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Ausgabe April 2011
Schöpferische Partnerschaft. Wie wir uns in unseren Liebesbeziehungen neu erschaffen können. Von Dr. phil. Jochen Meyer

Zeiten, in denen es nicht gut läuft, kennt vermutlich jeder, der sich auf eine Liebesbeziehung einlässt. Auch in langjährigen, an sich guten Partnerschaften gibt es immer wieder solche Phasen. Wir begegnen uns dann mit unseren unerledigten Themen, unsere

Lieber bewusst und glücklich als unbewusst und unglücklich
Was wir dafür brauchen, sind neue, realistischere Vorstellungen von Partnerschaft. Ich habe Jahre damit verbracht, um das in unserer Gesellschaft vermittelte Ideal der romantischen Liebe zu verabschieden, wonach Beziehungen dafür da sind, um von anderen glücklich gemacht zu werden und sich bis zum Ende aller Tage in der Komfortzone einer Beziehungskiste einzunisten. Auch ich habe gelernt, dass wir Beziehungen besser dafür nutzen, um gemeinsam zu wachsen und uns tiefer auf das Leben einzulassen. Inzwischen habe ich genügend Erfahrungen machen können um zu wissen, dass das Glück in der Liebe durch Beziehungsarbeit entsteht und durch Bewusstwerdung, also durch Selbsterkenntnis und Einsicht. Doch auch ich brauchte etliche Krisen und die Unterstützung vieler weiser Wegbegleiter (und brauche sie manchmal noch), um zu solchen Einsichten zu gelangen und ein schöpferisches Verständnis von Liebesbeziehungen zu entwickeln.


Werden Sie ein schöpferisches Paar!
Zu einem solchen Verständnis gelangen wir, indem wir Fragen stellen, die persönliches Wachstum und eine tiefere Verbindung ermöglichen: Wozu dient uns unser destruktives Verhalten? Wodurch stiften wir Trennung zwischen uns und wie erreichen wir Verbundenheit? Wofür können wir die schwierigen Momente nutzen? Was können wir durch sie lernen? In welchen Bereichen unserer Partnerschaft können wir noch lebendiger, liebevoller oder bewusster werden? Was können wir Neues ausprobieren, um aus alten Gewohnheiten herauszufinden? Welche Rollen nehmen wir gerade ein und welches Spiel spielen wir unbewusst miteinander? Und was geschieht, wenn wir diese Rollen verlassen und aus einem höheren Selbst heraus handeln?
Auch in Liebesbeziehungen halten wir uns an althergebrachte Selbstbilder und agieren aus bestimmten Rollenmustern heraus. Und genau hier können wir ansetzen, wenn wir uns neu erfinden, einschränkende Selbstbilder überwinden und offenere Vorstellungen von uns und unseren Partnern entwerfen.
Ein Mann, der glaubt nur dann geliebt zu werden, wenn er es seiner Partnerin recht macht und sich ihr bis zur Selbstaufgabe anpasst, befreit sich aus seiner Anpasserrolle, indem er Verantwortung übernimmt und Durchsetzungskraft entwickelt. Und seine Partnerin, die die passive Anhänglichkeit des Mannes bislang durch ihr mitunter übergriffiges Dominanzgebahren kompensiert hat, gibt ihre vermeintliche Stärke auf, indem sie ihm Vertrauen schenkt und sich auf ihre Intuition besinnt. Archetypisch gesehen entwickelt er männliche Krieger- und Heldenqualitäten, während sie die weiblichen Qualitäten einer Königin entfaltet.

Um uns als schöpferische Partner neu zu erfinden, brauchen wir neue Entwürfe von uns selbst. Wer bin ich jenseits meiner Prägungen, Gewohnheiten, Glaubenssätze? Wer bin ich wirklich? Wer bin ich, wenn ich liebe und tiefer schaue auf meinen liebevollen Kern?

Es ist ein Unterschied, ob ich mich als beziehungsunfähigen Neurotiker mit einer pathologischen Charakterstörung betrachte oder als spirituelles Wesen, das gerade eine menschliche Erfahrung macht – so wie ein Buddha, der sein Erleuchtungspotential vorübergehend vergessen hat, aber grundsätzlich immer über dieses Potential verfügt. Wer will ich sein als Partner und als Liebender? Zu wem oder was will ich mich ent-wickeln? Will ich als Bettler oder König lieben? Welches Potential muss ich entfalten, wenn ich mein wahres Wesen und meine Lebendigkeit in meiner Liebesbeziehung befreien will?


Von der verstrickten zur schöpferischen Partnerschaft
Auch als Paar führen uns solche Fragen weiter: Wohin möchten wir gemeinsam wachsen? Was wollen wir aus uns machen? Was ist unsere Bestimmung als Paar? Welche Probleme „kreieren“ wir unbewusst – und welche Aufgaben sollen wir als Paar folglich lösen? Welcher verborgene Sinn steckt hierin? Welchen Beitrag zur Bewusstwerdung könnten wir für andere Paare leisten? Wie soll unsere Liebe erblühen – und wozu? Was wollen wir unseren Kindern, Verwandten, Freunden und Kollegen durch unsere Liebe geben? Wenn wir uns bewusst machen, dass wir unsere Wirklichkeit und das heisst ganz unmittelbar die Atmosphäre unserer Beziehung durch unsere Wahrnehmungen und Gedanken ebenso wie durch Worte und Taten Tag für Tag aufs Neue gestalten: Was wollen wir dann erschaffen? Welchen Beitrag wollen Sie dann dazu leisten? Welcher Vision fühlen Sie sich verbunden? Und welcher Vision folgen Sie gemeinsam als Paar?
Sich in einer Liebesbeziehung neu zu erfinden und eine schöpferische Partnerschaft einzugehen verlangt Engagement und die Auseinandersetzung mit sich selbst. Neue Verhaltensweisen zu verinnerlichen, lebensfreundlichere Vorstellungen zuzulassen, Verstrickungen auzuflösen und alte Gewohnheiten zu überwinden kostet Kraft. Die meisten Menschen tun sich schwer, Altes los- und Neues zuzulassen. Manchmal gehen wir durch qualvolle Geburtsprozesse und verstehen nicht einmal, was gerade mit uns geschieht. Dann ist es gut, Geburtshelfer zu haben, also Menschen, die etwas von solchen Vorgängen verstehen und einem neue Perspektiven auf einfühlsame Weise aufzeigen können. Wenn mir nicht immer wieder lebenskluge und kompetente Menschen begegnet wären, die meine Potentiale erkannt und sie mir zugänglich gemacht hätten; wenn ich mir nicht immer wieder Unterstützung holen würde von Menschen, die mir das Überwinden meiner Selbstbegrenzungen ermöglichen: Ich wäre heute nicht der, der ich bin. Gerade in unseren Beziehungen stecken wir oft so tief in unseren Mustern, dass erst ein wohlwollend-distanzierter Blick von außen die Befreiung ermöglicht, nach der wir uns so sehr sehnen.

Meine bislang größte Neuschöpfung war wohl die Erfahrung, dass ich die Liebe, nach der ich viele Jahre lang im Außen gesucht habe, nur in mir selber finde; ja, dass ich diese Liebe bereits bin – so wir wir alle in unserem tiefsten Wesen bereits Liebe sind.

Ohne diese für mich umwälzende Selbsterkenntnis würde ich ganz sicher auch nicht immer wieder die Erfahrung machen, wie erfüllend es ist, sich in Partnerschaften neu zu erfinden, immer mehr von unserer wahren Natur zu verwirklichen und unsere Essenz zu leben: offen füreinander in Liebe zu SEIN.


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Paarberater und Single-Coach in Berlin.


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