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Ausgabe Dezember 2010
Mystik im Alltag von Paul Lindner

Wenn wir in unserer chaotischen Welt etwas Zeit erübrigen und uns von der Außenwelt für eine Weile abkehren können, dann stellt sich irgendwannn jeder einmal die Frage, ob es in unserem Leben etwas gibt, das einen noch tieferen Sinn hätte; etwas Erhabenes

Ein mystisches Erlebnis kann uns Aufschluss darüber geben, dass es in und um uns etwas Ewiges gibt. Außerdem kann es uns von Grund auf verändern und uns die Möglichkeit geben, uns selbst und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Erkenntnis, die wir daraus ziehen würden, könnte uns positiv stimmen und mit Ruhe und Harmonie erfüllen, das ganze Leben lang.


Von hier zur Erleuchtung in wenigen Schritten
Mystik ist eine Form des Erlebens, die religös bezogen auf das Absolute, also auf Gott ausgerichtet ist. Mystische Erlebnisse, die man auch Gotteserfahrung oder Erleuchtung nennt, sind in allen großen Weltreligionen bekannt. Auch das Christentum hat viele große Mystiker, wie z.B. Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila oder Meister Eckhart. Doch praktische Mystik muss nicht nur etwas für Kirchenväter, Mönche, Ordensschwestern oder inbrünstige Gläubige sein. Eine mystische Erfahrung kann jeder machen. Mystik ist eine Etappe in der Entwicklung unseres Bewusstseins, unserer Persönlichkeit. Diese Stufe folgt der Etappe des Rationalismus, wenn man nämlich die Grenzen des rationalen Denkens, der Vernunft der Ich-Persönlichkeit erreicht hat.
Das klingt zunächst fern und unerreichbar, aber das ist es nicht. Clemens hat das mal wissenschaftlich folgendermaßen ausgedrückt: „Das menschliche Gehirn besitzt 10 hoch 84 Schaltungsmöglichkeiten. Das sind etwa so viele potenzielle Verknüpfungen von Gehirnzellen, wie es im Universum Elementarteilchen gibt, also der ganz kleinen Teile innerhalb der Atome. Jede Verbindung stellt eine Synapse dar, die so genannte Botenstoffe aussendet, von denen unser Körper mit all seinen Systemen gesteuert wird. Das Interessante an dieser gigantischen Erkenntnisreserve liegt darin, dass das Gehirn nicht so aufgebaut ist wie ein Computer, bei dem wir uns durch eine weit verzweigte Struktur hindurchklicken müssen, um an bestimmte Daten heranzukommen, sondern dass es ein so multidimensionales Gebilde ist, dass jede dieser 10 hoch 84 Erkenntnismöglichkeiten von Jetzt maximal vier Schritte entfernt liegt. Anders ausgedrückt heißt das: Erleuchtung ist jederzeit möglich.“  

Loslassen

Um sich einem mystischen Erlebnis zu nähern, sollten wir zuerst den eigenen Geist klären. Nehmen wir uns Zeit, suchen wir uns eine ruhige Ecke, wo wir uns sitzend oder liegend von allen Gedanken, die uns beschäftigen befreien. Um Erleuchtung zu erlangen, muss man die Außenwelt und sich selbst komplett loslassen, oder wie es der Schriftsteller Michael Ende schrieb: „Er begriff, dass er nun, da er ganz aufgab, was er bisher Wirklichkeit genannt hatte, erst begann, sich der Wirklichkeit zu nähern.“ Das gänzliche Loslassen scheint nicht kompliziert, verlangt jedoch viel Übung und Geduld und kann selten spontan gelingen. Um es uns vielleicht etwas anschaulich zu machen, könnten wir uns unsere Gedanken als Bläschen in einer Mineralwasserflasche vorstellen, die nach oben entweichen. Wir beobachten, wie sich jeder Gedanke aus unserem Kopf löst, doch wir wir folgen ihnen nicht.
Damit Gott unseren Geist vollständig ausfüllen kann, muss dieser leer sein, frei von Gedanken oder emotionallen Zuständen wie Angst oder Zweifel. Der Autor des Bestsellers „Ich bin dann mal weg“, Hape Kerkeling, der in dem Buch seine Pilgerreise über den Jakobsweg schildert, sagt es deutlich: „Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen.“ Die oft langwierigen Übungen sollten uns nicht entmutigen. Übrigens gibt es Hunderte von Übungsmöglichkeiten, die viele Religionsrichtungen anbieten, das Christentum genauso wie der Islam, das Judentum, der Buddhismus oder der Hinduismus. Da findet jeder für sich etwas Passendes.

Eins mit Gott

Gotteserfahrungen sind in unserem Leben sehr wichtig, die Suche nach ihnen, nach der Mystik, ist in unserem Unterbewusstsein tief verankert, auch wenn das äußerlich zuerst nicht so scheint. „Die Seele besitzt eine Fähigkeit, alle Dinge zu erkennen, darum hat sie keine Ruhe, sie komme denn in die oberste Vorstellung, wo alle Dinge Eines sind, und dort findet sie Ruhe“, sagt Meister Eckhart. Ist es denn nicht ganz natürlich, dass wir gern gen Horizont schauen und je weiter dieser sich erstreckt, desto schöner, vollkommener erscheint er uns. An seinem Ende verschmelzen die Dinge. Wenn wir beispielsweise einem Feld aus leuchtenden Kerzen bis zu unserer Sichtgrenze folgen, so sehen wir unmittelbar vor uns die einzelnen Lichter, jedoch am Horizont ein Lichtermeer. Und so sucht auch unser Geist stets nach der Einheit, nicht der Zwietracht.
Wenn wir alles loslassen und uns die Gnade zuteil wird, einen mystischen Augenblick zu erleben, dann vereinigen wir uns mit der absoluten Wahrheit. Für Momente klären sich Verstand und Seele; wir erwachen zu einer neuen Wirklichkeit. Menschen, die eine Gotteserfahrung gemacht haben, verändern sich oft in sozialer und politischer Hinsicht: Sie reagieren verstärkt auf menschliches Leid, Ungerechtigkeit. Schöne Beispiele einer Beschreibung des mystischen Erlebnisses finden wir zahlreich in der Literatur; hier eine Umschreibung von Janosch, dem bekannten Kinderbuchautor: „Wenn du dir vorstellst, der Mensch habe in seinem Kopf oder sonstwo ein riesiges Archiv, wo der ganze Kosmos abrufbar wäre und alles, was es gibt und gab seit Beginn der Zeiten. Wo er mit einem Mal ALLES begreifen könnte. Wo er aber bisher nur mit seinem kleinen Licht herumgesucht hatte, in dem er sich bewegt. Und mit einem Mal gibt es einen Blitz, und du übersiehst alles, was du da mit dir herumträgst, ohne es zu wissen. Alle Fragen beantworten sich...“

Es klingt fantastisch und das ist es auch. Es lohnt sich darauf hinzuarbeiten, mit den Übungen zum Loslassen fortzufahren. Albert Einstein meinte, dass der Mensch ohne mystische Erfahrungen nur ein unvollkommenes Leben führen würde. Bestimmt wäre es da nicht verkehrt, gerade in unserer hektischen Welt, in unserem Alltag mystisches Streben in unser bewusstes Denken aufzunehmen. Es könnte gute Früchte tragen.

Der Autor Paul Lindner studierte Literaturwissenschaften und arbeitet als Pflegehelfer in der Berliner Diakonie. Er ist verheiratet und hat eine Tochter.
Den Text widmet er seinen beiden Brüdern, Michael und Christoph.


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