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Ausgabe März 2011
Hochsensibilität - Auszug aus dem Buch von Susan Marletta-Hart

Wie kann man lernen, mit dieser Gabe umzugehen? Die Autorin coacht Hochsensible auch online. Ihr neues Buch „Achtsam leben mit Hochsensibilität“ erscheint Ende März. Wir drucken einen Auszug - mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

Hochsensible wie Normalsensible kämpfen gleichermaßen mit Hektik, Stress und hohen Erwartungen, doch sensible Menschen leiden signifikant stärker unter Reizüberflutung, erhöhtem Lebenstempo und Negativität.

Studien zeigen: Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen haben ein sensibleres Nervensystem als der Durchschnitt. Sie nehmen mehr Reize wahr und beziehen mehr Information aus ihrer Umgebung als andere. Dieses Phänomen kommt bei Männern und Frauen gleich häufig vor; man findet es sogar unter Tieren. Die Informationsverarbeitung einer Highly Sensitive Person (HSP), wie diese Menschen manchmal genannt werden, arbeitet auf die eine oder andere Art weitreichender und differenzierter als beim Durchschnitt. Was da im Einzelnen anders abläuft, ist noch nicht völlig geklärt.

Hochsensible haben nicht etwa schärfere Sinnesorgane, aber sie verarbeiten die hereinkommende Information ausführlicher. Für viele Hochsensible (den einen mehr als den anderen) bedeutet der Alltag mit seinen üblichen Aktivitäten und Begegnungen ein stetes Ringen. Wie auch bei Autisten kommt bei ihnen häufig zu viel Information gleichzeitig an. Und wie bei Autisten können Extreme im sozialen Kontakt auftreten: einerseits zu offen und verletzlich zu sein und andererseits zu verschlossen.
In der Praxis zeigt sich: Die Art und Weise, wie der Einzelne mit der tagtäglichen Überdosis an Reizen umgeht, ist ganz individuell; sie hängt ab von den weiteren Persönlichkeitsmerkmalen eines Menschen, beispielsweise von seinen anderen Charaktereigenschaften oder von seiner Erziehung. Hochsensibilität ist nur eine Eigenschaft unter vielen anderen. Es ist darum eine Illusion zu glauben, Hochsensible seien sich in allen Dingen ähnlich.

Andererseits sind die Probleme, die die Eigenschaft der Hochsensibilität verursacht, wiederum doch recht universell. Diese Eigenschaft hat mehr Konsequenzen, die bis in kleinste Details unsere Lebensführung und Überlebensstrategien beeinflussen, als uns lieb ist. Als Hochsensibler ist man häufig besinnlicher, tiefer, träumerischer, bewusster als die weniger sensiblen Mitmenschen; doch man ist auch schneller gestresst, unsicher, ängstlich oder schüchtern.
Nach meiner Auffassung fahren Hochsensible am besten mit ihren ureigenen Strategien. Ihre optimale Strategie ist, die Dinge auf eigene Art und Weise und in eigenem Tempo zu tun. Wenn ihnen genügend Zeit zur Verfügung steht, um all die Details, die Nuancen und Facetten zu verarbeiten, und sie Raum haben, um sich in den Mikrokosmos wundervoller Farben, Energien und Feinheiten zu begeben, dann sind Hochsensible vielfach völlig zufrieden mit kleinen Dingen.



Hochsensible Kinder

Eltern, Lehrer und Sozialarbeiter bemerken, dass immer mehr sensible und hochsensible Kinder geboren werden. Auch nimmt noch immer die Anzahl von Autisten zu. Hochsensiblen Kindern nutzt eine gute Betreuung immens. Dabei ist es schon entscheidend, sich diesen besonderen Kindern zu öffnen; denn oft wissen sie selbst am besten, was sie benötigen. Diese Kinder kommen mit einer reinen Weisheit auf die Erde; sie haben eine bildschöne, wahrhaftige Ausstrahlung – und sie haben sehr viel Liebe zu geben, wenn wir dem nicht im Weg stehen. Diese Kinder benötigen Verständnis und ein offenes, interessiertes Ohr.
HSP-Kinder sind gegenüber HSP-Erwachsenen in dem Sinne im Vorteil, dass Kenntnisse und Verständnis dieser besonderen Eigenschaft in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Erst spät oder gar nicht erkannte Hochsensibilität ist häufig eine Ursache von Phobien, Unsicherheit, Depressionen und vielen weiteren psychischen Störungen. Gerade weil Hochsensible so aufmerksam sind, passen sie sich so gut wie möglich den Wünschen und Erwartungen ihrer Umgebung an, was schnell zu einer Diskrepanz zwischen ihrer Innen- und Außenwelt führt.
Das ist auch der Grund dafür, dass hochsensible Menschen vielfach so etwas sagen wie: „Ich würde so gerne in meine authentische Kraft kommen, statt jeden Tag aus meiner Mitte geworfen zu werden.“


Hochsensible hören, fühlen, riechen, schmecken und sehen besonders viele Nuancen.
Die vielen Details überwältigen und stören sie oft.
Sie spüren Stimmungen anderer sehr deutlich.
Sie haben eine reiche innere Erlebniswelt.
Sie träumen, fantasieren und betrachten ziemlich viel.
Hochsensible können besonders sorgfältig, bewusst und aufrichtig sein.
Sie brauchen überdurchschnittlich viel Zeit zur Verarbeitung und zur Erholung.
Sie können tief berührt werden durch Kunst und Schönheit.
Sie fühlen sich in der Natur zuhause und sind mit ihr verbunden.
Sie brauchen Stille, Ruhe und einen übersichtlichen Lebensrhythmus.


Der Weg zu einem erwachsenen Gefühlsleben und einer erwachsenen Kommunikation führt über die Einsicht in unseren eigenen Anteil – und über das tiefe Bewusstsein: Wir sind jetzt erwachsen und dürfen alles auf unsere eigene Art tun und lassen.
Ich selbst habe vor einiger Zeit folgende Frage in meinen Lebensweg eingebaut: Treffe ich diese Wahl aus Angst oder aus Liebe? Und meine Devise lautet: Niemals aus Angst etwas tun oder lassen! Wenn du all dem Gemecker und den Klagen um dich herum zu viel Beachtung schenkst, wirst du von Negativität angesteckt. Menschen reden einen Haufen Unsinn. Lass dich dadurch nicht ablenken.
Gedanken und Worte sind Energie. Es ist wichtig, sorgfältig mit Gedanken und Worten umzugehen. Wird es zu viel, bleiben negative Gedanken und Worte in deinem empfindlichen System als negative Energie hängen. Und nicht nur das; auch andere empfinden deine untergrabenden Gedanken und Sorgen und deine Kritik als lästig. Was hast du davon? Nichts. Schlicht und einfach gar nichts.
Sei authentisch, wage, du selbst zu sein, und wage, mutig zu sein. Lebe – und beginne das schon in Gedanken – als ein positives Vorbild, und inspiriere dazu auch deine Umgebung.


Susan Marletta-Hart (*1971), Autorin des 2003 erschienenen Buches „Leben mit Hochsensibilität, Herausforderung und Gabe“, studierte an der Universität Amsterdam Film- und TV- Wissenschaft sowie Kunst und Kulturgeschichte. Sie arbeitete mehrere Jahre als freie Journalistin. Ausgebildet in Shiatsu praktiziert sie seit vielen Jahren Chakra-Yoga, Qigong und Meditation.
Weitere Information unter www.susanmarlettahart.nl

Buchtipp: Susan Marletta-Hart, Achtsam leben mit Hochsensibilität, 144 S., Hardcover plus CD, 19,95 Euro, Aurum Verlag


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