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Ausgabe Januar 2011
Wertschätzen - Das Gold der Partnerschaft
Ein Beitrag des Paarberaters Jochen Meyer



Wann haben Sie Ihrem Mann zuletzt gesagt, dass Sie ihn lieben? Wann haben Sie Ihrer Partnerin zuletzt gesagt, was Sie an ihr schätzen? Wie offen zeigen Sie Ihre Wertschätzung? Wie drücken Sie gegenseitig Ihre Zuneigung aus? Und wie oft tun sie das? Wissen Sie, dass für den Bestand einer Partnerschaft ein wertschätzender Umgang miteinander wichtiger ist als die Fähigkeit, Probleme zu lösen?


„Ich fühle mich von dir nicht genügend respektiert.“ Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit mit Paaren immer wieder. Vielen fällt das Wertschätzen ihres Partners schwer, wenn ich sie darauf anspreche. Dafür gibt es gute Gründe: Wir wachsen in einer wenig wertschätzenden Kultur auf und leben in einer Gesellschaft, die sich mehr um Probleme sorgt, als sich an ihren Möglichkeiten erfreut. Genau das tun auch viele Paare. Sich Vorwürfe zu machen, anstatt einander wertzuschätzen, reflektiert dieses kollektive Muster unbewusst. Doch geht es dabei nicht um ein paar kleine Unaufmerksamkeiten; wir verpassen einander grundsätzlich. Männer tun sich schwer, Frauen dafür zu schätzen, wie sie die Dinge sehen und ihr Leben organisieren. Sie werten ihre Vitalität, ihre Kreativität, ihre emotionalen Seiten, ihre sexuelle Kraft, ihre Weisheit und die Größe ihrer Herzen ab. Frauen würdigen Männer nicht in ihrer Potenz, sei es im Berufsleben, bei der Bewältigung des Alltags, auf der geistigen Ebene oder im Bett. Maskuline Energie ist ihnen unheimlich. Die Schwächen ihrer Männer kritisieren, das können Frauen häufig gut. Männer aber in ihrem Starksein achten und sie in ihrer Kraft sogar noch fördern, das ist etwas anderes.


Wir begegnen uns als Gebrochene und brechen einander noch mehr, anstatt unsere Verletzungen zu heilen.


Statt das zu ehren, was uns einzigartig macht; statt uns für das zu bewundern, was was wir voneinander lernen können, verlieren wir uns im alltäglichen Kleinkrieg, werfen uns Lieblosigkeiten an den Kopf und entfernen uns immer weiter voneinander. Mitunter setzen wir mangelnde Wertschätzung auch unbewusst ein, um uns nicht zu nahe zu kommen. Wenn ich Angst vor Nähe habe und Liebe dauerhaft gar nicht annehmen kann; wenn ich befürchte, verletzt zu werden, sobald ich mein Herz öffne, dann werde ich schon einen Anlass finden, meine Partnerin von mir zurückzustoßen. Schnell ein paar kränkende Bemerkungen, und die gemeinsame Idylle ist dahin. Damit gerate ich nicht in Gefahr, mich auf eine tiefere Verbindung einzulassen und genau die Liebe zu genießen, nach der ich mich innerlich sehne. So hart es klingt: Wir müssen oft erst lernen, einander wirklich wertzuschätzen und in der Tiefe anzunehmen.


Das Alltägliche würdigen


Wertschätzen ist die Fähigkeit, an einer Person oder in einer Situation etwas Wertvolles zu erkennen und es zu würdigen. Wertschätzen heißt zunächst einmal anzuerkennen, was an einem Menschen oder einer Situation wertvoll ist. Es beginnt damit, dass ich mit ein paar liebevollen Worten die kleinen Dinge würdige, die ich sonst übersehe und die doch alles andere als selbstverständlich sind: Den für mich erledigten Einkauf, die mitgebrachten Blumen, deinen spontanen Einfall, mich heute Abend ins Kino einzuladen. Wertschätzen ist das Gegenmittel zu unachtsamen oder gleichgültigem Verhalten, das jede Partnerschaft schleichend vergiftet. Wertschätzung erfüllt eines unserer tiefsten Grundbedürfnisse: Wir wollen von unseren Liebsten gesehen, respektiert und als jemand Besonderes behandelt werden.


Wertschätzen bedeutet aber noch mehr. Ich begegne einem Menschen wertschätzend, wenn ich ihm gegenüber grundsätzlich offen, freundlich und wohlwollend bin; in Erwartung positiver Ereignisse – ohne jedoch darauf angewiesen zu sein. In Partnerschaften bedeutet das: Wichtiger als dein Verhalten sind deine positiven Absichten und deine grundsätzlichen Fähigkeiten. Ich schätze dich mehr für deine Potentiale als für das, was du gerade daraus machst. Wertschätzung heißt: Ich schätze Werte höher als Resultate. Ich versuche zu sehen, was du Gutes im Sinn hast, was dir grundsätzlich möglich ist und nicht, was dir bei der Umsetzung misslingt. Auch wenn die Bratkartoffeln heute verbrannt sind, bleibst du für mich eine großartige Köchin!



 


Das Unvollkommene begrüßen


Etwas wertzuschätzen, das mir gefällt, ist nicht schwer. Aber etwas anzunehmen, das mir nicht passt, kann extrem harte Arbeit bedeuten.  Und am schwersten ist dies natürlich bei uns selbst. Wahre Größe habe ich, wenn ich mich in meinem Unvollkommensein annehmen kann. Wenn ich mich auch dafür schätze, wo ich versage, scheitere, unachtsam bin, mich oder andere verletze oder sogar schädige: Hier beginnt die hohe Kunst der Wertschätzung. Mich in solchen Momenten zu akzeptieren und konstruktiv mit mir auseinanderzusetzen ist weitaus schwerer als über mich herzufallen und mich niederzumachen. Ich musste das erst lernen, übe es weiter und helfe mir in solchen Fällen mit Sätzen wie diesem: „Auch wenn mir das hier gerade nicht gelingt, bin ich ein liebevoller Mensch.“ Genauso wollen wir von unseren Partnern behandelt werden. Für meine Partner-schaft heißt das: Auch wenn meine Partnerin nicht immer so ist, wie ich sie gerne hätte, liebe ich sie und stehe zu ihr. Wenn ich meine Partnerin sogar für das liebe, was ich von ihr nicht bekomme und was sie mir beim besten Willen nicht geben kann, dann beginne ich, sie in ihrer menschlichen Begrenztheit zu lieben. Und das verlangt mehr von mir, als sie zu idealisieren und über den grünen Klee zu loben.


 



Einander in Wertschätzung befreien


Hier berühren wir die eigentliche Tiefendimension der Wertschätzung. Wir alle sehnen uns danach, in unserem mängelbehafteten Sein geliebt und gerade dadurch an unser vollkommenes Wesen erinnert zu werden.


Wir wollen in Liebe erkannt werden,
anstatt Liebe durch heldenhafte Taten
erst verdienen zu müssen.


Ich möchte von meiner Partnerin als liebevoller Mann gewürdigt werden, selbst wenn ich gerade sehenden Auges Mist baue. Mir meiner eigenen Unfähigkeit bewusst zu werden, das kriege ich schon alleine hin. Aber an das Licht in mir und mein liebevolles Potential zu glauben, wenn ich gerade scheitere, dafür brauche ich, brauchen wir andere Menschen, seien es gute Freunde, spirituelle Lehrer oder eben unsere Partner.


Wahre Wertschätzung bedeutet, in die Tiefe zu sehen und den Anderen in seiner Essenz zu bejahen. Es bedeutet, dass wir aufhören, einander zu definieren; aufhören, uns über das zu beurteilen, was wir voneinander kriegen oder nicht kriegen. Es bedeutet auch, dass ich dich sein lasse, wer du bist.


Wirkliches Wertschätzen belohnt uns mit dem Geschenk der Freiheit. Es verlangt einen Perspektivwechsel und den Abschied von den alten Gewohnheiten des Mangeldenkens. Ich bin dann bereit, auf das zu schauen, was ich an meiner Beziehung gut und sinnvoll finde und was ich an Schönem, Heilsamem und Erfüllendem mit meiner Partnerin erlebe. Ich schaue auf das, was uns gelingt, was uns miteinander verbindet und was wir miteinander erreichen können. Ich entwickele die Fähigkeit, Ja zu sagen zu dem, was ist – und die Bereitschaft, in jeder noch so schwierigen Situation etwas zu finden, woran ich wachsen kann.


Indem wir uns und andere wertschätzen,
werden wir frei, denn wir sind dann nicht mehr darauf angewiesen, dass die Dinge nach unseren Vostellungen laufen.


Dann wird es mir sogar möglich, an meiner Beziehung das zu schätzen, was ich nur schwer ertrage. Wertschätzen befähigt mich, das Gold in meiner Partnerschaft zu erkennen; und es ermächtigt mich, das Gold in meine Beziehung hineinzubringen – selbst Gold zu sein. Was mir dabei hilft? Vielleicht ist es die Einsicht, dass ich meine Partnerin niemals ganz verstehen werde. Aber anstatt mich darüber aufzuregen: Es geht mir einfach besser, wenn ich sie bewundere!


 


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und –Therapeut und arbeitet als Paarberater und Single-Coach in Berlin.



Fragen zum Weiterdenken

Wie wertschätzend ist unser Umgang miteinander?
Wie könnte er noch wertschätzender werden und was kann ich hierfür tun?
Was von dem, das du für unsere Beziehung tust, würdige ich?
Was bewundere ich an dir, und wie häufig sage ich dir das?
Wie zeigen wir einander, dass wir uns lieben?
Wieviel Zeit verbringen wir mit Zuneigung und Zärtlichkeiten?
Wodurch nähren wir unsere Verbindung – und wie könnten wir das noch bewusster tun?
Worin respektieren wir einander – und auf welchen Gebieten nicht?
Worin wünsche ich mir mehr Respekt von dir?
Könnte ich dir selbst mehr Respekt entgegenbringen?
Sind wir als Paar auf Wachstum und Entwicklung ausgerichtet, oder klammern wir uns an Probleme?
Schaue ich mehr auf auf das, was gut zwischen uns läuft, oder auf die Seiten unserer Partnerschaft, die mir Schwierigkeiten bereiten?
Wie handhaben wir das beide im Umgang miteinander?
Wieviel Raum nehmen wir uns beziehungsweise geben wir einander für unsere persönliche Entwicklung sowie für unsere Entwicklung als Paar?
Sind wir ein wertschätzendes Paar – oder ein ätzendes?
Wie tolerant bin ich Situationen gegenüber, die mir nicht gefallen?
Bin ich fähig, auch einmal kürzer zu treten und dir trotzdem wohlwollend zu begegnen?
Kann ich die Seiten an dir akzeptieren, die ich nicht so toll finde?
Dienen wir einander oder arbeiten wir gegeneinander?
Sind wir fähig, unsere jeweiligen Potentiale zu erkennen und uns in unserer Entwicklung zu unterstützen? Oder versuchen wir unbewusst, einander klein zu halten?
Können wir uns lieben und sein lassen, wie wir sind, oder bestehe ich darauf, dass du dich änderst?
Was wollen wir miteinander erreichen?
Verfolgen wir gemeinsame Ziele?
Wie könnten wir einander noch mehr dienen, ehren, wertschätzen?



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