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Ausgabe Januar 2011
Leben gegen den Strom
Ein Interview von Christian Salvesen mit Ayse Auth


Geboren in Darmstadt, aufgewachsen in der türkischen Provinz, heute erfolgreich als Top-Stylistin in Deutschland: Die Autobiografie der Deutsch-Türkin Ayse Auth ist ein spannendes Buch über das wahre Glück, den Ruf der eigenen Bestimmung – und nicht zulet

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In der historischen Innenstadt Münchens, an einem grauen, tristen Wintertag. Hell erleuchtet sind die hohen Fenster des feinen Frisiersalons HaarWerk. Ich trete ein. Frauen und Männer jeden Alters lassen sich hier verschönern, viele Promis, Künstler, Medienleute. Ein äußerst angesagter Laden. Drinnen werde ich von Empfangschef Marcus zu einer Ledercouch geführt. Den mir gereichten Espresso schlürfend, am Vollkornkeks knabbernd, werde ich intensiv, aber nicht unfreundlich von unten durch zwei pechschwarze Kulleraugen gemustert. Aha, offenbar noch ein Mitglied des Empfangskomitees: Billy ist eine Bulldogge im Handschuhfachformat (französische Rasse) und der erklärte Liebling der Chefin.
Da kommt sie schon. Ays,e trägt lässig-edles Outfit, ist selbstbewusst, offen und von erfrischender Natürlichkeit. Ihre langen blonden Haare umspielen ein zartes Gesicht mit weichen, braunen Augen. Wir legen gleich los, weil sie viel zu tun hat. Dennoch scheint diese Frau die Ruhe selbst. Ein Mensch, für den Stress ein Fremdwort ist? Da kann ich ja gleich aufs Ganze gehen …


 


Ays,e, was liegt Ihnen besonders am Herzen? Bitte ganz direkt und spontan.


(Lacht) Also, wir beide scheinen ja etwas gemeinsam zu haben: Immer das Wichtigste zuerst. Am Herzen liegt mir vor allem, dass ich möglichst oft das tue, was ich wirklich liebe.


 



Also immer auf der Sonnenseite des Lebens?



Natürlich nicht. Aber wenn man keine Liebe und Leidenschaft empfindet für das, was man tut, dann ist das der sicherste Weg, um sich schon zu Lebzeiten aus dem Leben zu verabschieden. Glauben Sie mir: Ich liebe meine Kunden, ich liebe jedes einzelne Haar, und wenn ich da keinen Spaß, keine Leidenschaft fände, würde ich das nicht machen.





Was ist es, das Sie im Moment besonders begeistert?



Um ehrlich zu sein: Im Moment bin ich in der Abklingphase einer großen Begeisterung. Ich fühle mich etwas ausgelaugt. Und dann auch noch verschnupft. Ich will am liebsten nur noch gedrückt werden!




Aha, lassen Sie mich raten: Ihr Buch?



Ja. Ich habe im vergangenen Jahr meine eigene Geschichte tausendmal nacherlebt. Das ist nicht einfach, wirklich: Es ist, als ob man sein eigenes Leben nochmals durchmacht.
Aber Sie führen doch ein tolles Leben!
Sie sehen mich heute hier in einer Umgebung, die völlig anders ist als die meiner Kindheit und Jugend.


Sie haben es schwer gehabt ...


Sehen Sie, das ist jetzt schon wieder eine dieser Schubladen! Wir alle haben unterschiedliche Startvoraussetzungen, das stimmt – aber könnte es denn anders sein? Früher habe ich viel mit meinem Leben gehadert. Und ich schien gute Gründe dazu zu haben. Die ganze Welt kam mir blöd und böse vor. Ja, es hat mich sogar schwerkrank gemacht. Ich habe mich selbst als Opfer gesehen.
Als junges Mädchen sagten Sie sich dann selbst: Hier, bei der Oma, in diesem gottverlassenen Dorf, will ich nicht bleiben. Ich werde ganz anders leben, ich werde mir meinen Traum erfüllen.
Ja, so war das. Ich war davon überzeugt, dass es geschieht. Ich hatte eine Vision. Und ich habe mir die Fähigkeit zu träumen bis heute erhalten.
In Ihrem Buch unterscheiden Sie zwischen bloßem Ehrgeiz – machen, machen, machen – und dem tiefen Wunsch nach Erfüllung.
Ja, ich möchte innerlich erfüllt sein. Nicht einfach nur erfolgreich.


 


So einen Laden aufzuziehen, das erfordert doch sicher auch eine Menge Einsatz …



Das sage ich Ihnen! Und gute Nerven. Aber … also, ich war irgendwie immer überzeugt: Ich schaffe das … so eine Art Urvertrauen.
Sie bezeichnen sich selbst als ein „Kind zweier Welten“. Was meinen Sie damit?
Das hier (macht eine ausladende Handbewegung) ist meine heutige Welt. Ich genieße es, ein Teil davon sein zu dürfen. Aber die Welt, aus der ich komme, die ist ganz anders. Ich bin in einem echten türkischen Kaff aufgewachsen. Bei meiner Oma, am Rande der westlichen Zivilisation.
Ihre Oma war immerhin eine ungewöhnliche Frau …
Das kann man wohl sagen. Für alle in unserem Dorf war sie die „Weise Frau“. Seherin, Heilerin, Richterin. Sie hat mich bestimmte Dinge gelehrt, ohne dass ich es überhaupt bewusst mitbekommen hätte. Heute weiß ich, dass es mich doch sehr geprägt hat. Es gehört mit zum Besten, was ich mein Eigen nenne.




Was zum Beispiel?



Nun, meine Oma hat viele Dinge gewusst und praktiziert, für die man sich in Deutschland heute erst zu interessieren beginnt.




Was meinen Sie damit?



Für sie bestand kein Unterschied zwischen „Wünschen“ und „Beten“.
Das klingt in der Tat überraschend aktuell, wenn man sich die Bestsellerlisten hierzulande anschaut.
Ich selbst habe dieses Geheimnis, wenn es denn eines ist, schon in meiner Kindheit kennengelernt. Ohne die Fähigkeit zu visualisieren und zu manifestieren, wie man es hier nennt, wäre ich damals vollständig versauert. Ganz bestimmt!


 



Worin liegt denn Ihrer Meinung nach das Neue an der „neuen Spiritualität“?



Wenn man sich selbst liebt, gilt man sowohl in der christlichen als auch in der islamischen Welt als egoistisch. Das ist überholt. Ich meine, man beginnt erst an sich selbst zu arbeiten, wenn man sich selbst zu lieben gelernt hat. Man sollte an sich arbeiten wie eine Kosmetikerin, die noch unter die Falten geht.
Was ist für Sie das Wichtigste im Leben?
Ich liebe meine Freiheit und lasse den Menschen, die ich liebe, ihre Freiheit. Und ich bin der Überzeugung, dass unser Leben immer genau mit derselben Energie gesättigt ist, die wir selbst auch in uns haben.
Jetzt möchte ich aber doch ein Beispiel hören, wie Ihre Oma Ihnen das beigebracht hat.
(Lacht) Oh, da könnte ich Ihnen viel erzählen. Lesen Sie mein Buch! Gut, also ein Beispiel. In bestimmten Büchern heißt es, dass man über einen Wunsch, den man manifestiert hat, möglichst nicht sprechen, ja, dass man ihn am besten vergessen soll. Meine Oma drückte das so aus: „Wenn du dem Wind etwas Wichtiges anvertraust, dann musst du ihm auch Gelegenheit geben, es zu Gott zu tragen.“ Genau dasselbe, aber irgendwie poetischer, nicht?


 


Sind Sie religiös?



Nicht im konventionellen Sinn. Ich bin spirituell. Ich bete gern – auf Deutsch, nicht auf Arabisch, wie ich es in der Koranschule gelernt habe. Den Koran verstehe ich ehrlich gesagt nicht. Ich finde die Gesänge der Muezzins schön, aber mehr auch nicht. Eher noch fühle ich mich zum Buddhismus hingezogen, auch wenn das schwer umzusetzen ist. Dazu muss man wohl ins Kloster gehen, was ich nicht möchte.


 



Was ist das Geheimnis der Wunscherfüllung?



Es geht nicht um „Ich will dies, ich will das!“ – Es geht um Zauber und Wunder, um die Welt des Kindes, die in uns Erwachsenen nicht sterben darf. Ich habe als Kind mein Fenster aufgemacht und mir am Himmel eine Welt gemalt. Ein Erwachsener benutzt dazu andere Techniken, und die kann man lernen.


 


Was steht jetzt an? Urlaub?



Ja. In Florida. Sonne, Strand, Menschen. Und dann wieder mein Traumberuf, um den ich mich jetzt ein Jahr lang nicht so wie sonst kümmern konnte.



Buchtipp:
Ayse Auth: Freiheit schmeckt wie Tränen und Champagner. Mein wunderbares Leben gegen den Strom. 416 S., geb. mit Schutzumschlag, Integral, € 19.95


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