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Ausgabe November 2010
Die Heiligung des Körpers von Wolf Schneider

Nach den Jahrtausenden der Kulturentstehung und Überschätzung des Geistes und Verstandes ist es Zeit, zum Körper zurückzukehren. Zurück zu den Wurzeln, zu unserer Heimat und Wohnung, zu dem Tempel, in dem unsere Seele wohnt: zum Körper

Was ist uns heilig? Der "heilige Geist"? Eher nicht. In Zeiten, da wir gepeinigt sind von geistigen Kräften, die uns knechten und per Ehrgeiz antreiben bis zum Ruin unserer Gesundheit und Umwelt, erscheint uns doch eher der Körper heilig zu sein - der Körper als Retter der Seele. Das Christentum, das um den Erhalt seiner alten Konzepte ringt, müsste die Idee des Heiligen Geistes (es ist ja nur eine Idee - erst in ihrer kollektiven Wirkung wird sie zur Tatsache) durch die des Heiligen Körpers ersetzen, um wieder ganz zu werden, göttlich und unbescholten.



Der Körper als Retter der Seele

Nein, der Körper ist nicht heiliger als der Geist. Heutzutage kann uns aber eher der Körper retten als der Geist (und mit "Körper" meine ich hier auch eine sensible, intuitive, vom Gehirn gesteuerte, letztlich also auch geistige Beziehung zum Körper). Denn mit dem Geist als Retter haben wir es ja ein paar tausend Jahre lang versucht - mit höchstens bescheidenem Erfolg. Das waren die Jahrtausende, als die großen Menschheitskulturen entstanden. Die Jahrtausende vom Beginn der Agrikultur bis hin zu den großen Gesellschaften ("Hochkulturen"), die uns bald so sehr prägten, dass wir heute nicht mehr wissen, was natürlich ist. Da hat der Geist dem Lehm des Körpers seinen Odem eingehaucht, so dass wir uns als Menschen entfalten konnten in all den Künsten und Wissenschaften, aber auch in den Techniken des Krieges, der Unterdrückung, Ausbeutung und Entfremdung. Das sind alles Errungenschaften des Geistes, der sich den Körper zum Diener machte. Dieser Diener konnte durch die Wissenschaften zwar zunächst an Gesundheit gewinnen und an Lebensdauer, und er konnte durch geistvoll erdachte Maschinen sich von körperlicher Arbeit befreien, aber nun leidet er unter den Zivilisationskrankheiten, die ihm der Geist eingebrockt hat, und die Sehnsucht nach einem natürlicheren Leben, in dem der Körper nicht mehr nur Sklave des Geistes ist, sondern Mitsprache hat oder sogar in Führung geht, ist groß.


Gegensätze

Nur Städter sehnen sich nach dem Landleben, nur Zuvielisierte nach der Natur, nur Geistvolle nach dem Primat des Körpers. Was da zunächst wie ein Irrtum, Irrwitz oder eine Paradoxie aussieht, macht aber durchaus Sinn. Ja, es ist eine Verrücktheit - eine Verrückung, weg von der Mitte - dass der Geistvolle sich als dem Körper entfremdet empfindet und nach mehr Körperlichkeit sehnt. Aber dieses Sehnen ist gut, denn da versucht etwas, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Wir sind zu sehr von Ideen, Konzepten und geistigen Ansprüchen Geprägte und Getriebene. Es tut uns gut, endlich wieder mehr auf den Körper zu achten, auf die Signale, die er uns gibt. Ihm zu lauschen, wann es ihm gut geht, und wann nicht. Wann er entspannt ist und sich wohlfühlt, und wann er eine Anspannung genießt ohne darunter zu leiden, weil sie etwa chronisch geworden ist und er sie "wegstecken" muss, bis sie woanders Schmerz oder Krankheit produziert. Ja, der Körper kann unsere Seele retten, wie der Wilhelm-Reich-Schüler Alexander Lowen es nannte. Wir können auf seine Signale achten, wir sollten es tun, unserer Gesundheit zuliebe, dem Ganzen zuliebe, letztlich auch dem Geist zuliebe, der einen gesunden Körper braucht, um zu florieren.


Achtsamkeit

Der Buddhismus hat keinen Yogaweg entwickelt, keinen körperlichen Weg der spirituellen Übung, jedenfalls in seiner Urform nicht. Erst spätere Entwicklungen, die sich auch aus anderen Quellen speisten, führten zu Übungswegen wie dem Zen des Bogenschießens und den anderen Zen-Künsten. Der Buddhismus lenkte aber von Anfang an die Aufmerksamkeit auf den Körper. Sati, Achtsamkeit, ist die buddhistische Urtugend, laut Buddha die größte aller Tugenden - und der Buddha ging mit Superlativen sparsam um. Hier aber sparte er nicht damit, wie im Tripitaka, der historisch als authentisch bestätigten Überlieferung seiner Lehre, aufgezeichnet ist (im Gegensatz etwa zu den christlichen Evangelien, an deren Authentizität Zweifel bestehen): "Nur einen einzigen Weg gibt es, ihr Mönche, der zu der Wesen Reinheit führt, zur Überwindung von Sorge und Jammer, zum Untergang von Schmerz und Kummer, zur Verwirklichung des rechten Pfades und zur vollständigen Erlösung (Nirvana), nämlich die vier Grundlagen der Achtsamkeit (Satipatthana)‹ - ›Und welches sind diese vier?‹ - ›Da, ihr Jünger, verweilt der Mönch beim Körper, eifrig, klarbewusst, achtsam, nach Verwerfung allen weltlichen Wünschens und Sichgrämens.‹" Als erstes verweilt der Mönch also beim Körper, dann erst bei den Gefühlen, dem Bewusstsein und den Geistesobjekten. Klare Prioritäten. Und wo fängt man beim Körper an? Bei der Wahrnehmung das Ausatmens und des Einatmens und den vier Körperpositionen (Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen), auch das wird in diesem Sutra, dem Satipatthana-Sutra), der wohl berühmtesten aller Lehrreden des Buddha, gesagt. Wenn du beim Ausatmen weißt, dass du ausatmest, das ist Bewusstheit, die Bewusstheit eines körperlichen Vorgangs. Noch ein bisschen grob (den Beginn und das Verenden des Ausatems wahrzunehmen wäre feiner), aber immerhin. Wenn du einen Gedanken hast oder ein Gefühl und währenddessen weißt, dass du diesen Gedanken oder dieses Gefühl hast, auch das ist Bewusstheit, aber das kommt in des Buddhas Aufzählung erst später dran.


Wer oder was ist heilig?

Traditionell gelten Orte und Gegenstände als heilig, in besonderen Fällen auch Personen, die werden dann "Heilige" genannt. Der Katholizismus ist nicht einzige Religion oder Konfession, die an die Existenz von heiligen Personen glaubt, er geht in der Anerkennung von solchen nur systematischer vor: Seit dem Jahr 1171 ist im Katholizismus die Heiligsprechung - auch "Kanonisierung" genannt - dem Papst vorbehalten. Eine "Seligsprechung" muss dem vorausgegangen sein, und es dürfen nur Märtyrer oder heroisch Tugendhafte heiliggesprochen werden. Außerdem muss durch den oder die Heilige mindestens ein Wunder geschehen sein, das nicht auf natürlichem Wege erklärbar ist. Da reale Menschen aber im Leben die Tendenz haben, sündhaft zu sein, spricht man in der Regel nur Tote heilig, da gibt es dann, solange die sie betreffende Geschichtsschreibung ("Hagiografie") nicht infrage gestellt wird, weniger Überraschungen.

Eine Ausnahme bildet "seine Heiligkeit" der Dalai Lama. Wie gut, dass er noch nicht bei einem untugendhaften Benehmen erwischt wurde - und wenn doch einmal, dann konnte er das mit seinem Humor überbrücken.

Leichter als bei Personen haben wir es bei der Heiligung von Gegenständen und Orten. Die werden einfach einfach geweiht, dann sind sie heilig. Wer jedoch welchen Ort oder Gegenstand als heilig empfindet, da gehen die Meinungen der Menschen weit auseinander. Selbst die Kleriker der einzelnen Religionen tun sich da schwer, zu erkennen was Sache ist, um für die Gläubigen Klarheit zu schaffen. Nicht viel anders geht es den Esoterikern bei der Feststellung, ob ein Ort ein Kraftort (Heiliger Ort) ist und dementsprechend als Kultstätte geeignet, oder von welchen Gegenständen (z.B. Steinen) magische Kraft ausgeht. Der Eckzahn des Buddha, der sich unter jener Stupa befinden soll? Das Grabtuch von Jesus? Die Menhire von Stonehenge? Sogar bei diesen weltweit bekannten Kultstätten oder -gegenständen gehen die Meinungen über ihre Heiligkeit weit auseinander.


Mens sacra in corpore sacro

Ist es da so einfach, "den Körper" heilig zu sprechen. Meinen Körper? Deinen? Oder sind etwa alle Körper heilig? Auch die von Tieren? Muss ein Körper vorher selig gesprochen werden - glückselig? - bevor er als heilig gilt? Und was, wenn er kackt, stinkt, kränkelt oder böse Sachen macht?

Um von der Heiligkeit des Körpers oder dem Körper als Tempel der Seele sprechen zu können, ist es sinnvoll, den Begriff der Heiligkeit zu modernisieren. Ein so entstaubter Begriff von Heiligkeit ist dann auch für areligiöse, psychologisch gebildete Menschen verständlich. Dann ist "heilig" schlicht etwas, das wir verehren. Und da unsere Gefühle schwanken, schwankt auch das so empfundene Objekt im Grad seiner Heiligkeit. Objektive Heiligkeit, gibt es das? Eher nicht, meine ich, weder bei Sachen noch bei Personen. Der katholische Prozess der Kanonisierung wird heutzutage eher als viel bejubelte und ebenso oft verspottete Karikatur einer Heiligung empfunden. Und wo beginnt die religiöse Verehrung gegenüber der weltlichen? Auch hier sind die Grenzen fließend, nicht anders als bei der Beurteilung, ob der Hügel, auf dem unsere Dorfkirche steht, nun ein Kraftplatz ist, an dem sich die Leylinien kreuzen, oder nicht.

Wenn man aber diese Modernisierung des Begriffs der Heiligkeit und seine Befreiung von alten Konzepten tatsächlich durchführt, dann wird er auch auf den Körper anwendbar - auf meinen und deinen und alle anderen Körper, zumindest die von Menschen. Dann kann ich den Körper heiligen, denn er ist der Sitz aller meiner Fähigkeiten - auch der Fähigkeit, Gott zu erkennen (oder zur Hölle zu fahren), Weisheit zu erlangen, kreativ zu sein, zu lieben - alles. Ich habe ja niemals einen Geist ohne einen Körper, so wenig wie ich ein Computerprogramm laufen lassen kann, ohne dazu einen Computer zu haben - ohne Hardware gibt es keine Software.


Heiligt Sport den Körper?

Den Körper zu heiligen, das mag unter indischen Yogis Praxis sein oder bei den Tempelpriesterinnen einst so gewesen sein, bei uns ist es noch ungewöhnlich. Der Sport, die "Leibesübungen" oder Gymnastik aus unserer Schulzeit, die körperlichen Übungspraktiken unserer Kultur tun das nämlich in der Regel nicht, und auch die stark kommerzialisierte Wellness-Bewegung der vergangenen Jahre noch nicht wirklich, obwohl sie doch das Bedürfnis nach einer solchen Heiligung mit den verschiedensten Angeboten bedient. Noch immer betreiben weitaus mehr Menschen eine Sportart als dass sie Yoga, Taiji, Chi Gong, eine Kampfkunst, eine von Oshos dynamischen Meditationen oder sonst eine körperbetonte spirituelle Praxis pflegen würden. Stattdessen geht die Mehrheit ins Fitnessstudio, spielt Fußball, joggt oder walkt - oder was halt gerade von den Trendgurus und Vermarktern der aktuellen Fitnessmoden angesagt ist. Dabei setzen wir gestresste Zeitgenossen, die wir uns mehrheitlich zu wenig bewegen, eher quantitative Ziele, wie etwa jeden Tag drei Kilometer zu joggen, mindestens einmal die Woche zum Squash zu gehen, täglich eine Runde zu schwimmen, oder das ambitionierte Ziel, mit dem Sportverein in die Regionalliga aufzusteigen, viel eher als qualitative, wie etwa: den Körper besser zu spüren, gesund zu werden oder gelassen in der eigenen Mitte (im Hara oder Dantian) zu ruhen.

Verehrung macht gesund

Die Therapien des Growth-Movement und dort insbesondere die Körperpsychotherapien machen das anders. Sie respektieren den Körper viel mehr in seiner Eigenheit gegenüber "dem Geist". Teilweise verehren sie ihn sogar - so in den auf Wilhelm Reich basierenden Therapien und, mehr noch, im Tantra. Und wenn man ein aus den Religionen stammendes Wort dafür verwenden will: Sie heiligen ihn.

Die Folgen geben ihnen recht: Wer seinen Körper als etwas Heiliges betrachtet, lebt gesünder, glücklicher und bleibt leichter fit und gesund bis ins hohe Alter. Wir, die das tun, werden älter und genießen das Alter mehr. Unter denen, die mit Osho-Sannyasins zu tun haben (die ja ausgiebig dynamische Meditationen und die Therapien des Growth Movement praktizieren), heißt es, sie sähen im Durchschnitt etwa zehn Jahre jünger aus als sie wirklich sind. Zumindest für die über 50-jährigen, die schon seit mehr als zehn Jahre lang dabei sind, gilt das. Aber auch für die Rolfer und Rebalancer, Osteopathen, Bioenergetiker, Rebirther, Feldenkraiser und viele andere mehr, die die Therapien und Bewegungsübungen praktizieren, die in der Folge von Wilhelm Reich, Alexander Lowen, Gerda Boyesen und all den anderen entstanden sind. Und natürlich, nicht zu vergessen: die Warmwassertherapien und die verschiedenen Yoga- und Tantra-Richtungen. Sie alle haben die Tendenz, den Körper zu heiligen. Das hält ihn länger fit und gesund, und es schützt vor den Zivilisationskrankheiten.

Eigentlich sollten diese Leute geringere Krankenkassenbeiträge zahlen. Ich zum Beispiel gehöre zu denen, die zwar fast immer eine Krankenversicherung hatten, aber dort immer mehr einzahlten, als sie rausholten. Immerhin stützt das die anderen, damit tröste ich mich über diese Ungerechtigkeit hinweg. Aber warum nicht mal so: Wer nicht raucht, vegetarisch isst, sich ausreichend bewegt und täglich Yoga oder Taiji macht, tanzt oder etwas Vergleichbares, der sollte eigentlich einen geringeren Beitrag in die Krankenkasse einzahlen. Das wäre gerechter und würde den einen oder anderen Kostenbewussten vielleicht sogar zu einer solchen Praxis verführen und damit nicht nur sich selbst etwas Gutes tun, sondern auch die Krankenkassen und unser ganzes Gesundheitssystem entlasten.

Signale erkennen

Die Energie ist da, wo die Aufmerksamkeit ist, heißt es in der hawaiianischen Kahuna-Lehre und vielen anderen spirituellen und Gesundheitslehren. Wenn wir dem Körper unsere Aufmerksamkeit schenken, dann geben wir ihm Energie. Dann achten wir auf unsere Ernährung, ausreichende Bewegung und die Sitzhaltung am Schreibtisch, auf Schuhe und Kleidung, die dem Körper gut tun, auf gesunde Wohnräume und eine gute Work-Life-Balance. Dann haben wir auch ein positives Verhältnis zur Sexualität (als Erholung, aber auch als spirituelle Praxis), zu Kindern, zu unseren Freunden und Partnern und zum Altern (ohne mit "Anti-Aging"-Methoden dagegen ankämpfen zu müssen). Und wenn unser Körper Krankheitssymptome zeigt, dann versuchen wir nicht nur, diese wegzudrücken mit all den Mitteln, die die Schulmedizin zu bieten hat, sondern horchen erst einmal, was sie uns sagen wollen.

This very moment

Die Schulmedizin ist weniger blauäugig und traumtänzerisch als die meisten esoterischen Methoden der Heilung und Geistheilung, aber sie unterschätzt die geistige Seite der Heilung. Trotz des hohen materiellen und finanziellen Aufwands, der dem Körper zuliebe erbracht wird, ehrt die Schulmedizin den Körper nicht wirklich, denn wenn man ihn nur als Gegenstand betrachtet, als Objekt, dann würdigt man ihn nicht. Der Körper ist ja auch geistvoll, er ist durchblutet und von Nerven durchzogen, er ist auch ein psychisches und seelisches Wesen, er ist auch Subjekt - wir sind auch der Körper, mindestens so sehr, wie wir unser geistiges Ich sind.


"This very body the buddha, this very place the lotus paradise" steht auf einem meiner T-Shirts. Mein Körper ist der Buddha, meine Wohnung ein Tempel, mein Leben eine Heldenreise - das nenne ich Würdigung. Diese Würdigung von sich selbst - vom eigenen Körper ebenso wie vom eigenen Geist - ist die Voraussetzung dafür, auch andere Menschen würdigen zu können.


Mehr zu dem Thema im connection Special Nr. 87, "Der Körper als Tempel der Seele", das 2010 erschienen ist. 84 Seiten, 9 €. Zu bestellen auf www.connection.de im Shop, über vertrieb@connection.de oder über Fon 08639-98 34-14.

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der "Schule der Kommunikation". Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com


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