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Ausgabe Oktober 2010
Zukunft der Liebe, von Dr. Jochen Meyer

Warum wir in Zukunft glücklicher lieben werden
Ein Beitrag von Dr. Jochen Meyer über unsere Beziehungen - Beziehungen im Wandel


"Was können wir tun, um unsere Liebe lebendig zu halten? Wie können wir unsere Partnerschaft weiter entwickeln?" Fragen wie diese sind Zeichen eines Umbruchs, der sich in vielen heutigen Beziehungen auf einer grundsätzlichen Ebene vollzieht.

Das Stagnieren oder Scheitern ihrer Beziehungen, das viele Partner ausschließlich als ihr persönliches Versagen erleben, ist Ausdruck eines größeren Bewusstseinswandels. Was ich bei fast allen Paaren in meinem persönlichen Umfeld und auch bei mir selbst beobachte, ist das Aufbrechen einer größeren, kollektiven Sehnsucht nach Freiheit und Liebe.

Immer mehr Frauen und Männer wollen heute erreichen, dass sie als Paar gut miteinander leben können. Sie wollen einander unterstützen und sich in wirklicher Verbundenheit begegnen. Sie wollen nicht länger aneinander vorbei leben, sich in destruktiven Machtkämpfen aufreiben und Gefangene ihrer neurotischen Muster bleiben.

Immer mehr Menschen sind nicht länger bereit, in zerstörerischen Angst-, Vermeidungs- oder Suchtbeziehungen zu verharren oder als Partner lediglich zu funktionieren. Sie spüren: "Das kann nicht alles sein!" und wollen der Liebe mehr Raum in ihrem Leben geben. Solche Paare sind auf der Suche nach mehr Bewusstheit. Sie wollen einander als Frau oder als Mann wirklich sehen und erkennen. Sie wollen einander starke Partner sein und zueinander stehen. Sie wollen ein stabiles Wir-Gefühl entwickeln und sich in ihrer Beziehung sicher fühlen. Sie wollen lebendig sein und gemeinsam mit dem Partner noch lebendiger werden. Sie wollen eine erfüllende Sexualität genießen. Sie wollen wesentlich leben und ihre Zeit bewusst miteinander verbringen. Sie wollen gemeinsame Werte miteinander teilen und einen Sinn darin erkennen, dass sie zusammen sind. Sie wollen so etwas wie einen höheren Auftrag spüren und ihren Platz als Paar in der Welt finden; sie sehnen sich nach ihrer Verbindung zum großen Ganzen. Viele wollen ein "gemeinsames Drittes" in die Welt bringen, sei es ein Kind, ein Haus oder ein anderes gemeinsames Projekt.

Auch wenn geeignete Vorbilder rar sind und unsere gesellschaftliche Kollektivneurose uns nach wie vor auf konventionelle Rollenverständnisse festlegen will, haben viele Menschen längst damit begonnen, aus diesem Mainstream auszusteigen, ihre einschränkenden Selbstbilder aufzubrechen und ihre Beziehungsängste durch Arbeit an sich selbst zu überwinden. Die Sehnsucht nach wirklicher Befreiung ist spürbar und nicht mehr rückgängig zu machen. Sie wird - so meine Prognose - viele Menschen und viele Paare zu einem tieferem Verbundensein führen.


Ein Beziehungsvertrag

Wie könnte ein Beziehungsvertrag aussehen, der erfolgversprechende Beziehungen ermöglicht? Hier mein Vorschlag:
§ 1 Ich kann mich frei auf dich beziehen.
Dies setzt voraus, dass ich die Verantwortung für meine Gefühle, mein Erleben und mein Handeln übernehme und dafür sorge, meine Ängste und andere einschänkende Beziehungsmuster zu überwinden. Für die Entwicklung meiner Liebesfähigkeit bzw. meine Selbstbefreiung bin ich zuständig und nicht mein Partner!

§ 2 Ich brauche dich nicht.
Damit ist gemeint, dass ich mich emotional selbst nähre und lerne, wirklich frei zu werden für eine Beziehung auf Augenhöhe - ohne Abhängigkeit, Bestätigungssucht u. a. m. Mein Grundgefühl ist "Ich bin schon ohne dich ganz - du spiegelst mir das nur" (und nicht: "Nur durch dich kann ich ganz werden!"). Das bedeutet zugleich: "Ich lebe aus mir heraus, unabhängig und frei, und verbinde mich von hier aus mit dir." So kann ich meiner Partnerin oder meinem Partner ein echtes Gegenüber sein und ihr bzw. ihm beim Wachsen und unserer gemeinsamen Entwicklung helfen (und umgekehrt).

§ 3 Wir ist mehr als Ich.
Solange es mir primär um MEINE Beziehung, MEINE Bedürfnisse und MEINE Ängste und Sorgen geht, kreise ich letztlich um mich selbst. Eine Liebesbeziehung ist jedoch mehr als egozentrische Selbstbespiegelung zu zweit - ich verbinde mich schließlich mit einem fremden, sich permanent wandelnden Menschen! Erfolgreiche Paare entwickeln ein Wir-Gefühl, was voraussetzt, dass jeder Partner Kompromisse eingeht und sich mit den Seiten des Anderen anfreundet, die er nicht so toll findet. Beide wissen, was ihnen die gemeinsame Verbindung bedeutet und entscheiden im Zweifelsfall für die Beziehung und nicht für ihre jeweiligen Einzelinteressen. Das WIR ist der Raum, in dem sie ihre Liebe füreinander fließen lassen und den sie durch liebevolle Worte oder Alltagsrituale lebendig halten.


Verbundenheit fördern

Nicht all das ist auf Anhieb einlösbar - wir werden in unseren Beziehungen immer wieder an unsere Grenzen stoßen. Doch jeder Schritt in die richtige Richtung bringt uns weiter. Paare, die über lange Zeit erfolgreich in Beziehung sind, kümmern sich um drei Dinge, die ihre Verbundenheit gewährleisten: Sie bemühen sich um Respekt, indem sie sich grundsätzlich achtsam begegnen und ihre gegenseitige Zuneigung häufig und regelmäßig ausdrücken. Ihr Umgang ist ausgesprochen wertschätzend und humorvoll, abwertende Kritik oder gar Verachtung sind tabu. Sie bemühen sich um Verständnis und wollen wirklich verstehen, wie der andere fühlt und denkt und wie sie ihre Beziehung vertiefen können. Sich selbst zu erkennen, bedeutet ihnen viel. Und schließlich wissen sie, dass Beziehungen sich permanent verwandeln und bewusst weiter entwickelt werden wollen. Sie richten ihr Leben auf Wachstum aus und engagieren sich für ihre individuelle wie gemeinsame Entwicklung. Sie wollen lebendiger werden und sind bereit, alles Nötige dafür zu tun.

Nach meiner eigenen Erfahrung ist es entscheidend für unsere Selbstbefreiung als Partner, dass wir uns unseren Ängsten stellen und das verwandeln, was uns davon abhält, harmonisch und friedvoll in Beziehung(en) zu leben. Manches davon braucht vielleicht therapeutische Begleitung, anderes mehr spirituelle Praxis. Solange ich aber noch mit mir nicht im Reinen bin, mich innerlich ablehne, mich klein mache oder mich nicht liebenswert fühle, werde ich nur schwer dauerhaft beglückende Liebeserfahrungen machen. Früher glaubte ich, mich nur geliebt fühlen zu können, wenn ich eine Partnerin habe.

Heute weiß ich: Ich fühle mich geliebt durch das Leben, das ich führe, und meine Beziehungen sind Ausdruck davon. Umso mehr wir sagen können: "Ich fühle mich geliebt, weil ich bin, wie ich bin", desto freier sind wir. Auf dieser Grundlage werden ganz neue Dimensionen von Partnerschaft möglich. Wir werden in Zukunft glücklicher lieben, weil immer mehr Menschen wirklich lieben wollen. Und diese Zukunft hat bereits begonnen.


Der Autor Dr. phil. Jochen Meyer ist CoreDynamik-Trainer und -Therapeut und arbeitet als Paarberater und Single-Coach in Berlin.


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