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Ausgabe Februar 2010
Sieben Milliarden Kreative und ich
Sugata W. Schneider über Kreativität und Talent


Habe ich Talent? Bin ich kreativ? Mein Geschreibsel oder Gekritzel, meine Fotos, mein Tanz, ist das originell? Oder ist es nur ein Abklatsch von irgendeinem Vorbild, dessen ich mir vielleicht nicht einmal bewusst bin?

Sand auf den Straßen der Großen
Ich meine damit nicht, dass jemand anderes den Preis hätte bekommen sollen. Pamuk hat ihn verdient. Aber auch andere hätten ihn verdient, die ihr Talent bereits entwickelt haben und Erzählkunstwerke vorlegen können. Und Millionen anderer gibt es, die verdient hätten, Umstände vorzufinden, die ihr Talent ausgebildet hätten!
Die normalen Umstände in der Welt sind Talentvernichtungsmaschinen. Du kommst mit Talent auf die Welt, dann mahlen diese Mühlen, und wenn sie ihr Werk getan haben, bist du ein paar Körnchen Sand auf einer der Straßen, auf denen "die Großen" ihre Paraden aufführen, ein erloschenes Licht, ein ausgehauchter Lebensgeist, als Individuum gestorben längst vor dem physischen Tod.
Wenn man die Menschen in Bezug auf ihre Erzählqualität vergleicht, dann gibt es vielleicht nur ein paar Hundert oder paar Tausend, die sich mit Pamuk messen können.
Wenn man das Talent vergleicht, das bei dir oder sonstwem als Kind da war mit dem von dem jungen Pamuk, dann stellt man fest, dass es Millionen gibt, die zu solcher Dichtung fähig gewesen wären.

Sie wollen dich kassieren ...
Wer lebendig bleiben und eigen sein will, muss zuerst mal den Mut dazu haben, schon als Kind. Zweitens Lernumstände vorfinden, wo dieses Talent ausgebildet werden kann. Und drittens günstige ökonomische Umstände vorfinden, die erlauben, die erlernte Kunst auch auszuüben.
Als 16jähriger dachte ich an Selbstmord, weil ich Angst hatte, sie würden mich kassieren - sie, die grauen Männer, die alle zu Untertanen des Üblichen machen, zu seelenlosen, angepassten grauen Mäusen, und dann wäre das Leben nicht mehr lebenswert. Ich hatte Angst, die Befreiung aus dieser Seelenvernichtungsmaschine vielleicht nicht zu schaffen. Wäre ich gescheitert, hätte ich mit den Wölfen geheult und mich mit ihnen lustig gemacht über solche wie mich mit ihren verwegenen Ansprüchen. Immerhin hatte ich den Mut aufzubegehren - und so begann meine spirituelle Reise.

The economy, stupid
Das zweite dann, die Ausbildung des Talents, das war hart für mich. Wahrscheinlich ist es das auch für die meisten anderen so. Ich bin Autodidakt in fast allem, was ich tue - jedenfalls im Schreiben und im Verstehen der Sprache und der Welt. Die paar Semester Sprachphilosophie, die ich studiert habe, die waren kaum erhellender als sie geistvernichtend und entmutigend waren, Aufbau und Zerstörung halten sich da fast die Waage.
Das dritte, die Ökonomie, damit kämpfe ich jetzt. Mein Talent entwickle ich in meiner Freizeit weiter, als Hobby oder Luxus, nur selten werde ich dafür bezahlt. Dem Finanzamt galt mein Schreiben jahrelang als nur ein Hobby; die Einnahmen daraus waren zu gering, als dass die darauf bezogenen Ausgaben hätten anerkannt werden können. Ich lebe nicht vom Schreiben, sondern muss arbeiten, um mir diese kreative Tätigkeit erlauben zu können, ab und zu spät abends, wenn die wichtigen Sachen getan sind, die Geschäftlichen, Notwendigen. Dass ich das Schreiben unterrichte, außerdem Texte von anderen redigiere, eine Zeitschrift herausgebe, das tue ich gerne, aber das ist noch nicht der eigentliche kreative Akt. Ich tröste mich damit, dass auch Mozart und Beethoven als Musiklehrer arbeiten mussten, um sich leisten zu können, ab und zu eine Sinfonie zu komponieren. Ein Leben, das ganz um das Schreiben kreist, wer kann sich das ökonomisch schon leisten?

Trauer und Wut
So weit mein Lamento. Bedauert mich jetzt einer? Bedauerst du nun immerhin dich selbst und weinst mit mir um die Millionen verkannter Genies? Würden diese Tränen irgendjemandem helfen? Trauer ist passiv, Wut die aktive, nach außen gerichtete Seite derselben Energie. Wut ist kreativer als Trauer. Nun also die Wut: Ich bin wütend auf ein System, das so viel Blödsinn fördert und bejubelt und die wirklich Guten, Kreativen verkümmern lässt!
Kein Talent zu haben ist traurig. Talent zu haben, und es nicht ausbilden zu können ist noch trauriger - da hat man am Glück der Kreativität schon mal geschnuppert, darf es aber nicht weiterentwickeln. Talent zu haben, davon zu wissen und darin sogar eine gewisse Ausbildung und Übung erfahren zu haben, dann aber aus wirtschaftlichen Gründen passen zu müssen, das ist das Traurigste - es sei denn, man kann diese Trauer in Wut verwandeln, in eine Tatkraft, die sich nicht beirren lässt vom doch fast immer nur punktuell hereintröpfelnden und nicht immer positiven Feedback.

Weltrevolution der Kreativität
Aber ich bin mit dieser Trauer und Wut ja nicht allein. Die kreativen Talente, deren Ausdruck und Wirkung an der Wirtschaft scheitern, sind Tausende. Sollen sie doch ihre Kreativität auch mal ins Marketing stecken, höre ich von allen Seiten. 80 % davon ins Marketing, das sei das Mindeste, was es braucht, um gute Erfolgs-chancen zu haben, sagen die Ratgeber. Bleibt ein Fünftel für das eigentliche Werk. Den meisten dieser Werke merkt man das an.
Die Massen der in ihrer Kreativität Behinderten sind aber noch viel größer. Die auf Chancen zur Ausbildung warten, sind Millionen. Die ihr Talent noch nicht entdeckt haben, ihre Eigenheit und Einzigartigkeit, sind Milliarden. Heißt das, dieses Lamento und diese Wut von mir gelten eigentlich nicht der Ökonomie, sondern der condition humaine?
Im einen wie im anderen Falle kommt es wohl darauf an, Weltschmerz in Tatkraft zu verwandeln. Diese Tatkraft kann einzelne Kunstwerke hervorbringen - gut so. Noch besser wäre es aber, mit dieser Tatkraft eine Welt zu erschaffen, die uns bald sieben Milliarden Bewohnern dieses Planeten eine Entfaltung der Kreativität erlaubt, die ebenso künstlerisch, wie ökonomisch und sozial sein kann.

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: schneider@con-nection.de, Blog: www.schreibkunst.com


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