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Ausgabe März 2011
Ego-Geist und göttlicher Geist - ein Interview mit Manfred Rother


Für den Therapeuten Manfred Rother beinhaltet geistige Heilung, den Gewohnheitsgeist mit seinen ungeprüft übernommenen Glaubensvorstellungen und Werten so zu irritieren, dass sich das Tor für einen neuen, reinen Geist öffnet.
Wir haben ihn zu seinen Erfa

KGS: Was bedeutet für Sie „geistiges Heilen“?

Geistige Heilung bedeutet im Wesentlichen die Integration alles Abgespaltenen, was auf andere Menschen projiziert wird, womit ein Verlust von Kraft einhergeht. Werden die dunklen Seiten, das Unbewusste, die Verletzungen und Traumata, das Verdrängte, Angstmachende im Inneren des Menschen bewusst und fühlend integriert, kommt es wieder zu einem harmonischen Gleichgewicht. Das heißt, erst wenn der Mensch im Geiste alles zurückgenommen hat und dadurch auch alles im Bewusstsein „verbrannt“ ist, ist er paradoxerweise frei und kann in eine innere Stille, die frei von Kampf ist, zurückkehren. Das ist auch mit dem Ausspruch von Meister Eckhart gemeint: „Selig sind die, die arm im Geiste sind“ - und eben nicht in einem inneren Krieg mit den Anteilen sind, die sie nicht haben wollen und auf andere projizieren.


Wir reden immer von Körper, Geist und Seele. Wenn etwas erkrankt, dann ist es in der Regel der Körper.

Ja, ich habe viele Jahre versucht, über meinen Körper Heilungsprozesse in Gang zu setzen – nach dem Motto „gesunder Körper, gesunder Geist“, musste aber feststellen, dass es auf diesem Weg gewisse Grenzen gibt. Eine andere Möglichkeit war der Weg über das Herz, indem man in die Emotionen geht, aber auch da kann man in die Irre laufen. Wirkliche Heilungsschritte habe ich erst in der Mysterienschule erfahren: sechs Jahre innere Tiefenerforschung der Seele und des entfremdeten Ich-Geistes. Erst da habe ich gemerkt, dass sich wirklich etwas verändert und heilt – auch rückwirkend auf seelische, emotionale und körperliche Traumata. Der Ursprung ist - für mich - demnach eindeutig im Geist. Geist in dem Sinne von Bewusstheit - auch dass ich Teil des absoluten, göttlichen Bewusstseins bin.


Unser Geist als die Verbindung zur göttlichen Einheit.

Ich spreche hier von dem reinen Geist, der immer verbunden, eins ist und nicht von dem persönlichen Ich-Geist, der sich vom natürlichen Einssein getrennt hat In diesem Zustand des reinen Geistes oder der reinen Bewusstheit kann man sehen, was nicht rein ist. Andersherum gesagt, kann man erst in den Zustand der Wahrheit oder des reinen Geistes kommen, wenn man die Unwahrheit entdeckt hat. Und dazu gehören unbewusst übernommene Glaubenssätze und Lehren von Vater und Mutter, von den Ahnen, von der Gesellschaft, von der Kirche – es ist ein Jahrtausende alter Geist, der da wirkt. Und dieser Geist war kein reiner Geist, sondern eine beschränkte Lehre. Hier geht es nicht um Schuldzuweisungen, denn auch unsere Eltern haben schon beschränkte Lehren erfahren. Die reine Lehre des Herzens ist parallel dazu von den verschiedensten Weisheitslehren weiter gegeben worden – sei es Buddha, Christus oder Mohammed.


Es gibt also zum einen die Weisheitslehrer, die die Lehre des reinen Geistes vermittelt haben und zum anderen Menschen, die diese Lehre missbraucht haben.

Ja, im Namen der Liebe wurde von Menschen Gewalt ausgeübt. Christus hat wahre Liebe gelebt und gelehrt, aber die Menschen haben mit der Christianisierung viel Leid über die Menschheit gebracht. Es gibt den schönen Satz: „Mit einer Idee oder einem Ideal fängt alles an.“ Auch Adolf Hitler hatte eine Idee des Wahren und Guten. Aber wenn eine Idee nicht aus einem reinen Geist wächst, ist die Gefahr groß, wie das 3. Reich gezeigt hat.


Aber die Idee an sich barg den Wunsch nach einem perfekten Menschen.

Hier haben wir den entscheidenden Punkt: Bevor wir perfekt, oder besser gesagt ganzheitlich, oder göttlich werden, müssen wir zuerst menschlich werden und das heißt eben nicht perfekt, sondern jenseits von gut oder böse, von richtig oder falsch, von perfekt oder unperfekt. Menschen machen Fehler und können daraus lernen. Dazu müssen sie die unvollständigen, unbewusst übernommenen Lehren und ihre unbewussten Triebkräfte fühlend erkennen und integrieren.


Also anzunehmen, dass wir nicht Gott sind, sondern...
... dass es noch einen Unterschied gibt – das kann uns Gott näher bringen.


Meines Erachtens lädt die spirituelle Szene zu schnell ein, das Menschliche und damit die Schatten leichtfertig zu überspringen und das Göttliche im Sinne von „wir sind alle eins“ naiv anzustreben. Aber hinter dem erwünschten Einheitsgefühl klafft eine Bewusstseinsspaltung, denn das Dunkle wird abgespalten. Und damit fehlt das Fundament, auf dem ein Haus gebaut werden kann. Die Seifenblase platzt irgendwann und man fällt wieder in den Abgrund. Erst wenn wir durch unsere tiefen Kellerräume gegangen sind und sie aufgeräumt haben, erst dann ist das Fundament stabil, um ein Haus darauf zu bauen. Aus dem Schlamm zieht der Lotus seine Kraft. Wir müssen zuerst in den Schlamm des Ego-Geistes, des Eigennutzes gehen und das Leid, dass er erzeugt, erkennend und fühlend integrieren. Erst dann können wir mit der Weisheit des Herzens wählen, einen anderen Weg zu gehen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine einmalige Entscheidung, sondern um eine tagtägliche. Wir müssen jeden Tag neu wählen, neu entscheiden und nicht anhalten und glauben, jetzt haben wir die Weisheit mit Löffeln gefressen. In dem Moment hat uns der alte Geist wieder. Es geht darum, jeden Moment neu bewusst zu sein und sich nicht auf alten Erkenntnissen auszuruhen und zu landen.


Es gibt also zwei Geisteshaltungen: die menschliche und die göttliche?

Wir sind nicht von dem Göttlichen getrennt, aber es hat sich etwas darüber gelegt durch die ungeprüft übernommenen Lehren, die wir erfahren haben. Und die gilt es zu erforschen. Deshalb biete ich ein Jahrestraining zur geistigen Heilung und innerem Wachstum an und zur Bewusstmachung der übernommenen Glaubenssätze und Vorstellungen, die über Jahrtausende wie ein Computerprogramm in jeder Zelle wirken.


Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Bei einer vertiefenden Frage (repeating question) „Liebst du dich selbst – bedingungslos?“, die eine Technik des Wachstumsjahres ist, erfuhr ich Folgendes: Als ich die Frage mit einem offenen Geist – und das heißt nicht nur mit dem Geist des Kopfes, sondern auch mit dem des Herzens und des Bauches – ganzheitlich beantwortete, zeigte sich, dass statt bedingungsloser Liebe ein abgrundtiefer Hass auf mich selber und auf alle Menschen spürbar wurde. Aber die Erkenntnis und innere Erlaubnis, auf die Frage nach Liebe auf einen tiefen Hass zu stoßen und den ohne Verurteilung anzunehmen, das war bereits ein Akt der Integration und Liebe. Nach diesem Schritt hat sich vieles in meinem alltäglichen Leben verändert und die wirkliche Liebe, die ohne Wahrheit nicht möglich ist, kann sich seitdem entfalten.


Alles Gute für Ihren weiteren Weg.



mehr Infos: www.wege-des-herzens-berlin.de


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