Wenn wir diesen roten Faden nicht im Auge behalten, können wir auch im spirituellen Bereich nur allzu leicht vom Wege abkommen und uns in Sackgassen und Illusionen verirren, die letztlich weiterhin dem Luststreben und dem Ego-Ich dienen.
Statt dessen sollten wir lernen, die Wahrheit möglichst unvoreingenommen anzunehmen, wie sie ist, und daraus zu lernen. Erst, wenn wir unser Denken bewusst verwenden und uns vom Lust/Unlust-Prinzip lösen, können wir darüber hinausgelangen und die Möglichkeiten unseres reinen Bewusstseins entdecken. Ebenso müssen wir das Ego loslassen, um zu unserem tiefen Selbst und seinem Potenzial zu finden. Darin liegt zugleich die Quelle für wahrhafte Glückseligkeit, jenseits der vergänglichen Freuden der relativen Welt. Denn dies ist unsere „Nabelschnur“ zum Absoluten, Unendlichen und Ewigen.

In dieser tiefen Erfüllung hat auch das Leiden Raum. Denn die Dualität von Freude und Leid findet hier ein Ende. Es entsteht ein Raum, in dem echte Erkenntnis geschehen kann. Solange wir dem Lustprinzip folgen, ist wahrhafte Erkenntnis nahezu unmöglich, da wir dann alles durch die Brille der eigenen Bedürfnisse sehen. Und solange ist es auch unmöglich, dass wir unser eigenes inneres Gleichgewicht und inneren Frieden finden.

Die wahre, tiefere Glückseligkeit stellt sich erst dann ein, wenn sie ihre Bedeutung für uns verloren hat. Wenn wir aufhören, nach dem Glück in welcher Form auch immer zu streben und stattdessen unser Eigeninteresse loslassen, um uns der umfassenden und tieferen Wirklichkeit bedingungslos zu öffnen, sind wir erst frei für die ganze Wahrheit. Und auch wahrhaftes Glück können wir nur in der Wahrheit finden, nicht in Illusionen – so schön sie auch sein mögen. Der Segen, den wir erfahren können, wenn wir im Einklang mit unserem eigenen Wesen und dem kosmischen Gesetz leben, ist selbst nicht der Sinn der Sache, sondern einfach ein Geschenk des Lebens. Was uns dafür oftmals fehlt und worauf es aber gerade heute ankommt, ist eine gewisse natürliche Demut der Wahrheit gegenüber – der inneren wie auch der äußeren. Erst in dieser Hingabe können wir allmählich über alte Strukturen und Dynamiken hinausgelangen und unser Potenzial echter Menschlichkeit entfalten. Erst dann können wir auch wirklich heilsam sein für die Welt, in der wir leben. Dann steht unser eigenes Wohl nicht mehr im Widerspruch zum „Glück“ der Welt, sondern dann sind beide eins.


Die Autorin Sandra Schneider ist Dipl. Psychologin und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Yoga, Meditation und Bewusstseinsforschung.

Buchtipp:
Sandra Schneider, Im Jetzt, Die menschliche Verwirklichung des kosmischen Prinzips, 272 S., Hardcover, 17,95€, Scorpio Verlag


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