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Ausgabe Februar 2009
Die Lehre von der großen Vollkommenheit

Ein Beitrag von Dr. Olaf Brockmann anlässlich des Besuchs von Dr. James Low in Berlin

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Dzogchen, auch Dzogpa Chenpo genannt, wird mit „die große Vollkommenheit“ übersetzt und ist in seiner Essenz eine Lehre vom Urzustand des Seins, der wahren, vollkommenen Natur jedes Individuums seit uranfänglicher Zeit. Diesen Urzustand zu verstehen heißt, frei zu sein von jedem Selbstbetrug und von jeder Täuschung, die vom eigenen Geist selbst hervorgerufen wird. Das Erkennen des Urzustands ist nicht abhängig von intellektuellen Folgerungen oder der Annahme von Glaubenssätzen, denn der Urzustand ist seiner Natur nach jenseits des Verstandes.
Die Frage ist, wie geben wir unserem Leben einen Sinn, wie geben wir unserer Identität einen Sinn? Die Sicht des Dzogchen, angewandt im täglichen Leben, kann uns helfen zu enthüllen, wer wir wirklich sind, und ermöglicht damit eine radikale Betrachtungsweise unserer persönlichen Identität.
Wie wir über uns denken, bestimmt die Wahlmöglichkeiten, für die wir uns entscheiden, und legt die Strukturen unseres Lebens fest. Jedoch ist die Art, wie wir über uns denken, durch die vielschichtigen Umstände der persönlichen Geschichte bedingt. Gefangen in einem Netz von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen erleben wir eine Welt voll von Versuchungen und Provokationen. Die Wurzeln unserer eigenen Begrenzungen, unserer Urteile, unserer Leidenschaften, unserer Eifersucht und unseres Stolzes liegen demnach in unseren Konditionierungen, in unserer dualistischen Sichtweise, in der Trennung von „ich“ und „andere“. Wir geben uns der Illusion hin, dass wir es mit beständigen Subjekten und Objekten zu tun haben, mit realen Wesenheiten, die da miteinander interagieren und aufeinander einwirken. Wir fürchten uns vor den Schmerzen und Ängsten, die die Trennung des Subjekts vom Objekt erzeugen kann. Deshalb versuchen wir, uns ein möglichst festes und scheinbar unzerstörbares Ich zuzulegen, denn dies halten wir für den wirksamsten Schutz gegen die Unzuverlässigkeit der äußeren Objekte in ihrem nie endenden Prozess des Entstehens und Vergehens. Dies ist ein Prozess, der immer weiter und weiter geht.
Dzogchen weist uns darauf hin, dass wir eine Situation in einem anderen Licht sehen können. Wenn wir lernen, uns zu entspannen und es nicht mehr nötig haben, unsere Identität ängstlich zu schützen. Somit eröffnet die Praxis des Dzogchen uns eine ganz andere Erfahrung: Während unser alltägliches Leben in seiner äußerlichen Form weitergeht, geschieht dies innerhalb einer geistigen Offenheit, die immer frisch und unverbraucht ist.

James Low
James Low ist ein Schüler und Lehrer der Byangter und Khordong Linien des kürzlich verstorbenen Chhimed Rigdzin Rinpoche. Er fing in den sechziger Jahren in Indien an, den tibetischen Buddhismus zu studieren und zu praktizieren. Er erhielt Belehrungen von Kalu Rinpoche, Chatral Rinpoche, Kanjur Rinpoche und Dudjom Rinpoche. Nachdem er seinen Wurzellama Chhimed Rigdzin Rinpoche (auch bekannt als C.R. Lama) traf, lebte er für viele Jahre in seinem Haus in West-Bengalen, war ihm bei allen notwendigen Dingen behilflich und wurde in allen Aspekten der Tradition belehrt. Während dieser Zeit unternahm James etliche Retreats und Pilgerreisen in den Himalaya.
In den siebziger Jahren und nach seiner Rückkehr nach Europa in den achtziger Jahren studierte er auch unter Anleitung von Namkhai Norbu Rinpoche. James übersetzte viele tantrische Texte und Sadhanas mit C.R. Lama, der sehr daran interessiert war, dass Texte von seinen Linien, Byangter und Khordong, in Englisch verfügbar sind.
C.R. Lama hat im Jahr 1976 James gebeten zu lehren und gab ihm im Anschluss daran die dafür notwendigen Übertragungen, zusammen mit den vollständigen Befugnissen der Linie. James wurde bestärkt, traditionelle Instruktionen zu geben und dabei Methoden zu verwenden, die es dem westlichen Menschen ermöglichen, die entscheidenden Punkte zu verstehen. In dieser Weise lehrt James seit nunmehr über 20 Jahren.
James unterrichtet regelmäßig die Prinzipien des Dzogchen in Europa und veröffentlich von Zeit zu Zeit Übersetzungen und Kommentare.
Zur Zeit arbeitet James Low als psychotherapeutischer Berater am Lehrkrankenhaus des Nationalen Gesundheitsdienstes in London und unterhält eine private Psychotherapeutische Praxis. In Großbritannien hat er auf vielen psychotherapeutischen Trainingsseminaren gelehrt.

Quellen: James Low (1996): Aus dem Handgepäck eines tibetischen Yogi. Theseus Verlag; Namkhai Norbu (1998): Dzogchen, der Weg des Lichts. Die Lehren von Sutra, Tantra und Ati Yoga. Diederichs Gelbe Reihe; Namkhai Norbu (1989): Dzogchen. Der ursprüngliche Zustand. Odiyana Edition.


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