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Ausgabe Dezember 2010
29 Geschenke - Wie Cami Walker eine weltweite Bewegung des Schenkens auslöste.

Cami Walker, PR-Managerin in Los Angeles, bekommt mit Mitte 30 die Diagnose Multiple Sklerose. Sie unternimmt einen ungewöhnlichen Versuch der Heilung, der nicht nur ihr selbst, sondern Tausenden von Menschen in aller Welt hilft. - Von Hans Friedrich

Wir kennen zwar das christliche Gebot der Nächstenliebe und auch den hehren Spruch: "Geben ist seliger denn nehmen!" Dennoch erleben wir immer wieder, dass sich kaum jemand daran hält. Jeder scheint nur auf seinen Vorteil bedacht zu sein und darauf, möglichst viel zu bekommen, im großen Spiel der Politik und Wirtschaft ebenso wie im alltäglichen Gerangel um Gewinn und Erfolg. Da tut es einem vielleicht gut zu erfahren, dass es auch die gegenläufigen Bestrebungen zur Selbstlosigkeit gibt und dass die sogar viele Menschen zum Mitmachen bewegen.

Cami Walker hatte gerade geheiratet und sah eine glückliche Zukunft vor sich, als ihr die Ärzte in Los Angeles die Diagnose stellten: Multiple Sklerose. Eine Krankheit, die allmählich die Muskeln lähmt und gegen die es bisher kein Heilmittel gibt. Erste Symptome wie Schwächeanfälle, Schwindelgefühl und Unsicherheiten beim Gehen hatten sich bereits früher gezeigt, doch nach der Diagnose brach für Cami eine Welt zusammen. Sollte ihr geliebter Mann sie pflegen müssen bis zum bitteren Ende? Ihren Wunsch nach Kindern konnte sie doch nun vergessen! An eine weitere Karriere im Beruf war gar nicht zu denken. Sie würde zwar nicht bald sterben, aber immer hilfloser werden. Ihre individuelle Ausprägung der Krankheit war zudem mit heftigen Schmerzen verbunden.

Kein Wunder also, dass sich Cami rundum schlecht fühlte, als sie die Heilerin Mbali aufsuchte. Die empfahl ihr ein Ritual aus der afrikanischen Tradition: Gib 29 Tage lang ein Geschenk an irgendjemand, es muss nichts Großartiges oder Wertvolles sein, vielleicht ein Telefongespräch mit jemandem, der Hilfe braucht, etwas mehr Zeit mit jemandem verbringen, ein kleines Geldgeschenk. Wichtig ist, dass das Schenken einfach spontan und vom Herzen kommt, ohne an den eigenen Vorteil zu denken. Das kann dich aus deinem inneren Gefängnis herausführen!

Cami tut es und erfährt schon nach wenigen Tagen des Schenkens, dass sie sich besser fühlt, dass sie ihrem Ehemann durch Offenheit näher kommt, dass sie von allen Seiten beschenkt wird. Am 13. Tag beschließt sie, dass sie diese Idee der 29 Geschenke der ganzen Welt präsentieren möchte - was ja durch das Internet gut möglich ist. Sie lässt eine professionelle Website nach ihren Vorgaben einrichten. Sie stellt im Herbst 2007 erste Videointerviews ins Netz, bittet Menschen, sich in die Liste einzutragen, womit sie sich innerlich verpflichten, 29 Geschenke zu geben und anschließend können sie auf der Website mitteilen, ob und wie sich ihr Leben durch die 29 Geschenke verändert hat. Mittlerweile gibt es über 12.000 Mitglieder in 42 Ländern.
Cami ist körperlich zwar nicht geheilt, aber glücklich. Sie unterstützt beruflich Einrichtungen und Unternehmen, die sich für das Wohl anderer einsetzen. Ihre Ehe hat sich in eine neue Dimension der Liebe und Harmonie vertieft. Auf den Videoclips im Internet sehen wir eine zarte Frau Ende dreißig, die sowohl nachdenklich und engagiert wirkt, zugleich aber auch immer wieder befreit auflacht.


Im Folgenden einige Auszüge aus dem Buch von Cami Walker.

"Jetzt also habe ich Mbali am Apparat. Ich erzähle ihr, dass ich am nächsten Tag zur Entgiftung in die Psychiatrie gehen werde, und sie hört mir sehr aufmerksam zu und lässt mich eine Zeitlang weinen. Dann unternimmt sie in ihrem britischen Singsang den Versuch, mich aus meinem Selbstmitleid herauszuholen.

"Cami", sagt sie, "ich glaube, du musst aufhören, so viel über dich selbst nachzudenken."
Ein paar Augenblicke lang bin ich sprachlos. Ich sehe Mbali am anderen Ende neben ihrem Altar sitzen, der sanfte Widerschein des Lichts in ihrer Wohnung auf ihrem silbrigen Haar und der bronzefarbenen Haut. Sicher trägt sie eine dieser wunderschönen bunten Halsketten, die sie selbst macht, und lächelt über mein bestürztes Schweigen.
"Über mich nachdenken?!", bricht es aus mir heraus, und dann bekommt sie die ganze Litanei zu hören - was für ein erbärmliches Wrack ich bin, wie kaputt mein Körper ist und wo um alles in der Welt ich in diesem Zustand den Raum hernehmen soll, an irgendetwas anderes als mich zu denken.
"Das ist das Problem, ich weiß", sagt sie. "Aber wenn du deine ganze Zeit und Energie auf die Schmerzen konzentrierst, arbeitest du nur der Krankheit zu. Du machst es schlimmer, wenn deine Aufmerksamkeit nur da ist."
Ich nehme das erst einmal wortlos in mich auf.
"Cami", sagt sie mit besänftigender Stimme, aber ihre Worte treffen mich mit voller Wucht, "du sackst immer tiefer in ein schwarzes Loch. Ich gebe dir jetzt etwas, womit du dich wieder heraus graben kannst."
"Was soll ich tun?", frage ich.
"Du bekommst von mir ein Rezept. Ich möchte, dass du an 29 Tagen 29 Geschenke machst."
Ich blinzle und lasse das einen Moment auf mich wirken, bevor ich mir sage, dass es Unsinn ist. Erstens gehe ich doch jetzt für acht Tage ins Krankenhaus, was soll ich da schenken?
"Da werden außer dir noch andere sein", hält Mbali dagegen. "Die kannst du beschenken. Es muss nichts Materielles sein."
Ich bestehe darauf, dass ich jetzt alle Kräfte auf meine eigene Heilung sammeln muss, aber Mbali führt mir ganz ruhig vor Augen, was ich dabei übersehe: "Das Gesundwerden passiert doch nicht im luftleeren Raum, Cami, es geschieht im Austausch mit anderen. Beim Schenken bist du auf das ausgerichtet, was du anderen bieten kannst, und genau das ebnet der Fülle den Weg in dein Leben. Schenken heißt aktiv werden, und das ist es, was Veränderungen einleitet. Es richtet deine Energie auf Leben aus."
Ich spüre, wie ich abdrifte, wie ich in Vorstellungen von all dem versinke, was ich jetzt wieder durchstehen muss. Mir tut alles weh, und ich kann verdammt noch mal nicht einmal laufen! Willst du mir etwa erzählen, dass es mir besser geht, wenn ich ein bisschen Kleingeld weggebe oder jemandem einen Gefallen tue? Also wirklich!
Mbali erzählt mir, wie die "Herausforderung" des Schenkens auf sie wirkte, als sie damit anfing. Ja, irgendetwas ist dran, aber ich höre eigentlich nicht richtig zu. Sie sagt, das Schenken mache einen bescheiden und einfach, es halte das Herz offen, es vitalisiere - solche Sachen.
Während dieser neunundzwanzig Tage, erfahre ich weiter, schenkt man nicht nur, sondern führt auch Tagebuch darüber. Wenn aus irgendeinem Grund einmal ein Tag ausfällt, fängt man am besten wieder von vorn an; so entlässt man die bis dahin aufgebaute Energie und baut sie neu auf.
Ich beschäftige mich schon lange mit Spiritualität und alternativer Medizin, aber das hier geht mir zu weit. Außerdem stecke ich ja mitten in einer medizinischen Krise. Eher mechanisch, ohne echte Einwilligung, schlage ich mein Tagebuch auf und notiere: "An 29 Tagen 29 Geschenke machen." Ich klappe es wieder zu und verabschiede mich höflich von Mbali.

Weitere Information auf der Website: http://www.29Gifts.org

Lesetipp
Cami Walker, 29 Geschenke, Wie ein Monat des Gebens das Leben heilen kann, 272 S., geb., Integral/Random House, € 17.99


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