aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Mai 2011
Die neue Leichtigkeit; aus dem Buch von Anouk Claes

Ratschläge erhalten wir mehr als genug – und immer sollen wir uns und unser Leben verbessern. Anouk Claes sieht das anders. Die unkonventionelle Psychotherapeutin meint: Auch in unserem modernen Leben gibt es keine „ungesunden Energien“, und „negative“ Ge

»Positives« und »negatives« Denken
Schaden negative Gedanken? Nun, das ist schwer zu beantworten: Bewertet man die eigenen Gedanken, schadet man meistens nur sich selbst, weil man in diesem Fall einen Teil von sich selbst ablehnt. Bewertet man sie nicht, sind es keine negativen Gedanken mehr.
Das Ego wird werten, weil es nicht anders kann, der Geist macht das nicht. Auf die Frage, ob es negative Gedanken gibt, kann die Antwort also nur heißen: Ja und nein, je nach Perspektive.
Regt sich jemand über seine eigenen Gedanken auf, befindet er sich im Ego und versucht aus ihm heraus, diese Bewertungen loszuwerden. Das geht natürlich nicht, was zu echter Verzweiflung führen kann. Versucht man, nicht mehr zu werten, regt sich aber über wertende Menschen auf, ist man ebenso im Ego.
Das Ego setzt sich sehr gern Ziele und möchte sie dann natürlich auch erreichen. Der Geist hingegen hat kein Ziel, er ist zeitlos und kann die Wertungen komplett weglassen. Kann man das Werten seines eigenen Egos annehmen, spielt es keine Rolle mehr, wer wertet und wer nicht.


Werten ist nicht gleich Verurteilen
Über unseren Geist sind wir mit allem verbunden, mit der ganzen Welt und auch mit allem Unsichtbaren. Dies ist der natürliche Zustand. Das Ego achtet auf einen persönlichen Bezug, indem es die Dinge bewertet. Es geht nicht, etwas zu bewerten, ohne einen Bezug dazu herzustellen. So gesehen sind Geist und Ego gleichermaßen eins mit allem – wenn auch auf eine ganz andere Art.
Eine Verurteilung findet für mich im Geist statt und wirkt, wie wenn etwas getrennt wird. Wenn man etwas wahrnimmt und dabei denkt, dass man dies nicht sei, also dies nicht als einen Teil von sich betrachtet, trennt man sich im Geist davon. Weil jedoch die Außenwelt ein Teil von uns ist, trennt man sich in dem Sinne letztlich auch von sich selbst. Beobachtet man im Außen etwas Ungutes, denkt der Geist: Das bin auch ich. Das Ego hingegen denkt: Das gefällt mit überhaupt nicht. Dies sind zwei unterschiedliche Perspektiven, die nebeneinander existieren können.


Die Weiterentwicklung des Menschen
Müssen wir uns weiterentwickeln und zu vollkommenen Wesen werden? Von der Perspektive des Egos aus gesehen: Ja. Denn das Ego lebt in Zeit und Raum, es hat in diesem Erdenleben noch eine ganze Menge vor und möchte viele Ziele verfolgen.
Von der Perspektive des Geistes aus: Nein. Der Geist kennt keine Zeit, also auch keine Entwicklung; er war schon immer und wird immer sein. Vergangenheit und Zukunft existieren jetzt und gleichzeitig. Er sagt: Wir sind schon längst vollkommen.


Das Ego ablegen?
Soll man versuchen, ohne Ego zu leben? Meine persönliche Meinung aus der geistigen Perspektive heraus ist dazu: Es ist ein Weg wie jeder andere auch, er ist nicht besser und nicht schlechter. Aber es ändert nichts daran: Wir sind so oder so schon vollkommen. Wenn wir versuchen, das Ego abzulegen, macht uns das nicht zu besseren Menschen und ebenso nicht zu schlechteren, weil es diese Wertung aus der geistigen Sicht nicht gibt. Das Ego ablegen zu wollen, das ist einfach ein Weg, der uns zum Ausprobieren zur Verfügung steht. Aus der Perspektive des Egos heraus würde ich sagen: Schade ...


Was tun?
Mein Geist und mein Ego ermöglichen mir enorm viel: Ich kann mich selbst als ein Teil der Ganzheit und ebenso als Individuum empfinden – beides zur gleichen Zeit. Mein Geist gibt mir eine grenzenlose Auswahl an Möglichkeiten, aus denen ich als Individuum auswählen und mit denen ich Erfahrungen sammeln kann.
Mein Geist ermöglicht mir die Erfahrung der Ewigkeit.
Mein Ego ermöglicht mir die Erfahrung der Einmaligkeit.


Ein Praxisbeispiel: Mit dem Gefühl der Trauer üben
Wenn Sie üben möchten, das Gefühl der Trauer wahrzunehmen, denken Sie am besten an etwas neutrales Trauriges (wie im Praxisbeispiel erwähnt) und bitten eine weitere Person, dasselbe zu tun. Falls es Ihnen schwerfällt, sich eine neutrale Trauer vorzustellen, gebe ich hier einige Beispiele, die sich dafür eignen und die ich auch in meinen Kursen immer wieder benutze: Die Ermordung von John Lennon oder Präsident Kennedy. Beides ist sehr traurig, aber zugleich sehr weit weg von unserem Alltag. Auch ein Krieg ist ein Beispiel, aber nur, wenn Sie sich nicht täglich damit beschäftigen. Mit diesen Hinweisen finden Sie sicher weitere geeignete Möglichkeiten zum Üben.
Nun führen Sie die Hand in einer Distanz von etwa zehn bis fünfzehn Zentimetern am Körper des Übungspartners entlang. Dort, wo Sie Wärme spüren, sitzt die Trauer. So können Sie den ganzen Körper abspüren. Überall, wo Sie Wärme wahrnehmen, können Sie davon ausgehen, dass sich dort Trauer befindet.
Um dies bei sich selbst wahrzunehmen, können Sie sich auf Ihren Körper konzentrieren und fühlen, wo Sie etwas spüren. Der Versuch mit der Hand ist am eigenen Körper sehr schwierig. Wenn Sie diese Übung zu zweit machen und nachher vergleichen, gibt es meistens Orte, die übereinstimmen, und Orte, die das nicht tun. Wie genau Sie bei der anderen Person Trauer wahrnehmen, hängt von Ihren eigenen Frequenzen der Trauer ab. Je mehr Sie selbst Trauer als Gefühl annehmen, desto genauer spüren Sie sie beim anderen.

Oder anders erklärt: Person A wird die verdrängten Anteile von Person B meistens besser wahrnehmen als Person B selbst. Wenn Person B ein gutes Bild von ihrer eigenen Trauer haben möchte, sollte sie die Wahrnehmungen von sich selbst und diejenigen von Person A zusammenfügen. So liegt man im Groben selten falsch, während einzelne Trauertropfen leicht übersehen werden können.
Die Kraft der Trauer liegt im Verbundensein mit allem – mit allen Dingen, allen Menschen, der ganzen Welt und noch darüber hinaus. Vom Gefühl der Trauer können Sie in der eigenen Trauer getragen werden. Wenn Sie dieses Gefühl zulassen und es seine ursprüngliche Form – die einer Kugel – wieder hat, erleben Sie eine Tiefe wie nie zuvor. Was Trauer an Kraft in sich trägt, wird nicht so häufig sichtbar, man hört aber immer wieder davon, wie ein schweres Schicksal einem Menschen neue Kraft geben kann – dann werden beispielsweise Selbsthilfegruppen oder Stiftungen aufgebaut, die ähnlich Betroffenen eine Unterstützung sind.

Aus: Anouk Claes, Müssen war gestern - mit freundlicher Genehmigung des Verlages.


Buchtipp: Anouk Claes, Müssen war gestern - Wie das moderne Leben zur größten inneren Kraftquelle werden kann, Buch mit Praxis-CD, 224 Seiten, Ansata Verlag, € 19,99


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.