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Ausgabe Januar 2011
Was ist Alchemie? von Christian Salvesen

Eine Universal-Wissenschaft in Vergangenheit und Gegenwart
Alchemie gilt als geheimnisumwitterte Vorläuferin der heutigen Chemie und Pharmakologie. Esoterische Wissenschaft, Magie, Zauberei? Christian Salvesen ist einer alten Tradition auf der Spur, die h

Geschichte und Philosophie
Das Wort „Alchemie“ kommt vom arabischen „al-kymiya“. Darin steckt das ägyptische Wort kemet (Das Schwarze, die schwarze Nilerde) und auch das griechische chymeia (schmelzen, gießen). Für die Alchemie unseres Kulturkreises – es gibt auch eine indische und chinesische – sind damit schon einige Aspekte angedeutet: Erde, Materie, erhitzen, formen.
Als Urvater der Alchemie gilt Hermes Trismegistos, ein legendärer ägyptischer Weiser, der die „Smaragdene Tafel“ verfasst haben soll und mit dem ägyptischen Gott Thot, dem Gott des Mondes, der Zeitrechnung und der Magie gleichgesetzt wurde. In der Antike und im Mittelalter kursierten diverse „Hermetische“ Schriften, in denen die Umwandlung von Metallen in Gold, ein lebensverlängerndes Elixier namens „Der Stein der Weisen“ und – damit verbunden, eine Weisheitslehre zur Transformation des Menschen beschrieben wird. Die „tabula smaragdina“ enthält nur 15 Sätze. Zwei davon lauten:
(2) Dasjenige, welches Unten ist, ist gleich demjenigen, welches Oben ist. Und dasjenige, welches Oben ist, ist gleich demjenigen, welches Unten ist, um zu vollbringen die Wunderwerke eines einzigen Dinges.
(9) Die Erde musst du scheiden vom Feuer, das Subtile vom Dicken, lieblicherweise, mit einem großen Verstand.
Eine wichtige Quelle für Alchemisten bis heute ist auch die antike griechische Naturphilosophie und die Lehre der vier Elemente. Der Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr. in Athen) hat sie zusammengefasst und erweitert. Er war in der frühen islamischen Kultur und im christlichen Mittelalter hoch geachtet. So wurden auch die Alchemisten bei der Anwendung seiner Prinzipien nicht als Ketzer verfolgt. Laut Aristoteles ist die Materie (hyle) passiv und geistig formbar. Und: Die vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer können ineinander verwandelt (transmutiert) werden.
Das versuchten technisch versierte Alchemisten wie Zosimus aus Panopolis (ca. 250 bis ca. 310 n. Chr.) in Werkstätten und Tempeln im hellenistischen Ägypten bereits vom 1. bis zum 7. Jahrhundert umzusetzen. Durch Destillation wurden die Essenzen von Pflanzen für medizinische Zwecke gewonnen, durch Erhitzung Substanzen getrennt und zu neuen Verbindungen verschmolzen - bildhaft als „alchemische Hochzeit“ dargestellt.
Im Mittelalter waren Alchemisten an fast allen Höfen aktiv. Bis ins 18. Jahrhundert griffen Herrscher immer wieder auf sie zurück. Sie sollten ihnen durch Goldgewinnung die leeren Kassen füllen. So (wieder-) entdeckte Johann Friedrich Böttger im 17. Jahrhundert am sächsischen Hof das „Weiße Gold“, das Porzellan, was in China schon Jahrhunderte zuvor produziert wurde.


 



Was wollen Alchemisten erreichen?
Alchemie ist eine komplexe Wissenschaft. Sicher gab es – nicht zuletzt unter dem Druck machtgieriger Herrscher – immer wieder Versuche, aus niederen Metallen wie Blei Gold zu gewinnen. Es ist kein Experiment bekannt, bei dem das gelungen wäre. Doch das Prinzip dahinter ist bis heute in Wissenschaft, Technik und Wirtschaft aktuell, denn so gut wie alle Verfahren wollen aus möglichst billigen Rohstoffen hochwertige Produkte herstellen. Die Alchemisten versuchten, bestimmte Stoffe auf die Urmaterie (Aristoteles’ „prima materia“) zurückzuführen und neu zu formen, zu „veredeln“.
Zum anderen ist es ein Grundgedanke spiritueller Traditionen, dass sich der Mensch selbst transformieren kann. Und dabei gilt ein ähnliches Prinzip. Negative Emotionen wie Hass und Gier sind Energie, und die lässt sich umwandeln in Mitgefühl.



Im Materiellen wie im Geistigen ist für Alchemisten das Feuer der Schlüssel, der Katalysator zur Wandlung. So wie sich im Athanor, dem Ofen des Alchimisten, die Elemente durch kurze hohe Erhitzung oder durch lange, gemäßigte Wärmeeinwirkung verwandeln, so kann auch die starre Haltung eines Menschen durch das geistige Feuer der leidenschaftlichen Suche nach Wahrheit und Erkenntnis aufgelöst werden. Bewusstheit transformiert Angst und Enge in innere Freude und Offenheit. Das ist die spirituelle Alchemie von Buddha und Jesus bis zu heutigen Lehrern wie dem XIV. Dalai Lama, Willigis Jäger u.a.
In der Alchemie – so im mittelalterlichen „Opus Magnum“ - werden drei Phasen unterschieden:
Nigredo, Schwärzung(-Fäulnis): Individuation, Reinigung, Ausbrennen von Unreinheit
albedo, Weißung: Vergeistigung, Erleuchtung
rubedo, Rötung: Vereinigung des Menschen mit Gott, Vereinigung des Begrenzten mit dem Unbegrenzten.



 



Naturwissenschaftliche Erfolge

Auch wenn die Alchemie heute meist von Wissenschaftlern belächelt wird, sie hat bemerkenswerte Erkenntnisse geliefert. Der Alchemist Vincenzo Casciarolo aus Bologna zum Beispiel stellte 1604 erstmals einen Phosphoreszenz-Farbstoff her, den „Bologneser Leuchtstein” oder „Lapis Solaris”.
Während die Alchimisten von vier Grundelementen (plus dem 5. Element Äther) ausgingen, unterscheidet die heutige Chemie 110 Elemente. Doch einige davon haben Alchimisten gefunden. Und auch wenn ein modernes Chemielabor heute ganz anders aussieht als die mittelalterliche Alchemistenküche, viele Gerätschaften wie der Destillierkolben aus Glas sind ohne die Erfindungen der Alchimisten undenkbar. Außerdem waren einige der richtungsweisenden Wissenschaftler zugleich Alchemisten, darunter Robert Boyle, der als Mitbegründer der modernen Chemie gilt und vor allem, der berühmteste, Isaac Newton (1642–1727). Er befasste sich Zeit seines Lebens mit alchemistischen und esoterischen Schriften (vor allem der Rosenkreuzer) und experimentierte immer wieder, oft monatelang, in seiner eigenen kleinen „Alchemistenküche“.



 



Die Philosophie

Im weiten Feld der Alchemie gab und gibt es ganz unterschiedliche Richtungen und Ansätze. Die einen Alchemisten sind technisch orientiert und zielen auf handfeste Ergebnisse, andere eher philosophisch, metaphysisch oder mystisch und suchen – wie Faust – zu ergründen, was „die Welt im Innersten zusammenhält“.



„Wie oben, so unten“ sagte Hermes Trismegistos. Dieser kurze Hinweis kann einen echten Sucher ein Leben lang beschäftigen. Was bedeutet das? Sind die Sterne ein Spiegel des Geschehens auf der Erde? Ist unser Körper aufgebaut wie das ganze Universum? Sind niedere Triebe wie Neid und Gier und höhere Gefühle wie Liebe womöglich eins?



Dann ist da Aristoteles - mit seiner Logik, Naturphilosophie und Metaphysik bei allen Alchemisten hoch geachtet. Von ihm stammt der Satz: „Die Zerstörung eines jeglichen Dinges ist die Gebärung eines anderen.“ Ewige Verwandlung, ein weiteres Grundprinzip des Lebens, dem sich die Alchemisten widmeten.
Schließlich die seelische, innere Komponente der Alchemie, mit der sich der Tiefenpsychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) ausgiebig befasste. Die verschiedenen alchemischen Vorgänge – wie beispielsweise die Umwandlung eines bestimmten Metalls in ein anderes – stehen bei ihm für die Entwicklung des Menschen, d.h. für innerpsychische Prozesse. Und dieses Konzept knüpft an die spirituelle Transformation des Menschen an, wie sie schon in der alten indischen Philosophie am Bild des Lotus veranschaulicht wird, der seine wunderschöne Blüte aus den Wurzeln im Schlamm treibt.



 


Alchemie heute
In mancher Hinsicht erfährt die Alchemie heute eine „Renaissance“, modern gesagt ein „revival“. In die (alternative) Medizin werden zunehmend Verfahren von Paracelsus und anderen bedeutenden alchemistischen Ärzten einbezogen. Edelsteine und Edelmetalle erhalten ihre alte Bedeutung in manchen Therapien neu zurück. Die heutige Schulmedizin öffnet sich zunehmend für asiatische Heilverfahren wie der Traditionellen Chinesischen Medizin, der Tibetischen Medizin oder des Ayurveda, die im Prinzip alchemistisch sind. Alle Systemtheoretiker und namhaften Wissenschaftler sehen heute das Problem, dass sich die Wissenschaften zu sehr spezialisieren. Der Blick für das große Ganze geht verloren. Und so werden alte „ganzheitliche“ Wissenschaften und Künste wieder fast zu einem Vorbild, zumindest zu einem Modell, von dem es etwas zu lernen gibt. Und die Alchemie ist heute eines der wichtigsten Modelle.


 



Der Autor Christian Salvesen ist Redakteur der Zeitschrift „Visionen“ und lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er ist Autor der Bücher: „Liebe: Das Herz aller Weltreligionen“ und „Advaita. Vom Glück mit sich und der Welt eins zu sein“ (beide O.W. Barth Verlag) und „Die Formel der Unsterblichkeit. Ein Schamanenkrimi“ (Koha-Verlag).


 


Buchtipps:
Maria Szepes: Der Rote Löwe. Broschiert, Heyne TB, 9,90 €
Ulrich Arndt: Schätze der Alchemie - Edelstein-Essenzen. Lebenselexiere nach den Lehren von Alchemie und Ayurveda. Nietsch-Verlag, 15,90 €
Helmut Gebelein: Alchemie. Diederichs, 6,90 €
Weitere Anregungen unter www.alchemikus.de





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