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Ausgabe Februar 2011
Übergangsrituale - Rituale in der Natur
Die Werkzeuge auf dem Weg in eine andere Welt
von Geseko von Lüpke


Übergangsriten sind hochaktuell. Die Wurzeln solcher Rituale und Zeremonien mögen bis in die Steinzeit zurückreichen, und initiatorische Übergänge sind wahrscheinlich so alt, wie die Spezies Mensch. ‚Hochaktuell’? Das klingt nach einem krasses Paradox! Un

Weil sich tradierte Sicherheiten zunehmend in Luft auflösen, religiöser Halt wegfällt, Welt- und Selbstbilder nicht mehr stimmen, Nationalstaaten obsolet werden, kulturelle Identitäten ihre Bedeutung verlieren – ja, weil der Mensch der Gegenwart in zunehmender Geschwindigkeit und Radikalität aus seinen vertrauten Denk- und Handlungsmustern herausgestoßen wird, braucht er Rituale.
Rituale geben in einer Zeit der Desintegration ein Gefühl von Boden, Rhythmus, Sicherheit. Rituale sind ein kreativer Akt, in denen der Ausführende den großen Themen seines Seins und Werdens Bedeutung, Anerkennung und Selbstbestimmung gibt. Rituale sind zudem ein Akt der Partizipation, der Kommunikation und Teilhabe, des Einzelnen an der Gemeinschaft des Lebendigen und am größeren Ganzen. Sie machen aus dem winzigen Zweibeiner auf einem nebensächlichen Planeten in einem unbedeutenden Sonnensystem am Rande einer von Millionen Galaxien in einem riesigen Universum einen bewussten Teilnehmer, einen Splitter des großen Ganzen, einen authentischen einmaligen Ausdruck von Entwicklung und Reife.
Und Übergänge? Der moderne Mensch geht nicht weniger durch die existentiellen Übergänge des Lebens als seine Vorfahren in grauer Vorzeit. Ganz unabhängig davon, ob wir anstatt mit Steinwerkzeugen heute mit Tastaturen, Maus und Flachbildschirm hantieren, sind die Brüche im Leben die gleichen geblieben: Die Veränderungen von Selbstbild und Identität während der Pubertät, des Erwachsenwerdens, der Lebensmitte, in Alter und Tod sind nach wie vor die einzigen sicheren Lern- und Wachstumsstationen im Lebensweg. Doch wir schlingern und schleudern auf der Reise durch das Rad des Lebens, das wir fälschlicherweise für eine gerade Rennstrecke für ewig Jugendliche halten.
Außer kaum mehr wirksamen kirchlichen Zeremonien zu Kommunion, Konfirmation, Heirat und Begräbnis gibt es in der westlichen Kultur keine gestalteten Übergänge mehr. Weil persönliches Wachstum nicht mehr anerkannt wird, ist es häufig zum persönlichen ‚Ego-Trip’ geworden, anstatt damit der sozialen Gemeinschaft und ihrer nachhaltigen Stabilität zu dienen. Der Mangel an gestalteten Übergängen hat dazu geführt, dass wir in einer infantilen, verantwortungslosen, nicht länger mit den Kreisläufen der Natur verbundenen Kultur leben, die einem unreflektierten Konsumwahn folgt.
Ein tiefgehendes, in vielen indigenen Kulturen verwurzeltes Übergangsritual ist die Visionssuche: Menschen verbringen einige Tage und Nächte allein in der wilden Natur, fastend und ungeschützt, weit weg von den Mauern, Masken und Manieren der Zivilisation. Man mag sich mit Recht fragen, warum gerade Rituale in der Natur uns dabei helfen sollen, unseren zerstörerischen Umgang mit uns selbst und der Erde zu überwinden. Hat man uns doch in schulischer und kultureller Sozialisation eingetrichtert, dass die Natur sozusagen blutig an Klauen und Zähnen sei, jedes Wesen dort voller nackter Gewalt ums Überleben kämpfe und nur in krasser Konkurrenz eine Chance hat.
Diese sozialdarwinistische oder ‚biologistische’ Ideologie, auf die sich der Faschismus genauso bezog wie das moderne System einer industriellen Wachstumsgesellschaft, ist jedoch überholt. Wir wissen heute, dass es in der Natur kein monolithisch diktatorisches Regime einer Gattung über allen anderen gibt, sondern ein dynamisches, sich ständig neu ausbalancierendes Fließgleichgewicht. Zentrales Merkmal ist nicht die Herrschaft, sondern die Synergie, das Mitmachen. Die wesentliche Organisationsform in komplexen natürlichen Systemen wie der Wildnis ist die kreative Selbstorganisation, die sich in feiner und freier Abstimmung systemisch wie von selbst ergibt. Wer sich der Natur aussetzt, betritt einen Raum, in dem er oder sie diese Gesetzmäßigkeiten erfühlt und auf sich und seine Weltsicht anzuwenden lernt. Dabei wird tatsächlich die Natur zur ‚Lehrerin’ dafür, als Mensch selber in diesem Netzwerk des Lebens seinen authentischen Platz einzunehmen. Wie hat es schon Albert Schweitzer formuliert: „Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.
Der Mensch muss erkennen, als wer er oder sie gemeint ist. Deshalb geht es bei Übergangsritualen heute nicht mehr wie in grauer Vorzeit um die Initiation in eine soziale Gruppe. Vielmehr geht es dabei mehr um einen Prozess der ‘Individuation’. Dies aber nicht im Sinne des ‘krassen Individualisten’ und ‘einsamen Helden’ nach der Mythologie des ‘Wilden Westens’, sondern einer Individuation, in der man zu dem Menschen wird, der man wirklich ist. Tatsächlich sind moderne Initiationsrituale vor allem als pädagogisch-therapeutische Hilfen zur Bewältigung von Wandlungsprozessen von Bedeutung. Indem Übergangsrituale Reifungsprozesse bestätigen, ermöglichen sie, den persönlichen Wandel des Einzelnen auch in die Gesellschaft herein zu tragen. Sie tragen damit zur Reifung der Gesellschaft als Ganzes bei.

Indem das Ritual der Visionssuche die Potenziale jedes einzelnen bestätigt und stärkt, macht es die Teilnehmer unabhängiger von der Bestätigung durch andere. Übergangsrituale haben damit einen emanzipatorischen Charakter, befreien von Abhängigkeiten von Sekten, Fundamentalismen oder politisch radikalen Gruppen. Das Individuum erfährt sich dort draußen selbst und erlebt sich – physisch ebenso wie spirituell – getragen von einem Netz des Lebens. Eine solche Erfahrung führt ethisch und philosophisch zu einem tiefen Wertewandel, indem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Welt nicht mehr als Umwelt wahrnehmen, sondern als Mitwelt erleben. Sie hat damit eine unmittelbare ökopädagogische Wirkung. So eröffnet die Arbeit mit Übergangs- und Naturritualen einen Zugang zu einem integralen Menschenbild wie es die Pioniere der Philosophie heute immer öfter beschreiben: der Einzelne hat die Chance, archaisches, magisches, mythisches und rationales Wahrnehmen zu erfahren und sich so zu einem integralen Menschen zu entwickeln. Und genau das scheint der evolutionäre Auftrag unserer Zeit zu sein.

Der Autor Dr. Geseko v. Lüpke, Journalist, Buchautor, - zivilgesellschaftlicher Netzwerker und seit zehn Jahren Leiter von Visionssuchen.

Lesetipps:
Sylvia Koch-Weser, Geseko von Lüpke: Vision Quest. Visionssuche: In der Wildnis allein auf dem Weg zu sich selbst. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2009, 19,50 Euro
Franz P. Redl: Übergangsrituale. Visionssuche, Jahresfeste, Arbeit mit dem Medizinrad. Drachen Verlag, Klein Jasedow 2009, 24,80 Euro


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