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Ausgabe November 2009
Lebensschule: Je früher desto besser!

„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, so sollte es sein, aber leider sieht die Realität anders aus. Marco Leonardo hat Eigeninitiative entwickelt und bietet seine Idee einer Lebensschule an.Haidrun Schäfer sprach mit ihm.

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Haidrun Schäfer: Was war Ihre Motivation für die Idee der Lebensschule?

Marco Leonardo: Jeder Mensch, jedes Kind hat eine ganz individuelle Bestimmung, eine innere Vision. Diese Vision zu erkennen und zu verwirklichen, das ist der Sinn unseres Lebens. In der normalen Schule lernen wir, wie lang der Nil ist und wie viele Einwohner New York hat, aber was wir dort nicht lernen ist, wie man wirklich lebt. Wir lernen nicht, wie man seinen Körper gesund erhält, wie man seine Probleme löst, wie man Krisen bewältigt, wie man seine Ziele sicher erreicht. Für jedes dusselige Moped brauchen wir einen Führerschein, aber für etwas so Komplexes und Wichtiges wie das eigene Leben gab es so etwas nicht. Jetzt gibt es das - in der Lebensschule. Das Hauptfach ist das Leben selbst. Und die wichtigste Fremdsprache ist nicht Englisch, sondern die Sprache der Lebensumstände. Und am besten legt man den Grundstein für diese wichtige Entscheidung bereits in der Kindheit. Hier setzt die Lebensschule ein, denn zuerst sollten wir die Spielregeln des Lebens lernen und anfangen, auch danach zu leben. In Wirklichkeit ist das Leben ein Spiel, das uns einlädt mitzuspielen. Wir entscheiden, ob wir als Spielfigur oder als bewusster Spieler an diesem Spiel teilnehmen. Wäre es nicht wunderbar, wenn Kinder schon frühzeitig lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt? Hilfreich wäre ein Lebensführerschein statt Benotung.


Also Individualität statt Konformität, Einheitsbrei und Uniform?

Viele Menschen haben sich und ihre Ziele bereits in der Kindheit verloren und leben ein Leben, das ihnen nicht entspricht. Man „funktionieret“ und findet sich damit ab. Aber es gibt auch andere Wege. Goethe hat es so formuliert: „Das, was die Pflanze unbewusst tut, das tue du bewusst.“ Die Botschaft ist, alles so gegenwärtig wie möglich zu erfahren und den Unterschied zu bemerken, wenn ich mich verhalte, wie es erwartet wird oder wenn es wirklich mir entspricht. Der einfachste Weg scheint Anpassung und Nachahmung zu sein, aber auf längere Sicht führt das zu Unzufriedenheit. Das ist für mich eine der Aufgaben der Lebensschule: den Menschen zu vermitteln, dass sie jeden Augenblick eine Entscheidung treffen, dass sie eine Wahl haben. Entweder, ich bestimme mein Leben bewusst selbst oder die anderen bestimmen mein Leben.


Sie gehen in Grundschulen und sogar in Kindergärten. Was können Sie erreichen, wenn Sie ein Mal in der Woche eine Stunde dort sind?

Ein Mal in der Woche etwas Stimmiges anzubieten, ist ein so starker Impuls, dass es an Zeit gar nicht mehr braucht. Wichtig ist, mit welcher Einstellung wir dem Leben begegnen. Schulanfänger sind noch sehr empfänglich für die Botschaften der Eltern und Lehrer und übernehmen leicht die Meinungen, die man ihnen vermittelt. Mit Phantasiereisen können die Kinder zusätzlich zu der äußeren Welt auch ihre innere Welt kennen lernen. Nebenbei wird die Imaginationskraft erhalten bzw. gestärkt. Damit werden sie unabhängiger von den Meinungen anderer und lernen, sich sich selbst zu vertrauen, sich auf sich selber zu verlassen und mehr in sich selbst verwurzelt zu sein. 


Was machen Sie konkret mit den Kindern?

Lebensschule wird als Spiel wahrgenommen. Mit Entspannungsübungen gehe ich durch den Körper, spüre den Atem und die verschiedenen Körperteile und dann lasse ich sie z.B. auf eine Wiese gehen und die Jahreszeiten erleben. Oder wir machen Zeitreisen auf spielerische Art und Weise. Es geht darum, die inneren Sinne zu aktivieren und sich mit der inneren Welt zu identifizieren: auf dem Sandstrand zu gehen oder über das Gras zu laufen, das Vögelgezwitscher innerlich hören und die Sonne auf der Haut zu spüren. So wächst ein Vertrauen in die inneren Bilder, was die Grundlage für eine selbstbewusste Persönlichkeit ausmacht. Ich mache auch Übungen, die den Gleichgewichtssinn fördern, wie z.B. mit geschlossenen Augen auf einem Seil zu balancieren. Hier können sich die Kinder nur auf ihren Tastsinn verlassen, denn sie müssen in der Balance bleiben. Das hat zur Folge, dass sie zentriert sind, dass sie in ihrer Mitte sind. Und damit ist eine Basis geschaffen, den kommenden äußeren Anforderungen ruhig entgegenzusehen. Dass das Lernen leichter fällt, ist ein angenehmer Nebeneffekt, der von allen dankbar angenommen wird: Die Kinder müssen nicht mehr pauken und die Eltern müssen kein Geld mehr in Nachhilfe investieren.


Haben Sie für die Leser ein praktisches Beispiel?

Ja, z.B. die bewusste Vorstellung der eigenen Zukunft – da stellt sich niemand etwas vor, was er nicht will. Ich habe mir als Kind mit 12 Jahren vorgestellt, wie mein Wunschzeugnis aussehen könnte. Wir durften damals die alten, ausrangierten Zeugnisvorlagen mit nach Hause nehmen, weil sie durch neue ersetzt wurden. In diese alten Vordrucke habe ich mir von der 6. bis zur 10. Klasse meine Zeugnisse selber geschrieben. Später fielen sie mir wieder in die Hände und meine Noten haben sich mit denen der Lehrer gedeckt. Ich und viele andere haben die Erfahrung gemacht, dass innere Bilder, Vorstellungen oder Erwartungen im Grunde Ursachen sind für das, was später eintritt. Wenn der Geist sich etwas vorstellt, gibt es einen Weg, der zu diesem Ziel führt. Man könnte es also den Kindern heute, so lange sie noch in diese Art von Schulen müssen, leichter machen, indem man ihnen durch Entspannung und ein paar Tricks vermittelt, dass Lernen leicht ist und dass es Freude machen kann. Gleichzeitig kann man durch Übungen, die das Bewusstsein fördern, die kindliche Wachheit und Klarheit unterstützen.


Sie arbeiten auch mit älteren Kindern – da sind die Weichen schon oft gestellt. Was machen Sie mit diesen Schülern?

Ich möchte denjenigen, die dafür offen sind, Möglichkeiten anbieten, das Leben leichter zu leben. Im Moment begeistert es mich am meisten, etwas mit Jugendlichen zu machen, denn da geht es schon um die Sinnfragen, während es bei den jüngeren Kindern eher um Phantasiereisen geht. Im Moment laden mich Lehrer oder Jugendliche aus Gymnasien und Berufsschulen ein. Oft beobachte ich, dass viele sich noch nie die Frage gestellt haben, was ihr wirklicher Traumberuf wäre. Die meisten streben etwas an, wovon sie meinen, das reicht, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Viele sind sehr beeinflusst durch die Meinung anderer und vergraben so immer mehr die Sehnsucht ihres Herzens.  Deshalb „grabe“ ich in meinen  Seminaren mit den Schülern diese inneren Schätze wieder aus. Und je klarer die Vision sich dann zeigt, um so leichter wird es für jeden, diese Vision in Wirklichkeit zu verwandeln und den Mut zu haben, als der zu leben, der man wirklich ist.


Auch hier meine Frage: Was machen Sie konkret mit den Berufsschülern?

Ich ermutige sie, eine Phantasiereise zu machen, wie es aussehen würde, wenn sie wirklich das machen könnten, was sie wollen. Die Mutigsten sagen dann vor der Gruppe: „Das ist mein Ziel, dafür würde ich gerne leben. Dann frage ich, wie sicher derjenige ist, dass er es schafft. Wenn er z.B. 60% sagt, dann interessiere ich mich für die 40%, die dagegen sprechen. Und die werden nach und nach angeschaut, angefangen mit dem größten Hindernis. Einmal hatte jemand eine tolle Idee, sich selbstständig zu machen, traute es sich aber nicht zu. Es stellte sich heraus, dass ein Berufsberater vom Arbeitsamt einmal zu ihm gesagt hat: „Mit dem Zeugnis brauchst du dich nirgends zu bewerben.“ Diese Information saß so tief, dass für ihn die Selbstständigkeit gleich mit gestorben war. Bei manchen ist das Argument auch das nötige Kapital. Sie haben eine gute Idee, haben aber auch die Überzeugung: Wenn man sich selbstständig macht, braucht man viel Geld. Und dann gucke ich mir das mit denen an. Alle begreifen irgendwann, dass es im Grunde „nur“ ihre Vorstellungen und die Meinungen anderer sind, die sie abhalten, etwas zu machen. Wenn man den Blickwinkel verändert, werden aus 60% Selbstvertrauen bald 80% und dann 100%. Dann ist die Idee noch nicht verwirklicht, aber sie fangen an, die Vision in Schritte zu zerlegen: Wenn ich in 10 Jahren das Ziel erreicht haben will, was muss ich in 5 Jahren erreicht haben, was in 1 Jahr und was mache ich heute dafür? Andere haben Begabungen, aber ein schlechtes Verhältnis zu Geld. Sie würden sich nie trauen, ihr Können zu vermarkten, weil sie von zu Hause mitgekriegt haben, dass Geld etwas Negatives ist. Die machen dann irgend etwas, um ihre Miete zu bezahlen und das finde ich schade.


Sie bieten auch eine Ausbildung für diejenigen an, die selber eine Lebensschule gründen möchten?



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