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Ausgabe Februar 2010
Was klingt bei dir an?
Sabine Schüpbach und Martin Frischknecht befragen Andreas Vollenweider und Anna Trökes über Resonanz


Andreas Vollenweider, Musiker
In meiner Welt dreht sich alles um Schwingungen und Resonanzen. Ohne sie geht gar nichts. Aber ist es das, was Musik ausmacht?

Sommer 1988, früher Morgen. Ich schreibe ein Lied, welches ich gerne mit der südafrikanischen Gesangsgruppe Ladysmith Black Mambazo aufnehmen möchte. Während ich spiele und das Lied langsam entsteht, bin ich in meinen Gedanken ganz in Südafrika; es ist die Zeit vor dem Ende der Apartheid. Alle wissen, dass etwas passieren wird. Angst treibt die Gemüter dort unten an. Ich denke darüber nach, dass nur eine einzige Kraft es schaffen könnte, schlimmstes Blutvergiessen zu verhindern: die Kraft des Verzeihens.
Dann plötzlich ist das Lied da. Ich nehme es auf Kassette auf und stecke diese in einen großen Umschlag, den ich an Joseph Shabalala, den Leiter der Gruppe, nach Südafrika schicken werde. Wie besprochen würde er einen Text zu dem Lied schreiben und es einstudieren, bevor wir uns treffen für die Aufnahmen. Ich lege noch einen Zettel bei, auf welchem ich meine Gedanken an diesem Morgen schildere, als Anhaltspunkt für Joseph. Doch bevor ich den Umschlag verschließe, nehme ich den Zettel wieder heraus und gehe zur Post.
Wochen später im Studio: Gänsehaut für alle, als die zwölf Männer ihre warmen, seelenvollen Stimmen erklingen lassen. Sie singen in der Zulu-Sprache, es klingt traumhaft schön. Alle sind begeistert. Beim Abhören frage ich Joseph nach der Bedeutung der Worte. Darauf schaut er mich verwundert an und sagt: «Es geht um das Verzeihen, natürlich.» Ist das Schwingung, Resonanz? Ich weiss es nicht, aber ich liebe das Unerklärbare.

Andreas Vollenweider ist Musiker und Komponist. Mit seinen Konzerten und Alben – 2009 erschien die Doppel-CD Air (edel) – prägt er mit seiner Harfe auf unverkennbare Weise die Welt- und Mediationsmusik. www.vollenweider.com

Anna Trökes, Yogalehrerin

Was in mir am stärksten anklingt, ist die Begegnung mit dem Yoga-Sutra des indischen Gelehrten Patanjali. Der Text beschreibt, wie der menschliche Geist funktioniert. Salopp gesagt: Wie wir so ticken. Was dort steht, ist so gut beobachtet! Und es ist ein so guter Ratgeber für den Alltag.
Natürlich ist es wertvoll, den Text immer wieder zu studieren. Aber mittlerweile beschäftige ich mich schon so lange damit, insgesamt über zehn Jahre, dass ich ihn nicht mehr so oft lese. Er klingt die ganze Zeit in mir. Wenn ich im Alltag eine Disharmonie in mir fühle, kann ich mich mithilfe dieses inneren Klangs wieder in eine Harmonie bringen.
Die Schlüsselbegriffe des Textes trage ich in mir. Zum Beispiel weiß ich, dass «Aktivität des Geistes» im Urtext des Yoga Sutra «Wählen» bedeutet.
Wir Menschen meinen in so vielen Situationen, wir müssten etwas wählen, die Dinge bewerten. Dabei ist das meistens überhaupt nicht nötig. Es genügt, sie mithilfe der indischen Philosophie zu betrachten und sie zu nehmen, wie sie sind.
Das ist natürlich nicht einfach, wie wir alle wissen. Doch es ist sehr wichtig, den Geist zu beobachten. Im Yoga kannst du die Asanas, die Körperübungen, machen, so lange du willst:
Wenn du nicht mit dem Geist arbeitest, verändert sich gar nichts.
Mir wird mehr und mehr klar, dass der Körper die mentale Ebene verkörpert. Im Körper kann nur Harmonie herrschen, wenn der Geist in Harmonie klingt.
Anna Trökes ist Yoglehrerin in Berlin und Autorin zahlreicher Yoga-Bücher.


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