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Ausgabe November 2009
KGS Traumkolumne von Klausbernd Vollmar - Der Traum von einer Landschaft


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Ich gehe einen Weg, den ich in meiner Jugend oft ging. Damals war er ein Pfad mit Gras und Moos, der großartige Blicke über eine unberührte Seenlandschaft umgeben vom Wald bot. Heute ist der Weg asphaltiert. Überall sehe ich Häuser. Als ich das bemerke, möchte ich kehrt machen, aber ich entschließe mich weiter zu gehen.


In unseren Träumen und Fantasien tritt das in den Vordergrund, was in der Außenwelt zu verschwinden droht. Wie wir Landschaft im Äußeren erleben, gibt unser inneres Bild von der idealtypischen Landschaft wieder, das oft von romantischen Vorstellungen geprägt ist. Es ist die Sehnsucht nach natürlichem Leben, die Henry Thoreau 1854 in seiner Hütte in den Wäldern in „Walden“ beschrieb.


Ob in Traum oder Realität, stets erfahren wir die Landschaft unserem inneren Bild entsprechend, da unser Auge keineswegs unschuldig, sondern von unseren Vorstellungen geprägt sieht. Der Prozess der Entfremdung von der Natur und zugleich der alltägliche Druck der Anpassung an unsere moderne Gesellschaft produziert als ausgleichendes Gegenbild solche Träume. Dabei ist häufig festzustellen, dass diese Träume von einem archetypischen Setting geprägt sind, das uns an die chinesische Landschaftsmalerei des Zen-Buddhismus erinnert: Der im Wald gelegene See ist obligatorisch, da er eine Ruhe ausstrahlt, die in unserem Zeitalter der Beschleunigung zum Luxusgut geworden ist.

Der Wald verkörpert das Unbewusste im Traumland, der See unsere Gefühlswelt mit ihrer unergründbaren Tiefe. In früheren Zeiten, sagt dieser Traum, war der Blick auf die Gefühlswelt natürlich gegeben. Heute dagegen wird er von der Kultur geprägt, die mit der Besiedlung die Natur verdrängt. Auch der asphaltierte Weg weist in diese Richtung: Gras und Moos wird zur Unbequemlichkeit, die für schnelleres Voranschreiten auf der geglätteten Oberfläche geopfert wird. Der Anklang an die biblische Metapher vom breiten Weg und steinigem Pfad drängt sich auf. Damit wird auf unseren Lebensweg verwiesen, der vom Träumer als von bequemer Oberflächlichkeit geprägt empfunden und abgelehnt wird. Er möchte umkehren, aber die gesellschaftliche Tendenz der Domestizierung der äußeren wie der inneren Natur ist nicht rückgängig zu machen. So geht er weiter.


Das Thema dieses Traums ist das verlorene Paradies und der Verlust der Naivität. Kulturprozess und das Älterwerden sind unweigerlich mit diesen Verlusten verbunden, die jedoch erträglich bleiben, wenn das innere Bild der Natur bewahrt wird.

Klausbernd Vollmar, Diplompsychologe und Gründer von TraumOnline, wird auch weiterhin in der KGS Berlin auf Träume eingehen, die ihm durch unsere Leser zugekommen sind. Wünschen Sie Hinweise zum Verständnis Ihrer Träume, schicken Sie diese an
mail@kbvollmar.de, Stichwort: Traumkolumne
www.kbvollmar.de und www.traumonline.eu


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