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Ausgabe Mai 2003
Thich Nhat Hanh - Frieden im Alltag finden


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Anfang Juni wird der vietnamesische Zenmeister und Dichter Thich Nhat Hanh zusammen mit ca. 20 Nonnen und Mönchen aus seinem Kloster “Plum Village” in Berlin im an der TU an fünf Abenden einen Alltagskurs abhalten. Wir drucken einen Auszug aus dem gerade im Theseus Verlag erschienenen Buch “Aus Angst wird Mut”:

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Sind wir fähig, die Wirklichkeit-an-sich zu berühren? Die buddhistischen Lehren sagen ja. Eine Blume kann die Manifestation der Welt der Soheit – der Wirklichkeit-an-sich – sein, wenn wir sie direkt wahrnehmen. Es hängt von unserem Wahrnehmensmodus ab, ob wir die Soheit der Blume berühren oder lediglich ein Bild, das unser Geist erschaffen hat. Allerdings erfolgen unsere Wahrnehmungen nur selten im Modus der Dinge-an-sich. Gewöhnlich nehmen wir die Dinge als Abbilder oder als bloße Vorstellung wahr.
Wenn wir uns verlieben, verlieben wir uns meistens in ein Bild, das wir uns von unserem Geliebten machen. Dieses Bild ist so stark, dass wir nicht mehr essen, schlafen oder sonst etwas tun können. Unser Geliebter erscheint uns so schön, aber unser Bild von ihm kann tatsächlich weit von der Wirklichkeit entfernt sein. Wir erkennen nicht, dass das Objekt unserer Wahrnehmung nicht die Wirklichkeit-an-sich ist, sondern ein Bild, das wir selbst geschaffen haben. Haben wir unseren Geliebten dann geheiratet und zwei, drei Jahre mit ihm zusammengelebt, erkennen wir, dass das Bild, an dem wir uns festgehalten haben und das uns nachts den Schlaf geraubt hat, größtenteils falsch gewesen ist. Das Objekt unserer Wahrnehmung, unser Bild von unserem Geliebten, gehört zur Wahrnehmung der Abbilder. Unser Bewusstsein manifestiert ein Bild des Objekts, und wir lieben dieses Bild. Das Bild, in das wir uns verlieben, hat möglicherweise nur sehr wenig mit der Person an sich zu tun.
Auf diese Weise leben wir möglicherweise dreißig Jahre mit jemandem zusammen und begreifen die Wahrheit dieses Menschen nie. Vielleicht ist unser gegenwärtiges Bild von dieser Person näher an der Welt der Person-an-sich als unser Bild von vor dreißig Jahren, aber es ist immer noch ein Bild – es gehört immer noch zum Feld der Abbilder. Wissenschaftler sagen, dass sie noch immer nicht genau wissen, was ein Staubkorn eigentlich ist. Die Existenz eines Elektrons erfüllt uns mit großer Ehrfurcht. Und doch sitzt hier ein Mensch neben uns, und wir glauben bereits alles über ihn zu wissen. Wir hassen oder lieben, abhängig von selbst geschaffenen Bildern. Die meisten unserer Wahrnehmungen, Sehnsüchte und Abneigungen spielen sich im Feld der Abbilder oder im Feld der bloßen Vorstellung ab.Ein Gutteil des Leidens, das wir Tag für Tag erfahren, resultiert aus unseren auf Furcht und Unwissenheit gründenden falschen Wahrnehmungen. Hindus und Moslems, Palästinenser und Israelis fürchten die jeweils andere Seite wegen der falschen Bilder, die sie voneinander haben. Weil sie im Bereich der Abbildungen gefangen sind, fügen sie einander fortgesetzt Leid zu. Tagein, tagaus leben wir im Bereich der Abbildungen, voll von Missverständnissen und Diskriminierungen, und wir leiden darunter.
Deshalb müssen wir kritisch mit unseren Wahrnehmungen umgehen, müssen die Dinge, von denen wir glauben, sie gehörten zur Welt der Dinge-an-sich, eingehend untersuchen und herausfinden, ob es sich nicht doch nur um Abbilder oder bloße Vorstellungen handelt. Unsere Übung besteht darin, die Tendenz des unterscheidenden, dualistischen Denkens zu korrigieren, damit die Wirklichkeit eine Chance erhält, sich zu enthüllen.
Aus: Thich Nhat Hanh: Aus Angst wird Mut. Grundlagen buddhistischer Psychologie, Theseus, Berlin, 2003, 22,90 Euro, ISBN 3-89620-201-4


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