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Ausgabe Mai 2010
Liebe kommt aus dem Herzen
Ein Beitrag von Christian Salvesen


In den spirituellen Traditionen aller Völker wird Liebe stets mit dem Herzen verbunden. Das mag heute vielen als bloßes Klischee erscheinen. Christian Salvesen sieht jedoch in der Verbindung von Liebe und Herz den Schlüssel zur Weisheit.

Medizin und Yoga

Lange Zeit galt das Herz als das zentrale Organ, das uns am Leben erhält. Hört es auf zu schlagen, sind wir tot. Auch wenn die heutige Medizin das Herz wieder in Gang bringen kann und - was das Überleben in Notsituationen angeht - stärker auf das Gehirn achtet, im kulturellen Erbe aller Traditionen erscheint das Herz als Symbol für das Leben und die Liebe. Gedanken werden dem Verstand, Gefühle dem Herzen zugeordnet. In alten medizinischen Traditionen galt: Negative Emotionen wie Angst, Neid und Wut machen krank; positive Gefühle wie Freude, Dankbarkeit und Mitgefühl erhalten dagegen die Gesundheit. Im Großen und Ganzen wird das neuerdings von der modernen Medizin bestätigt.
Im indischen Yoga repräsentiert das Herzchakra (anahata, das "Unberührte") den Übergang oder Schnittpunkt zwischen Körper und Geist, zwischen Form und Leere, zwischen persönlichem Ich und Einheitsbewusstsein. Zugeordnet werden ihm die Thymusdrüse, die die Abwehrkräfte des Immunsystems anregt, sowie das Element Luft, der Tastsinn, das Handlungsorgan Hände, die Farbe grün und der Vokal A. Musikalisch spricht das Herz bzw. Herzchakra stärker auf Melodien und Harmonien an als auf Diskomusik, Trommeln und Klangschalen. Die dem gesunden, ausgewogenen Herzen entsprechende Haltung ist das sanfte Lächeln eines Jesus oder Buddha. Es tut dem Herzen gut, wenn uns jemand anlächelt, und es tut ihm noch besser, wenn wir einem anderen zulächeln.
Wir sollten nicht glauben, dass unser Herz nur für eingängige Popsongs oder berührende spirituelle Texte zugänglich ist. Es gibt eine "Weisheit des Herzens", die alles versteht, was mit der Essenz der Liebe und des Lebens zu tun hat. Der berühmte Ausspruch von Antoine de Saint Exupéry "Man sieht nur mit dem Herzen gut" weist in die Richtung. Doch in Wahrheit ist das Herz abrundtief, bodenlos, unendlich und ewig.


Sein-Bewusstsein-Seligkeit

In den indischen Veden steht Herz (hridayam) für den unveränderlichen, unabgrenzbaren Bewusstseinsraum, in dem alle Wahrnehmungen auftauchen und verschwinden. Das Selbst ist im Herzen, kleiner als ein Hirsekern und größer als der Himmel, heißt es in der Chandogya-Upanishad. An anderen Stellen wird dieses grenzenlose Herz auch als Sat-Cit-Ananda beschrieben.
Der Philosoph Shankara sagt: "Reines Sein (sat), reines Bewusstsein (cit) und reine Glückseligkeit (ananda) sind unterschiedslos sowohl im Raum (akasha), in der Luft, im Feuer, im Wasser, in der Erde als auch in den Göttern, Tieren, Menschen usw. vorhanden. Nur die (vom Verstand geschaffenen) Namen und Formen lassen ein Wesen von einem anderen unterschiedlich sein.
Wenn man gegenüber der Welt der Namen und Formen gleichgültig geworden und dem Sat-Cit-Ananda ergeben ist, soll man ununterbrochen Kontemplation üben über das Zentrum des Herzens (…)."
Namen, Begriffe, Formen - der Verstand achtet auf Unterscheidungen und Definitionen. Das Herz geht darüber hinaus und erkennt das Eine, das alle Wesen verbindet, die gemeinsame Quelle. "Sein-Bewusstsein-Glückseligkeit" ist in jedem Moment hier und jetzt wirklich und gegenwärtig. Warum, so wird immer wieder gefragt, erlebe ich das nicht? Die Antwort von spirituellen Lehrern und Traditionen lautet in der Regel: Wir erleben und erkennen das nicht bewusst, weil unsere Vorstellungen, Wünsche und Ängste dieses Sat-Cit-Ananda überlagern.
Doch das ist irreführend, weil es den Sucher, das Ich anspricht: ‚Ich muss also die Überlagerungen irgendwie wegmeditieren, bewusster sein, mich stärker hingeben etc.' Nein! Es ist das Nächstliegende und Unauffälligste überhaupt, das, was wir immer sind, ob wir es suchen oder nicht! Wir können nach dem ultimativen Kick, der alles in den Schatten stellenden Ekstase Ausschau halten, oder auch nicht: Das Sein ist, wie es ist. Die reine Tatsache des Ich Bin, das stets gleich bleibende Grundgefühl zu sein - auch mit allen Gedanken und Gefühlen -, ist Ananda, Glückseligkeit. Wer verliebt ist, fühlt das und macht sich keine Gedanken über eine Verbesserung seiner Situation. Der Augenblick ist Erfüllung. So erlebt es auch der Mystiker.


Das Sein ist einfach

Das Herz steht für Liebe: im praktischen Sinn der Nächstenliebe, wo es darum geht zu helfen und zu handeln wie der "barmherzige Samariter". Wo die anderen nur zusehen oder wie unbeteiligt vorbeigehen, ist das Herz eines Menschen so berührt, dass er spontan handelt, ohne an die möglichen unangenehmen Konsequenzen für sich zu denken. Im Sinne der Mystik ist das Herz die Brücke zwischen dem Relativen und dem Absoluten, zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen, zwischen Mensch und Gott. (Theo-) Logisch betrachtet ist eine solche Verbindung oder Nahtstelle gar nicht möglich. Insofern ist das Herz ein Paradox und ein Mysterium. Wir brauchen nicht an das Herz als Zentrum der Liebe zu glauben, wir müssen es nicht zu ergründen suchen. Es ist das Sein, das wir sind. Jeder Atemzug, jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Bewegung kommt aus dieser unergründlichen Quelle. Jedes Lebewesen und jedes Ding entsteht aus dem, was wir mit dem Verstand nicht begreifen können, und vergeht wieder darin. Dies ist die Essenz der Weltreligionen. Wir können sie mit dem Herzen empfangen.

Atishas "Herzmeditation" (Tonglen)

Der indische Mahayana-Lehrer Atisha Dipankara Shrijnana (980-1052) galt schon zu Lebzeiten als ein großer Weiser der Lehre von der Leere, reiste bis Sumatra und verbrachte die letzten 13 Jahre seines Lebens in Tibet. Er entwickelte eine Meditation des Mitgefühls, die im buddhistischen Tibet als Tonglen (Geben und Nehmen) bekannt wurde und bis heute sehr geschätzt wird. Der XIV. Dalai Lama praktiziert sie nach eigener Aussage täglich.

Bei dieser Meditation wird ein Energieaustausch zwischen mir und anderen visualisiert und erlebt. In den meisten heute angebotenen Visualisierungen wird gute, positive Energie eingeatmet und schlechte, verbrauchte Energie ausgeatmet, gleichsam "entsorgt". Im Tonglen ist das genau umgekehrt. Der Meditierende nimmt das Leiden der Menschen in sich auf und gibt Frieden und Glück zurück. An dieser so einfachen Umkehrung können wir gut das Bodhisattva-Prinzip, seine enorme Tragweite und mögliche Auswirkung erkennen.

Positive Energie aufnehmen und schlechte abstoßen - dieser Vorteil leuchtet jedem sofort ein. Konkret schadet das ja auch niemandem, denn schließlich geschieht es nur in der Vorstellung. Dass auch Gedanken eine Art geistige Umweltverschmutzung sein könnten, kommt den cleveren Energietauschern dabei anscheinend nicht in den Sinn. Wie anders ist die Einstellung beim Tonglen! Ja, ich bin bereit, das Dunkle, die Traurigkeit, den Schmerz, den Hass und die Angst in mein Herz, in mein Innerstes einzulassen, nicht nur in Form von Worten, sondern so weit wie möglich mitgefühlt. Das Herz - nicht der Verstand - wird das Leid verwandeln. Und so kann von dort, der unbegreiflichen Quelle des Lebens und der Liebe, ein Lichtstrahl, ein freudvoller Impuls in die Welt ausgesendet werden. Tonglen erfordert Mut und eine gewisse Portion Selbstlosigkeit, eine Ahnung, dass wir alle eins sind.


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