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Ausgabe Februar 2011
Magie und Schamanismus
Von Annette Bauer und Paul Uccusic von der Foundation for Shamanic Studies Europe


Magie ist in aller Munde. Harry-Potter-Bücher erreichen Millionenauflagen. Im Schlepptau solcher Werke findet sich auch Kunterbuntes über schwarze Magie, über echten oder vermeintlichen Schadzauber sowie über Hexen und deren Verfolgung durch die Kirchen.

Ein Blick in Wikipedia erläutert: „Magie (von grch. , mageía für Zauberei, Gaukelei, Blendwerk – aus dem altpersischen Magusch, der Bezeichnung der zoroastrischen Priester) ist die angebliche Beeinflussung von Ereignissen, Menschen und Gegenständen auf übernatürliche Art und Weise. Der Magier versucht, diese Beeinflussung der von ihm angenommenen übernatürlichen Kräfte, Geister oder Dämonen mit Hilfe von Ritualen, Beschwörungsformeln oder ähnlichen Praktiken vorzunehmen. Die Abgrenzung zum Schamanismus ist umstritten“.
Eine Beschreibung in ähnlicher Kompaktheit für Schamanismus beizubringen würde bereits ein Buch erfordern (der diesbezügliche Wikipedia-Artikel ist von atemberaubender Länge), deshalb in Kürze einige Bestimmungsgrößen, wie sie vom US-Anthropologen Michael Harner, einem der bekanntesten Schamanismusfoscher, formuliert wurden:

Schamanen glauben an Geister; also an Wesenheiten, die sich in einem eigenen Bereich der Wirklichkeit befinden, der seit Carlos Castaneda „Nichtalltägliche Wirklichkeit“ (NAW) genannt wird. (Korrekterweise sollte es heißen: Schamanen haben sich durch eigene Erfahrung davon überzeugt, dass Geister real sind - was umgangssprachlich „Glaube“ genannt wird.)

Schamanen sind befähigt, diesen Bereich mit Hilfe veränderter Bewusstseinszustände aufzusuchen, Geister zu kontaktieren und diese für heilerische (oder schädigende) Zwecke einzusetzen. Früher verwendete Termini „weiße“ und „schwarze“ Magie scheinen angesichts moderner Erkenntnisse obsolet.

Zur Erhaltung eigener Effizienz und Schutz wird dem schamanisch Arbeitenden die Einhaltung ethischer Grundsätze empfohlen. Diese Regeln („wer sich nicht daran hält, verliert die Kraft zu schamanisieren“) wurden früher mündlich weitergegeben, heute sind sie auch schriftlich zugänglich. Bezeichnenderweise fehlt in der Wikipedia-Definition der moralische Aspekt, wohingegen Miers den „eigensüchtigen Missbrauch psychischer Kräfte“ als konstituierendes Element schwarzer Magie klar anspricht.

Schamanische Fähigkeiten stecken grundsätzlich in jedem Menschen. Diese können durch gezieltes Training (weiter)entwickelt werden.


Es ist also einerseits eine Frage des Konzeptes, anderseits eine der Erfahrung, wie man an Schamanismus und Magie herangeht. Für den Schamanen – oder, in der westlichen Kultur, für den schamanisch Tätigen - ist nichts Übernatürliches im Spiel; Geister sind Teil der Natur, auch wenn sie von der Naturwissenschaft, die diesen Bereich als „wissenschaftlich nicht beweisbar“ ausklammert, nicht wahrgenommen werden. So genannte magische Wirkungen erscheinen nur dem Uneingeweihten als magisch, unerklärlich, übernatürlich.

Was der Schamane von seinen Reisen aus der Nichtalltäglichen Wirklichkeit, NAW, zurückbringt, kann man sowohl Information als auch magisches Ritual nennen. Er reist nicht um der Magie Willen, sondern um Hilfe und Heilung für Klienten zu finden. Unterstützend treten ihm helfende Geister, Krafttiere und Lehrer zur Seite. Der Schamanische Practitioner der Gegenwart bereist die NAW ohne traditionelle Ansätze und ist auf sich allein gestellt. Das Fehlen von Vorgaben einer bestimmten ethnischen Tradition gibt ihm die Chance, neue Wege zu beschreiten.

Was in den herkömmlichen Betrachtungen zumeist fehlt, ist der Ausdruck „Kraft“. „Kraft“ aber ist der Schlüssel zum Schamanisieren, ohne Kraft gibt es keinen Schamanen – ein wesentlicher Unterschied zum Magier. Spirituelle Helfer wie Krafttier oder Lehrer gelten als die wichtigsten Bezugswesenheiten zur Kraft, aber in schamanischen Kulturen sind die Ursprünge viel weiter gefasst. Die Kraft kann vom Himmel, von bestimmten Pflanzen, von der Erde, von Flüssen und Bergen oder von einem Schamanen-Urahn stammen.
Schamanen haben oft noch andere Fähigkeiten; Wissenschaftler erkennen in den Geschichten- und Märchenerzählern noch heute den Protopoeten, den ersten Dichter der Menschheit - oder den ersten Theologen, der die Welt der Götter und Dämonen mehr oder weniger systematisch erforschte, was sich in Form von Mythen und Legenden bis in die Gegenwart erhielt. In diesem Sinne mag man die Schöpferin von Harry Potter, Joanne Rowling, durchaus als Schamanin verstehen – und übertragen als Magierin des Geschichtenerzählens, der es gelang, Kinder- und Erwachsenenaugen zum Leuchten zu bringen.
Im Gegensatz dazu werden Adepten in magischen Logen (heute auch in Fernlehrgängen!) erst nach längerer Lehrzeit initiiert; sie folgen oft detaillierten Anweisungen meist schriftlicher Überlieferungen. Der Magier führt vorgegebene Rituale aus, wie z. B. die der Kabbala. Er selbst hat zu entscheiden, was moralisch vertretbar ist und was nicht.

In einer schamanischen Gesellschaft hingegen sind alle eingebunden; Schamane zu sein war und ist vor allem eine soziale Aufgabe - als Heiler, Helfer, Problemlöser, Streitschlichter, Wissender, Dichter, Barde, Visionär.
Paul Uccusic wurde 1937 in Wien geboren. Er war Journalist und ist Direktor der Foundation for Shamanic Studies Europa. 1971 kam er mit Parapsychologie und Geistheilung in Kontakt, recherchierte für eine Zeitungsserie und eine Monographie hauptsächlich in England und den USA. Er arbeitete mit Uri Geller, berichtete über dessen Auftritte und übersetzte eines seiner Bücher ins Deutsche. 1981 traf er auf Michael Harner. Dessen Core-Schamanismus wurde sein Hauptinteressensgebiet. Studienaufenthalte in den USA, in Südamerika und in Sibirien folgten. Veröffentlichungen: Zahlreiche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften. Monographien: „Psi-Resümee“ (1975), „Naturheiler“ (1978), „Doktor Biene“ (1982), „Heilen“ (1984) und „Der Schamane in uns“ (1991).

AutorenInfo: Annette Bauer, geboren 1967 in Berlin, ist Layouterin, Heilpraktikerin & Yogalehrerin. Mit Schamanismus & schamanischen Reisen beschäftigt sie sich seit 2003 und veranstaltet die Basisseminare in Berlin; Seminarleiter ist Paul Uccusic persönlich.


Literaturtipps:
Franz Bardon: Die Praxis der magischen Evokation. Freiburg, 1958.
Carlos Castaneda: Die Lehren des Don Juan. Frankfurt, 1974.
Michael Harner: Hallucinogens in European Witchcraft. In: Harner (ed.): Hallucinogens and Shamanism, London 1981.
Michael Harner: Der Weg des Schamanen. Interlaken 1985.
Horst E. Miers: Lexikon des Geheimwissens. Freiburg, 1975.
Susan Mokelke: Ethical Considerations in Shamanic Healing. SHAMANISM 21, 12/2008 und „Der Ehrenkodex des Heilers“, SCHAMANISMUS 2/2009


Weitere Information unter Wikipedia www.wikipedia.org //
Foundation for Shamanic Studies www.shamanism.org
Foundation for Shamanic Studies Europa www.shamanicstudies.net


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