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Ausgabe November 2009
Spontane Evolution

Eine Spontanheilung für die Menschheit, für die ganze Welt! Wäre das nicht wundervoll? Von Klaus Medicus.

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»Unmöglich«, werden die meisten von uns sagen. »Träum weiter«, heißt es sarkastisch. Doch laut Bruce Lipton und Steve Bhaerman ist diese Art zynischer Realismus unser größtesHindernis, die uns innewohnende, wissenschaftlich dokumentierte Weisheit der Masse und die Macht unseres Bewusstseins anzuerkennen und einzusetzen. Dass sich angesichts unserer auf so vielen Ebenen desolaten globalen Situation etwas verändern muss, ist ein Allgemeinplatz. Aber wie? Lipton und Bhaerman setzen auf die Evolution, auf eine spontane Evolution im Sinne einer Spontanheilung und nicht nach dem Motto »Alle paar Jahrtausende mal eine kleine Mutation«, wie die meisten von uns Evolution verstehen. Anders als es uns die Lehren der konventionellen Wissenschaft und der Religion seit Langem weismachen, verlaufe die Evolution weder zufällig noch vorherbestimmt, sondern ähnele eher einem intelligenten Tanz der Organismen mit ihrer Umwelt: Wenn die Bedingungen durch Krisen oder durch Möglichkeiten reif sind, ereignet sich das Unvorhersehbare und die Biosphäre findet auf einer höheren Kohärenzebene wieder in ihr Gleichgewicht.

Die Herausforderungen weisen nach Meinung der Autoren darauf hin, dass uns spontane Veränderungen unmittelbar bevorstehen. »Die Spontanheilung, nach der wir streben, scheint davon abhängig zu sein, dass unsere Zivilisation die Grundlage unseres Daseins nicht mehr nur im Überleben des Einzelnen sieht, sondern sie um das Überleben der Art erweitert. Dies ist unsere fundamentale evolutionäre Aufgabe, unser biologischer Imperativ. Zugunsten dieser Spontanheilung ist es notwendig, dass wir individuell und kollektiv viele der Grundannahmen unserer Gesellschaft überprüfen: Was sich dabei als unpassend oder unvollständig erweist, muss überarbeitet und in neuer Weise in die Zivilisation eingebaut werden.« Sobald die Menschheit begreife, was uns die moderne Wissenschaft über unser wahres Sein lehrt, würden die Strukturen, die uns von dieser Wahrheit getrennt haben, zugrunde gehen und ein neuer Weg offenbare sich.

Lipton und Bhaerman verdeutlichen unsere Situation anhand der Zellen einer Raupe, die meinen, dass ihre Welt zusammenbricht, wenn sich der Körper langsam auflöst. Doch mitten in dieser Atmosphäre von Zerfall und drohender Vernichtung tauchen sogenannte »imaginale« Zellen auf: Vereint beschließen sie, aus den Bruchstücken etwas Neues zu erschaffen. Und so erhebt sich eines Tages aus den Ruinen ein großartiger Flugapparat – ein Schmetterling –, sodass die überlebenden Zellen fortan eine herrlichere Welt erleben, als es ihnen je möglich schien. Der Clou: Die Raupe und der Schmetterling haben genau die gleiche DNA; es ist der gleiche Organismus, der zu unterschiedlichen Zeiten andere Organisationssignale empfängt und verarbeitet.

Unser Problem erscheint so krass, weil der größte Teil des globalen Menschheitskörpers immer noch eine Raupe ist, die sich bedroht fühlt und den imaginalen Zellen Widerstand leistet. Dieses Ringen formt zurzeit das Energiefeld der Erde. Raupen werden zwar unweigerlich zu Schmetterlingen, aber der Erfolg unseres nächsten Evolutionsschrittes hängt von den Erkenntnissen jedes Individuums ab. Werden wir angesichts der unausweichlichen Transformation unserer Welt fähig sein, das Trauma einer Revolution zu vermeiden und uns stattdessen für eine globale Heilung durch Evolution entscheiden?

»Erkennen wir unsere Rollen als erwachte und bewusste Zellen des Körpers der Menschheit; nehmen wir alle bewusst am bedeutendsten und herausragendsten Augenblick der Geschichte dieses Planeten teil, dann werden wir erleben, wie sich aus diesem Chaos in einem spontan aufflammenden Erscheinen eine neue, harmonische Ordnung materialisiert. Woher wir das wissen? Aus der Wissenschaft.«

Zunächst wenden sich Lipton und Bhaerman unserer Geistesgeschichte zu. Da inzwischen zweifelsfrei klar ist, dass der Geist stärker ist als die Materie und dass unsere Welt und unsere Körper von erworbenen Überzeugungen bestimmt werden, ist es von höchstem Interesse, was wir für wahr halten. Ausführlich wird dargelegt, wie bestimmte Paradigmen zur jeweiligen Zeit die menschliche Kultur geprägt haben und welche Grundannahmen unsere heutige Zivilisation dominieren – und dass sie sich wissenschaftlich längst als falsch erwiesen haben! Die Autoren schildern, wie sich die Menschheit im Hinblick auf die Polarität zwischen Geist und Materie zuerst weit auf die Dominanz des Geistes einließ und dann weit in die Vorherrschaft der Materie eindrang. Jetzt stünden wir vor der historischen Gelegenheit, uns in einer Philosophie der Gleichrangigkeit von Geist und Materie sowie der Gegensätze Männlich und Weiblich, Welle und Teilchen etc. zu verankern – einem Grundparadigma des sogenannten »Holismus«.

Was zunächst bedenklich stimmt: Etwa 95 Prozent unseres Verhaltens sind vom Unterbewusstsein bestimmt, weil wir mit unserem bewussten Denken woanders sind: in der Vergangenheit oder Zukunft oder sonst wo. Währenddessen läuft der vom Unterbewusstsein gesteuerte Autopilot, der in unserer Kindheit programmiert wurde, und zwar seinerseits durch den Autopiloten unserer Eltern. Doch die gute Nachricht ist: Nichts davon ist in Stein gemeißelt. Was programmiert wurde, kann auch umprogrammiert werden. Und der erste Schritt zur Umprogrammierung besteht in der Erkenntnis, an welchen Stellen wir irren – oder um mit Worten von Eckhardt Tolle zu sprechen: »Die größte Errungenschaft der Menschheit besteht nicht in ihren Kunstwerken, ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen oder ihren technologischen Erfindungen, sondern in der Erkenntnis ihrer eigenen Fehlfunktionen, ihres eigenen Irrsinns.«

In Spontane Evolution wird gezeigt, dass vier wesentliche Grundpfeiler unseres modernen Weltverständnisses wissenschaftlich nicht mehr haltbar sind:

Nicht die Materie bestimmt unsere Welt, sondern das »Feld«.

Nicht die Stärksten überleben, sondern die Passendsten. Und die Natur zeigt ganz klar, dass Organismen die besten Überlebenschancen haben, wenn sie an ihr Umfeld optimal angepasst sind. Wir leben in einer Welt der Beziehungen.

Nicht unsere Gene bestimmen, wie wir sind, sondern die Umgebung der Zelle bestimmt, welche Gene aktiviert werden. Die Umgebung der Zelle besteht aus unserem Körper, unserem physischen Umfeld, unseren Gedanken und Gefühlen. Womit wir wieder bei den Überzeugungen wären.

Evolutionäre Veränderungen erfolgen nach dem Prinzip der zielgerichteten Zufälligkeit. Sie bilden chaotische Muster, in denen Vorhersehbarkeit (»Schmetterlings-Effekt«) und Zufall (»Unschärferelation«) aufs Innigste miteinander verknüpft sind.


Was tun angesichts dieser überwältigend aussichtslos erscheinenden Situation?

Lipton und Bhaerman meinen: Dem Wahnsinn ins Auge schauen und das kohärente Feld stärken. Aus abhängigen, sich ohnmächtig fühlenden Kindern Gottes, die zu sich auflehnenden Jugendlichen geworden sind, müssen verantwortungsbewusste Erwachsene Gottes werden. Unser Universum funktioniert nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben. Der Schlüssel liegt in der Anerkennung und Pflege der Beziehungen aller zu allen, denn – wie die Biologin Lynn Margulis zitiert wird – »die wesentliche Schubkraft der Evolution« sei »die Symbiose ..., ein Zusammenschluss von Individuen zur Bildung allerseits vorteilhafter Beziehungen. Das Leben hat den Globus nicht durch Kampf erobert, sondern durch Vernetzung.«

Wenn wir jene Phasen der Evolution betrachten, die »Punktualisierungen« genannt werden, also Zeiten, während denen in relativer Kürze die größten Veränderungen stattgefunden haben, dann wird deutlich, dass es immer um eine Zunahme von Gemeinschaftlichkeit und Wechselseitigkeit ging. Vielleicht geht es also auch im nächsten Evolutionsschritt, dessen Höhepunkt wir uns zu nähern scheinen, nicht primär um die Veränderung des Individuums, sondern um die Emergenz eines völlig neuen Organismus – der Menschheit! Das fraktale Wesen der Natur erlaubt es uns, aus dem harmonischen, höchst effizienten Miteinander unserer 50 Billionen Körperzellen auf eine Strategie zu schließen, wie wir als einzelne Zellen der Menschheit besser miteinander auskommen könnten.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse führen zwangsläufig zu einem neuen Weltbild. Aus der Sicht der modernen Wissenschaften sieht das Universum immer mehr aus wie ein großer Gedanke und weniger wie eine große Maschine. Der Geist gilt nicht mehr als zufälliger Eindringling, sondern zunehmend als Schöpfer und Regent.


Wie können wir also Einfluss nehmen auf unsere evolutionäre Entwicklung?

Durch die Anerkennung der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und des enormen Einflusses, den unser Bewusstsein auf unsere Welt und unser Leben hat.

Durch Veränderung unserer Überzeugungen. Welchen Weg auch immer man dafür wählen mag – er sollte auf jeden Fall die Elemente Absicht, Entscheidung und Übung aufweisen.

Indem wir Polaritäten als Partner begreifen, die miteinander kooperieren.

Durch die Suche nach transzendenten Lösungen jenseits des Problems.

Indem wir unsere innere Sicherheit mehr vom Herzen bestimmt sein lassen statt von Angst.

Durch die konsequente Anwendung der Goldenen Regel: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg‘ auch keinem andern zu.


So könnte es zu einer spontanen Evolution kommen, bei der wir unseren Anteil zur Weiterentwicklung der Bewusstheit des Lebens erfüllen können. Und das ist erst der Anfang, sagen die beiden Autoren. Vielleicht werden wir auch eines Tages miterleben, wie sich die Evolution der Erde als lebendiger Zelle erfüllt und sie sich mit anderen bewussten »Erd-Zellen« zusammentut, um Wahrnehmung und Bewusstheit zu vermehren.

Buchtipp
Bruce H. Lipton, Steve Bhaerman, Spontane Evolution, Wege zum neuen Menschen, 512 S., Hc., s/w. Abb., Koha-Verlag, ISBN: 3867281033


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