aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe April 2010
…trotzdem Ja zum Leben sagen aus schwierigen Seelenlagen herausfinden
von Sakino Mathilde Sternberg


Das letzte Jahr war eines der Schwierigsten in meinem Leben. Ein langer, mühsamer und schmerzvoller Trennungsprozess nach 22 Jahren Partnerschaft. Ich erinnere mich an den Moment, als ich in der tiefsten Verzweiflung zum ersten Mal wieder Licht sah. Ich f

Einer meiner verehrten Vorbilder ist Viktor Frankl, ein österreichischer Psychiater, der in der Nazizeit viele Jahre in Konzentrationslagern gefangen war und seine Erlebnisse in einem Buch mit dem Titel „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ aufgeschrieben hat. Dieser Satz stammt aus einem Lied, geschrieben im KZ Buchenwald, das zur Haltung aufrief und den Glauben an die Befreiung verkündete. Eine Zeile in diesem Lied lautete: „Wir wollen trotzdem Ja zum Leben sagen“.
Viktor Frankl beschreibt in seinem Buch, wie unterschiedlich die Menschen im KZ mit ihrem Schicksal umgingen. Er benutzt den Begriff der inneren Freiheit. Es gab Menschen, die selbst unter den schlimmsten Bedingungen für andere ein freundliches Wort hatten, ihr letztes Stück Brot teilten. „Man kann den Menschen im Konzentrationslager alles nehmen, nur nicht die letzte menschliche Freiheit, sich zu den Gegebenheiten so oder so einzustellen“.
Auch Nelson Mandela schildert in seiner Autobiographie, wie er sich im Gefängnis entschloss, seinen Peinigern mit Freundlichkeit zu begegnen und wie das die Atmosphäre und das Leben aller veränderte.
Es gibt noch viele solcher Beispiele. Luise Reddemann, eine verehrte Kollegin, beschreibt in ihrem Buch „Überlebenskunst“ das Leben Johann Sebastian Bachs, der in seiner Musik und im Glauben Halt und Trost fand und dessen Musik auch vielen andere Menschen Trost und Halt gibt.


Resilienz, Salutogenese und Flow

In der Psychotherapie haben diese drei Begriffe in den letzten Jahren mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Resilienz ( Emmy E. Werner und Ruth M. Smith sind Pioniere in der Resilienzforschung) bezeichnet die seelische Widerstandskraft eines Menschen, die Fähigkeit, in den ursprünglichen Zustand des Wohlbefindens zurückzukehren.
Der Begriff Salutogenese (geprägt von Aaron Antonovsky) bedeutet etwas Ähnliches, er beschreibt die gesundheitsförderlichen Faktoren. Mit Flow (Mihaly Csiksentmihalyi) ist ein besonderer Zustand des Glücks-erlebens gemeint, eine Erfahrung, bei der Dinge um ihrer selbst willen getan werden. Dieser Zustand wird besonders häufig bei erfüllender Arbeit erlebt.
Als Psychotherapeutin höre ich täglich, teilweise unendlich leidvolle Lebensgeschichten. Seit vielen Jahren ist es mir wichtig geworden, neben dem Schlimmen, das die Menschen erlebt haben, auch nach den Faktoren zu fragen, die ihnen geholfen haben, bis jetzt zu überleben, den sogenannten Ressourcen oder Kraftquellen. Das können vertraute Menschen sein, die Natur, Tiere, Musik, Geschichten, malen, tanzen, laufen. Wenn jemand wenigstens eine solche Kraftquelle in seinem Leben hat, hilft ihm das, Schweres leichter zu ertragen.
Dabei scheint mir eins besonders auffallend zu sein: Menschen, die in ihrem Leben und in ihrem Schicksal einen Sinn sehen oder ihm einen Sinn, eine Bedeutung geben können, werden besser mit belastenden Situationen fertig.
Es ist ein ureigenstes Bedürfnis des Menschen, nach Sinn zu suchen. Wofür lebe ich, woher komme ich, wohin gehe ich? Sinn zu finden bedeutet, Halt zu finden.
Wenn ich in einer Krankheit oder einem Schicksalsschlag Sinn finden kann, hilft es mir, damit besser zurecht zu kommen. Früher war es oft der Glaube an Gott, der den Menschen half. Heute finden Menschen auf unterschiedliche Weise Halt. Spirituelle Pfade, Meditation, Engagement in sozialen oder politischen Projekten, auch immer noch Glauben können Sinn und Erfüllung finden lassen. Nicht der Inhalt ist das Entscheidende, sondern die Bedeutung, die ihm gegeben wird.

Es ist leicht, das Leben anzunehmen, wenn es einem gut geht und Dinge sich in den gewünschten Bahnen entwickeln.

Doch was ist, wenn es nicht rund läuft, wenn wir uns bemühen und es trotzdem schief geht, wenn das Leben uns Krankheiten, Verluste, Trauer, Schmerz, beschert? Wie antworten wir dann? Vielleicht können wir an den äußeren Umständen in diesem Moment nichts ändern. Wenn wir krank werden, den Arbeitsplatz verlieren, ein geliebter Mensch stirbt oder uns verlässt, das sind Lebenssituationen, mit denen wir konfrontiert werden.
Aber wir haben in jedem Moment die Wahl, so oder so mit den gegebenen Umständen umzugehen. Wir können böse werden, uns verkriechen, Gott oder das Schicksal anklagen, uns gehen lassen, jammern, Rache üben, oder wir können unsere Würde wahren, indem wir das unter den gegebenen Umständen Angemessene tun.
Das bedeutet nicht, dass man Gefühle wie Wut, Ärger, Hass, Trauer, Schmerz, Angst verdrängen und nur auf die Sonnenseite des Lebens schauen soll. Ganz im Gegenteil: Erst wenn ich die entsprechenden Gefühle zulasse, durchlebe, kann ich den nächsten Schritt tun. Übergehe ich alles Unangenehme, Schmerzhafte und verdränge es, sucht es sich ganz bestimmt einen anderen Weg, um ausgedrückt zu werden.
Wir sehen dies in hohem Ausmaß bei Soldaten, die aus dem Krieg heimkehren. Viele von ihnen wurden und werden mit dem Erlebten nicht fertig. Sie kommen als veränderte Persönlichkeiten nach Hause und finden sich in ihrem Leben nicht mehr zurecht. Sie können nicht über das Erlebte sprechen und die anderen wollen auch nicht wirklich etwas davon hören. Die Traumata werden verdrängt und suchen sich andere Wege der Verarbeitung, die aber in Wirklichkeit natürlich keine sind: Depression, Schlaflosigkeit, Drogen, Alkohol, familiäre Gewalt und sexueller Missbrauch, um nur einige zu nennen.
Nach dem zweiten Weltkrieg kamen viele Männer nach Hause und waren Fremde in der eigenen Familie. Auch in heutigen Kriegssituationen, Vietnam, Balkan, Israel/Palästina, wird diese Entwicklung beschrieben.
Angemessen wäre, dass den Männern und Frauen kompetente Hilfe angeboten würde in Form von Therapien, Gesprächen, um das Grauen zu verarbeiten, dem sie ausgesetzt waren.

Menschen, die schwere Krankheiten überstanden haben, verändern oft danach ihr Leben völlig. Sie haben die Botschaft verstanden und so hat die Krankheit einen Sinn bekommen.

Um zu Viktor Frankl zurückzukehren: Er fand heraus, dass Menschen, die in ihrem Leben Sinn finden, mit traumatischen Lebenssituationen besser umgehen konnten. Im Sinn fanden sie das Ja zum Leben. In einem Vortrag erzählte er einmal mehrere Beispielgeschichten. Eine davon hat mich besonders berührt: Eine jüdische Frau kam zum Zahnarzt. Dieser bemerkte, dass die Frau ein wunderschön gefasstes Armband trug und er fragte sie, was es wäre. Sie sagte: „Das sind die Milchzähne meiner Kinder“. Der Zahnarzt erwiderte: „Was für eine schöne Idee, die Milchzähne der Kinder in Gold zu fassen und zu so einem schönen Schmuck zu verarbeiten“. „Ja“, sagte sie, „ und alle meine Kinder wurden in Auschwitz umgebracht“. Der Zahnarzt war fassungslos „Wie ist es möglich, dass Sie es aushalten, durch das Armband immer daran erinnert zu werden?“ fragte er. „Ich habe in Israel ein Waisenhaus für elternlose Kinder gegründet“, antwortete sie. Sie hatte dem schlimmsten Grauen in ihrem Leben einen Sinn gegeben.
Wenn ich noch einmal auf meine anfangs erwähnte persönliche Situation zurückkommen darf: Vielleicht war der Sinn dieser Trennung, dass ich heute viel besser Menschen in Trennungs- und Scheidungssituationen verstehen und beraten kann. Unter anderem dafür bin ich dankbar.
Zum Abschluss möchte ich einen kurzen Text meines spirituellen Meisters Osho zitieren - Übersetzung von mir:
„Der Tag, an dem du nicht mehr um Dinge bittest, die dir gefallen, sondern dir die Dinge gefallen, die passieren, an dem Tag wirst du erwachsen sein.
Wir können immer fortfahren, uns das zu wünschen, was uns gefällt. Aber das wird uns immer wieder unglücklich machen, denn die Welt passt sich nicht an unsere Wünsche und Abneigungen an. Es gibt keine Garantie dafür, dass das Leben dasselbe will wie du… Es ist eher wahrscheinlich, dass das Leben dich zu etwas hinführt, von dem du keine Ahnung hast.

Wenn manchmal deine Wünsche in Erfüllung gehen, wirst du dennoch nicht glücklich sein, denn das, was wir begehren, haben wir schon in der Fantasie ausgelebt. Damit ist es bereits aus zweiter Hand. Wenn du dir zum Beispiel einen bestimmten Mann als Liebhaber wünscht, dann hast du ihn bereits in vielen Träumen und Fantasien geliebt. Und wenn es dann passiert, wird der reale Mann weit hinter deinen Fantasien zurück bleiben; er wird eine Kopie deiner Träume sein, denn die Realität ist niemals so fantastisch wie die Fantasie. Dann wirst du enttäuscht sein.
Aber wenn du anfängst, das zu mögen, was passiert, wenn du deinen eigenen Willen nicht mehr dem Ganzen entgegensetzt, wenn du einfach zustimmst – was immer passiert, du sagst einfach ja – dann wird es dir nie mehr schlecht gehen. Denn egal was passiert, du bist in einer positiven Haltung, bereit, es anzunehmen und zu genießen.“

Die Autorin Sakino Mathilde Sternberg ist Psychologin, Traumatherapeutin, Lebensberaterin in Berlin. Sie arbeitet sowohl in Einzeltherapie als auch mit Gruppen.


Buchtipp: Sakino Mathilde Sternberg, Wie bewegt man einen Elefanten – Weg vom Trauma, hin zum Leben, Innenwelt Verlag.

Weitere Infos unter www.sakino.de


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.