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Ausgabe Oktober 2010
KGS Traumkolumne von Klausbernd Vollmar - Heilserwartungen

Ein junger Mann träumt: Ich drohe in einem Sumpf zu versinken. Tiefer und tiefer werde ich von der feuchten Erde eingesogen. Als ich bis zu meinen Schultern im Schlamm stecke, kommt eine Hand aus einer Nebelwolke. Ich höre „errettet“.

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Na wie wär es denn, sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen? Der Träumer zählt jedoch auf die Errettung durch eine höhere Macht, die Anklänge an das Ende von Goethes „Faust“ aufweist. Die Besprechung dieses Traums ergab, dass wirklich der Träumer sein Heil vom „ewig Weiblichen“ (Goethe) erwartet, das ihm die hilfreiche Hand reicht. Wie viele hofft er, der Partner können ihn davor retten zu versumpfen. Heilserwartungen an etwas außerhalb von einem Stehendes wie der Partner oder eine höhere Macht sind von einer unbewältigten Ablösung von den Eltern geprägt. In diesem Traum vertraut der Träumer letztendlich auf die helfende Hand seiner Mutter. Käme die Rettung durch eine Gottfigur, wäre es der Vater.
Das kindliche Vertrauen in die allmächtigen Eltern ist zwar für Kinder hilfreich, Erwachsene behindert es jedoch, selbstständig zu werden und sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen. Wer so träumt, fühlt sich schwach und hilflos. Seine Aufgabe wäre es, nicht im außen nach einer Stärke zu suchen, die nicht die eigene ist, sondern im eigenen Inneren fündig zu werden.

Wenn in der heutigen Welt sich eine Tendenz zum Fundamentalismus hin abzeichnet, ist diese Entwicklung von dem Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche geprägt. Ohne die starke Hand von außen versinkt man in seinem Sumpf, den Freud als Hinweis auf die Angst vor dem weiblich gedachten Chaos gedeutet hätte. Wir wissen es alle: Wir müssen selbstständig werden, um zu unserem Glück zu kommen. Weil es so bequem ist, fantasieren wir eine Hilfe herbei, ohne zu bemerken, dass wir damit wie die Kinder werden, die jedes göttliches Wesen liebt, da eigenständiges Handeln und Denken seine Macht zerstört.


Klausbernd Vollmar ist Diplom-Psychologe und Autor zahlreicher psychologischer Bücher zum Thema Traum und Traumsymbolik.
Er lebt in England, leitet aber auch regelmäßig Traumgruppen in Berlin.


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