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Ausgabe Februar 2010
Heilen mit Klängen: Den Kanal der Stimme öffnen
von Camilla Elisabeth Bergmann


Die Stimme stellt eine wichtige Verbindung zwischen innen und außen dar: Sie ist der Bereich, wo der innere Impuls in Klang umgewandelt wird und hörbar in die Welt gelangen kann.

Die Stimme war seit jeher Bestandteil von Ritualen, Magie und religiösen Zeremonien. Es gibt Momente beim Singen, in denen man sich selbst fühlt wie im Himmel (was ja auch der Titel eines Films über das Chorsingen ist). Dieses Gefühl hat viel damit zu tun, „im Flow“ zu sein, jenem wunderbaren Zustand des Fließens und der Selbstvergessenheit, der dann entsteht, wenn man in einer Tätigkeit vollkommen aufgeht.
In diesen Momenten werden alle zum Singen gehörenden Abläufe in harmonischer Einheit von Körper und Geist mühelos durchgeführt und die Stimme tönt warm, voll, körperlich und zugleich leicht und vollkommen mühelos aus einem heraus.
In diesem Zustand ist das Kehlchakra frei und nicht nur die Stimme fließt, sondern auch Gedanken lassen sich leicht und zum Teil überraschend neu formulieren. Und man ist ganz bei sich und zugleich in Kontakt mit allem.
Wer je ein etwa einjähriges Kind beim Ausprobieren seiner Stimme und seiner Artikulationswerkzeuge beobachtet hat, weiß, welch unerschöpflicher Variationsreichtum und welch große Lust an der Improvisation in dieser Phase der Sprachentwicklung vorhanden sind. Später verliert sich das oft. Bei vielen Erwachsenen ist der Kanal Stimme geradezu verschüttet. Wer früh gelernt hat, immer „den Mund zu halten“ oder „leise zu sein“, wird sehr wahrscheinlich auch als Erwachsener diese Muster beibehalten. Geradezu tödlich für die Verbundenheit mit der eigenen Stimme ist der Satz: „Du kannst nicht singen.“ Dieser Satz kann ein lebenslanges Gefühl der Unzulänglichkeit, Hemmung und Scham in Bezug auf die eigene Stimme auslösen und bewirken, dass derjenige, der den Satz zu hören bekommen hat, nie wieder freiwillig singen wird.

Die eigene Stimme entdecken
Das Potenzial einer Stimme entfaltet sich nicht im Hals, sondern im Gesamtgefüge von Atem, Stimme, Körper und geistig-seelischen Kräften - ein körperlich-energetisches Zusammenspiel, das man als Baby in seinen Grundzügen schon meisterlich beherrschte.
Es gibt aus den ersten Lebensjahren ein tiefes Körperwissen darüber. Dieses Wissen war zuerst da und ist lediglich verschüttet. Es wartet nur darauf, abgerufen zu werden – egal, wie viele Jahre seither vergangen sind. Wieder aktiviert, bahnt sich dieses Körperwissen eine immer breitere Spur und ist in der Lage, irgendwann die - erst später erlernten - Fehlmechanismen dauerhaft zu ersetzen.
Wenn die Stimme ins Fließen kommt, ist allein schon körperlich zu erkennen, wie der ganze Mensch anfängt zu leuchten: rote Wangen, funkelnde Augen und ein Gesamteindruck von Lebendigkeit und Präsenz, oft begleitet von Lachen und übersprudelnden Worten. Und manchmal folgt auf die sprudelnden Worte einfach nur ein seliges - Schweigen.

Camilla Elisabeth Bergmann ist Natural Voice Teacher, Sängerin und staatl. gepr. Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin. Ihre Arbeitsfelder sind Gesangsunterricht, Sprechtraining, Stimmtherapie und Atemarbeit.


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