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Ausgabe März 2011
Geh, wohin dein Herz dich trägt - Christa Spannbauer Über die Sensibilität unseres Herzens

In das Herz eines jeden Menschen, so sagen die Sufis, legte Gott in seinem Schöpfungsakt einen göttlichen Funken. Diesen göttlichen Funken zu finden, ihn zu entfachen und zum Brennen zu bringen, so dass er den ganzen Menschen mit seinem Feuer erfasst, bis

In allen Weisheitstraditionen dieser Welt gilt das Herz als das Zentrum von Liebe, Mitgefühl und Weisheit und damit als das Tor zum wahren Selbst. „Geh den Weg des Herzens und versinke in der Liebe“, fordert daher die spirituelle Lehrerin Annette Kaiser, die in der Tradition der Sufis steht. Die leidenschaftliche Suche des Herzens führt den Menschen durch alle Höhen und Tiefen des Seins, sie mündet in beglückende Zeiten der Einheit mit dem Göttlichen und wirft ihn erneut heraus in schmerzvolle Zeiten der Trennung und Gottesferne. Diese Suche währt ein Leben lang und sie ist nie zu Ende. Doch wer einmal von der Liebe gekostet hat, das bezeugen die Liebesmystiker aller Traditionen, ist ein Wissender und sein Weg führt ihn unweigerlich immer tiefer in das Zentrum der Liebe.
Es ist zweifelsohne eine mutige Entscheidung, den Weg des Herzens zu wählen und ihn entschlossen zu gehen. Nicht umsonst fordern die spirituellen Lehrer aller Traditionen dies von ihren Schülern ein. Denn den Weg mit Herz zu gehen heißt, sich furchtlos dem zu stellen, was wir auf diesem vorfinden. Und damit auch dem, was wir in uns selbst vorfinden. Denn unser Herz ist nicht nur die Heimat der Liebe, in der wir die glücklichsten Momente unseres Lebens aufbewahren, es ist zugleich auch der Ort unserer frühesten Verletzungen und größten Kränkungen. Wer sein Herz öffnet, öffnet sich damit auch unweigerlich dem Schmerz, der in diesem beheimatet ist. Indem wir dies tun, machen wir uns bereit, uns dem eigenen Schatten zu stellen und den Schmerz in unser Leben zu integrieren. Jeder Herzensweg ist damit immer auch ein Weg der Herzensheilung.



Das Herz - unser Lebenszentrum


Wenn wir unser Herz öffnen, können wir unser Leben intensiver erfahren und auskosten. Beobachten Sie einmal ein zweijähriges Kind. Zweijährige sind wahre Emotionskraftwerke. Sie entdecken die ganze Bandbreite ihrer Gefühle. Berauscht von ihrer eigenen Lebenskraft jauchzen sie vor Vergnügen, schreien vor Zorn, weinen verletzt, verstecken sich ängstlich - und all das innerhalb kürzester Zeit.

Der Weg dorthin, davon ist der Philosoph Paul Ricoeur überzeugt, führt einzig durch die Erkundung und Anerkennung aller Emotionen. Um das Leben in seiner Fülle feiern zu können, ist es unabdingbar, die gesamte Palette der emotionalen Farbskala in das eigene Leben zu integrieren: zu weinen über das, was uns verletzt, zu lachen, wenn wir glücklich sind, zu fürchten, was uns wirklich bedroht und wütend zu werden über das, was unsere Integrität untergräbt. Gefühle sind elementare Kräfte unserer Lebensenergie. Sie sind wesentlich für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Auf ihre Essenz gebracht, schützt Angst, verteidigt Wut, erlöst Trauer, erhebt Freude und eint Mitgefühl. Um all diese Gefühle besser kennenzulernen und uns mit ihnen anzufreunden, können wir sie tanzen, singen, spielen, aufschreiben, malen oder anderweitig ausdrücken. Jeder Mensch hat hierfür seine eigenen kreativen Ausdrucksmittel, die ihn glücklich machen. Sie unterstützen uns auf unserem Herzensweg. Freude ist reine Herzensenergie. Sie zu nähren ist unsere Aufgabe.
Am Folgetag des 11. September schickte der Benediktinermönch und Friedensaktivist David Steindl-Rast einen bewegenden Aufruf in die Welt. In diesem machte er deutlich, dass es die Furcht im Herzen des Menschen ist, welche die Gewalt im Außen hervorbringt: „Es ist mein eigenes Herz, in dem ich Angst, Unruhe, Kälte, Abneigung und Regungen von blinder Wut erkennen muss. Hier in meinem Herzen kann ich Furcht in mutiges Vertrauen, Unruhe und Verwirrung in Stille, Abgetrenntheit in ein Gefühl der Zugehörigkeit, Abneigung in Liebe verwandeln“.

In allen spirituellen Traditionen finden wir Meditationen, Mantren und Körperübungen, die uns bei der Herzensöffnung unterstützen und Liebe und Mitgefühl fördern. In der christlichen Tradition gibt es hierfür das Herzensgebet, eine Meditationsform, die bewusst die Liebe im Herzen aktiviert. Die Meditierenden sammeln dabei ihre Aufmerksamkeit im Herzensraum und rezitieren innerlich ein mit Liebe aufgeladenes Wort wie ‚Jesu’, ‚Shalom’ oder ‚Eleison’. In der buddhistischen Tradition finden wir die Praxis der Liebenden-Güte-Meditation. Der Meditationslehrer Jack Kornfield lehrt diese als die Meditation der Herzenswärme, bei der die folgenden Worte innerlich gesprochen werden: „Möge ich mit Herzenswärme erfüllt sein. Möge ich gesund sein. Möge ich mich friedlich und gelassen füllen. Möge ich glücklich sein.“ Wenn Sie spüren, dass Ihr Herz von Herzenswärme erfüllt ist, können Sie die Wünsche auf andere Menschen in Ihrem Leben ausweiten und schließlich auf die gesamte Menschheit.
Eine eher verspielte, doch äußerst wirksame Möglichkeit der Herzensöffnung ist das Tanzen. Im Tanz treten wir mit der Schwingung des Kosmos in Verbindung. So wie der indische Gott Shiva inmitten des kosmischen Flammenkreises den ekstatischen Tanz des Lebens tanzt, ist auch unser Körper der Tanz eines dynamischen Kosmos, in dem sich alles, selbst die feste Materie in vibrierender Schwingung befindet.

Es ist an der Zeit, zur Weisheit unseres Herzens zurückzukehren. In ihrem bewegenden Buch „Geh, wohin dein Herz dich trägt“ rät uns Susanna Tamaro: „Und wenn sich viele verschiedene Wege vor dir auftun werden und du nicht weißt, welchen du einschlagen sollst, dann überlasse es nicht dem Zufall, sondern setze dich und warte. Lausche still und schweigend auf dein Herz. Wenn es dann zu dir spricht, steh auf und geh, wohin es dich trägt.“



Christa Spannbauer lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin.
Sie ist Herausgeberin des Buches „Im Haus der Weisheit – spirituelle Lehrerinnen und Lehrer sprechen über ihre Visionen für unsere Zeit“.

weitere Information unter www.christa-spannbauer.de


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