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Ausgabe Juli 2010
Naturrituale
von Wolf-Dieter Storl


Der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl nutzt Naturrituale, um Menschen an die Schwelle der „Traumzeitdimension“ heranzuführen. Wir haben einige Ideen aus seinem Buch „Naturrituale“ mit freundlicher Genehmigung des AT-Verlages zusammen

Das Puja-Ritual
Eine Puja ist ein Naturritual, das Menschen mit der Landschaft, mit den Kräutern, Bäumen und Tieren verbindet. Sie ist eine archaische, schamanische „Technik“, die einen sakralen Raum schafft, in dem sich die Seele der Natur manifestieren kann. Es ist eine feierliche Handlung, die es den Menschen ermöglicht, sich den tieferen Dimensionen des Seins zu öffnen, nämlich den Wesen, welche die „nicht alltägliche Wirklichkeit“ bevölkern: den Naturgeistern, den Devas der Pflanzen und Tiere, der Ahnengeistern und Gottheiten. Diese Wesen reden ständig mit uns, wir haben nur verlernt oder vergessen zuzuhören: Puja hilft uns, besser zuzuhören. Puja hilft den Menschen, diese Wesenheiten zu spüren, sie zu erleben und vielleicht sogar zu sehen. Puja tut nicht nur dem Menschen gut; das Ritual ist auch „Nahrung“ und Stärkung für die Natur und ein Segen für das Land. Es ist ein heilmachendes Ritual, ein Heilritual oder wie die nordamerikanischen Indianer sagen würden: Es ist eine machtvolle „Medizin“. Es ist echte Magie.


Der Ritualleiter – der Schamane
Ein Schamane ist jemand, der die Begabung hat und die Techniken beherrscht, um mit den Geistwesen, den Gottheiten und Dämonen umgehen zu können. Berufene Schamanen arbeiten in der „Traumzeit“, in der nichtstofflichen „Anderswelt“, im Bereich des Werdenden und nicht im Bereich des Gewordenen.


Die Geschenke der Götter
Der Mensch erfindet die Rituale nicht, es sind die Götter selbst, die den Menschen die notwendigen Rituale zum Leben und Überleben schenken. Sie schenken die Rituale, so wie man heutzutage einem Freund oder sympathischen Menschen seine Telefonnummer schenkt, so dass man sie, wenn notwendig, anrufen kann. Das Wählen der Ziffern in der korrekten Reihenfolge gleicht dem Ausführen des Rituals. Führt man es nicht richtig aus, vergisst oder verwechselt man eine Ziffer, dann kommt auch keine Verbindung zustande. Und ohne Grund sollte man sie sowieso nicht anrufen. Eine Puja wird in reiner Hingabe an das Göttliche durchgeführt. Sie wird nicht aus eigennützigen Gründen gemacht. Sie wird vollzogen, um die Seele zu öffnen, um Raum zu schaffen, damit die heilsame Inspiration empfangen werden kann.


Das Ritual
Zur Vorbereitung gehört eine Reinigung mit Bädern, Schwitzhütten, Brechmitteln, Räucherungen und/oder Fasten.
Zur Durchführung ist es wichtig, auf die äußere Erscheinung zu achten wie auf Kleidung und Schmuck. Hilfsmittel wie Federn und Blumen lassen Menschen den Kontakt zu den Geistwesen herstellen. Wichtig ist, in welche Himmelsrichtung man das Ritual ausrichtet. In der Regel schaut man nach Osten, denn man orientiert sich an der aufgehenden Sonne. Magische Zeiten sind nicht willkürlich erdacht, sondern Ausdruck des kosmischen Reigens der Sonne, Planeten und Sterne. In fast allen Kulturen gelten Sonnenaufgang und Sonnenuntergang als heilige Zeiten.
Kraftgegenstände für ein Puja-Ritual sind Muschel oder Schneckengehäuse, denn sie vertreten die Wasserbewohner. Hörner, Geweih oder ein Tierschädel vertreten die warmblütigen Vierfüßler, also die Erdbewohner. Federn oder Klauen repräsentieren die Vogelwelt, die Bewohner der Lüfte und Botschafter der Götter. Die Kraftgegenstände müssen von den Geistwesen geschenkt und über viele Jahre gesammelt und dürfen nicht einfach gekauft werden. Mit jedem Gegenstand ist ein Hilfsgeist verbunden, den man sich erworben hat, mit dem man befreundet ist oder den man vielleicht sogar geerbt hat.
Der Puja-Baum ist die Mitte der Schöpfung. Um ihn versammeln sich alle Geschöpfe. Alle – die Elemente, die Steinwesen, die Pilze, die Pflanzen, die Tiere, die Verstorbenen, die Gottheiten, die Berg- und Waldgeister, die Wonne spendenden himmlischen Jungfrauen, der gesamte Kosmos – nehmen Teil an der Feier.


Hüter der Schwelle
Bei jedem Übergang von der alltäglichen Wirklichkeit zur „nichtalltäglichen Wirklichkeit“ begegnen wir Hütern der Schwelle. Sie prüfen diejenigen, die das Tor zu geweihten Räumen durchschreiten wollen und hindern jene, die nicht reinen Herzens oder gar dämonenbesessen sind, am weiteren Vordringen. Die Gestalten und Formen, welche die Schwellenhüter annehmen, sind Ausdruck der jeweiligen kulturellen Tradition der Ritualteilnehmer.


Gesänge
Feuer, Wasser und Gesang sind aus einem Puja-Ritual nicht wegzudenken. Einfache Gesänge verschieben unser Bewusstsein von dem alltäglichen Wachzustand auf die archetypische Traumzeitebene. Sie hungern den kritischen, neugierigen, ewig unzufriedenen Intellekt aus, so dass das tiefere, instinktivere, götternahe Bewusstsein aufleuchten kann. Es sind tatsächlich Zaubergesänge, die die verborgene Tür zur Schatzkammer der Seele öffnen. Die Lieder werden nicht von Menschen erfunden. Sie werden uns von den Pflanzen, Tieren und Geistwesen geschenkt. Jede Pflanze, jeder Berg, jeder Ort und jede Gottheit hat ein eigenes Lied und durch das Lied ist der Schamane mit diesen Wesen verbunden.


Rauchweihung
Nach dem Gießen des Lebenswassers wird mit duftenden Kräutern geräuchert. Räuchern ist mehr als bloße Dufttherapie. Es trägt uns in die mikro- und makrokosmischen Tiefen, es führt in spirituelle, übersinnliche Bereiche und kann die Andacht bis hin zur Trance vertiefen. Rudolf Steiner sagte: „Der Duft ist eine Brücke zur beseelten Welt oder zur Weltseele. Pflanzendüfte wirken auf den Astralleib (Seele); sie wirken nicht nur auf das Ätherische (das Energetische), sonst könnten wir sie nicht wahrnehmen, sonst wären sie bloßer Lebensprozess.“


Blumendarbietung
Das Ritual nimmt seinen Lauf. Das Energiefeld baut sich immer mehr auf. Das Wasser ist nun den Gottheiten, Naturgeistern und Ahnen gegossen und der sakrale Raum geschaffen worden. Kraftgegenstände können aufgeladen und Opfergaben gegeben werden. Zum Abschluss der Meditation erklingt der Ton des Windhorns, des Digeridoos. Man vernimmt das Raunen der Götter. Nachdem die Windhornmeditation langsam ausgeklungen ist, tutet der Spieler in die vier Richtungen. Er schickt auf diese Weise die durch die Puja erschlossene heilende Energie in die Welt hinaus und kündet zugleich das Ende des Rituals an.


Opferblut
Doch kein Ritual ohne ein Opfer unseres Lebenssaftes – unseres Blutes: Kaum eine Flüssigkeit hat eine stärkere Anziehungskraft auf die Geistwesen als das rote Blut. Blut ist Leben. Das warme, rote Blut ist Lebensfeuer, ist innere Sonnenglut. Für die Geister bedeutet Blut das Versprechen eines Lebens auf dieser Seite des Seins. Es ist der „Inkarnationsstoff“. Da die Götter sich nicht foppen lassen, gibt es nur eine Substanz, die Blut zu ersetzen vermag: roter Ocker – eine der ältesten magischen Substanzen. In diesem Zusammenhang ist das Wort „Zauber“ interessant. Das Wort lässt sich auf das angelsächsische teafor „Roteisenstein, Rötel, Ocker“ zurückführen. Ein Zauberer ist also derjenige, der mit Ocker hantiert.
Nach der Vollendung eines Puja-Rituals tupft sich jeder Teilnehmer etwas Ocker auf seine Stirn. Jede Puja hat ihre eigenen Regeln und Rhythmen. Man spürt, wenn sich der Geist, der die Feier beflügelte, zurückzieht. Was zurückbleibt, ist eine friedvolle harmonische Stimmung, die nicht nur die Teilnehmer segnet, sondern auch die Natur und Umgebung.

Wolf-Dieter Storl, Naturrituale – mit schamanischen Ritualen zu den eigenen Wurzeln finden, 304 S., geb., AT Verlag, Baden und München, 2004


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