aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Februar 2009
Konzentration & Hyperaktivität

Die Heilpraktikerin Antje Neuhaus schöpft aus dem Erfahrungsschatz der Traditionellen Chinesischen Medizin.

art60584
ADS ist eine bereits im Kindesalter beginnende Störung, die sich durch Probleme mit der Aufmerksamkeit sowie Impulsivität und häufig auch Hyperaktivität auszeichnet.
Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome mit oder ohne Hyperaktivität (ADS/ADHS) werden zunehmend präsent. Sie betreffen etwa 6-8% der Kinder und 4% der Erwachsenen in Deutschland.
Obwohl das Syndrom häufig mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz einhergeht, führt ADS oft zu Problemen in der Schule, da eine Konzentration auf den Unterrichtsstoff auch mit größter Anstrengung nur wenige Minuten möglich ist. ADS geht mit einem erniedrigten Dopaminspiegel (körpereigener Botenstoff) einher. Dieser kann durch die Gabe von Medikamenten so beeinflusst werden, dass die Betroffenen ruhiger werden. Dabei wird die Unterschiedlichkeit der ADS-Fälle vernachlässigt und viele leiden unter den Nebenwirkungen. Eine ganzheitlichere Behandlung bietet die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), die auf die Individualität des ADS eingeht.

Der TCM-Lösungsansatz: Die Beachtung individueller Stärken und Schwachstellen ermöglicht eine gezielte Behandlung.

Dazu ein Beispiel aus meiner Praxis:
Der neunjährige Philipp wird von seiner Mutter gebracht, weil er Probleme in der Schule hat: Er schweift ab, läuft im Klassenzimmer herum oder ärgert Mitschüler. Gelerntes kann er sich nicht merken und wenn seine Mutter ihm Zuhause etwas aufträgt, läuft er los und vergisst es schon auf dem Weg. Seine Konzentrationsschwäche führt zusammen mit seiner starken Impulsivität zu häufigen Konflikten mit Lehrern und Mitschülern und bringt ihn in eine Außenseiterposition. So wird er z.B. des Klassenzimmers verwiesen, weil er sich „zu auffällig meldet“. Die Hausaufgaben sind ein ständiges Drama und brauchen sehr viel Zeit.
Auf meine Frage, warum er gekommen sei, deutet er zuerst auf seinen Arm, den er sich verletzt hatte. Häufige Verletzungen sind ein typisches Begleitsymptom bei Hyperaktivität. Philipp ist sehr experimentier- und erkundungsfreudig bei vermindertem Gefahrenbewusstsein. Ich frage ihn nach der Schule und er erzählt mir, dass „sein Geist immer abhaue“, vor allem dann , wenn er von jemandem geärgert wird. Er schildert mir sehr lebhaft und bildreich, wie sein Geist ihn dann suche und auch bei den nächsten Terminen bin ich immer wieder erstaunt, wie viel und detailgenau er erzählen und konfabulieren kann.
Die Chinesische Medizin unterscheidet verschiedene Tendenzen beim ADS. Die wichtigsten möchte ich im Folgenden kurz skizzieren:

Schwäche der Mitte
Hierbei handelt es sich um ADS ohne Hyperaktivität. Die Betroffenen sind träumerisch, langsam im Denken und nicht ganz wach. Instinktiv suchen sie darum einen Reiz nach dem anderen; Fernseher, Süßigkeiten, Computerspiele und bei Erwachsenen Kaffee und Zigaretten. Da es sich meist um Schein-Erlebnisse handelt, bleibt ihr Verlangen unbefriedigt, sie kriegen nicht genug und suchen den nächsten Reiz. Bei Hunger sind sie oft gar nicht mehr ansprechbar. Sie nehmen mehr auf, als sie verarbeiten können, was u.a. zu Übergewicht führt. Überarbeitung und mentale Belastung verschlimmern die Symptomatik. Sie sind oft verschleimt (Neigung zu Problemen mit den Nasennebenhöhlen) und haben einen matten, blassen Teint.
Diese Form von ADS wird aufgrund der nicht vorhandenen Hyperaktivität meist erst erkannt, wenn diese Kinder schon „Schulversager“ sind und ihr Selbstbewusstsein geschwächt ist. Mädchen leiden häufiger unter dieser Form der Aufmerksamkeitsstörung als Jungen.
Heilsam wirken hier Bewegung, das Ersetzen der Schein-Erlebnisse durch echte Erlebnisse und regelmäßige, gekochte Mahlzeiten.

Herz-Hitze
Dieses Syndrom äußert sich primär in mentaler Unruhe und einer umherschweifenden Wahrnehmung. Die Betroffenen sind immer auf Achse, sympathisch und umgänglich, aber nicht zu halten und dadurch oft schwer integrierbar z.B. in Kindergartengruppen. Sie stehen gern im Mittelpunkt und brauchen volle Aufmerksamkeit.
Spontanität und Einsatzbereitschaft, Mut zum Risiko oder zu neuen Projekten sind so ausgeprägt, dass Angefangenes oft nicht zu Ende gebracht wird.
So wie Philipp sind sie sehr kreativ und phantasievoll und zeigen eine auffallend große, spontane Hilfsbereitschaft. Die zunehmende Reizüberflutung fördert die Ablenkung und führt zu einer Überreizung und Aufgedrehtheit. Auf der körperlichen Ebene geschieht dies durch Nahrungsmittelzusätze und künstliche Geschmacksstoffe, zu viel Zucker und zu stark gewürzte Nahrung. Haltgebende Strukturen in Familie, Schule und Gesellschaft können diesen Freigeistern eine gute Basis geben, sind aber heute in zunehmender Auflösung begriffen.

Innere Hitze mit Schleim im Herzen
Wenn sich zur Hitze noch Schleim bildet, neigen die Betroffenen zu mentaler Unklarheit, Agressionen und Zerstörungswut. Aufgrund ihrer geringen Frustrationstoleranz sind z.B. Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiele oft unmöglich. Sie geraten oft in handgreifliche Auseinandersetzungen, sind zudem oft frühreif, bzw. genital-anal-fixiert und belästigen andere.
Intuitiv versuchen sie, sich durch große Mengen an Milch- und Weißmehlprodukte (die wiederum Schleim bilden) zu beruhigen.
Die soziale Entwicklung des Kindes lässt sich durch Mannschaftssport fördern. Unterstützend wirken auch Tees mit Hopfen und Hafer. Schwer verdauliche Speisen sollten vom Speiseplan gestrichen werden.
Nieren-Leere
Bei Nieren-Leere ist das Schlafbedürfnis anfangs groß und erst bei Erschöpfung tritt die Hyperaktivität auf. Manchmal entwickeln sich Ticks oder Zuckungen. Die Betroffenen sind sehr sensibel und und neigen zu Unsicherheit und Ängstlichkeit bis hin zu Depressionen oder Bettnässen.
Häufig gibt es in der Vorgeschichte Traumatisierungen wie Trennung der Eltern oder langdauernde Erkrankungen.
Ausreichender Schlaf ist hier besonders wichtig. Die Selbstssicherheit und Struktur kann z.B. durch Kampfsport oder Tai Chi gestärkt werden
Im Fall von Philipp wird mein Verdacht auf „Hitze im Herzen, die zur Schleim-Hitze tendiert“ durch die Puls- und Zungendiagnose bestätigt. Um die mentale Überaktivität zu beruhigen ist es wichtig, dass die Reizüberflutung wieder eingedämmt wird. Die Zeit, die er mit Computerspielen und Fernsehen verbringt, soll reduziert werden. Nach der Schule soll er sich erstmal körperlich austoben können, bevor es an die Hausaufgaben geht. Nachdem wir zusätzlich mit Akupressur und Ernährungstherapie das Herz-Yin gestärkt hatten, berichtete er, dass sich das Verhältnis zu seinem Bruder, mit dem er viel stritt, entspannt habe. Seine Mutter erzählte mir später außerdem, er habe sein ganzes Zimmer aufgeräumt und er mache seine Hausaufgaben selbstständig und pünktlich.
Einige Wochen später wird er wieder auffälliger und stört den Unterricht. An dieser Stelle wurde eine tieferliegende emotionale Ursache erkennbar. Das ist in vielen ADS-Fällen so. Unterstützend zur bisherigen Behandlung gebe ich Philipp ein homöopathisches Konstitutionsmittel. Die Leistungen in der Schule bessern sich und Philipp bringt keine Einträge mehr mit nach Hause. Auf meine Frage, warum er jetzt so gute Noten bekomme, verdreht er die Augen und erwidert mir “einfach ruhig sein und mitmachen“. Das, was alle anderen auch machen scheint an sich nicht erstrebenswert für ihn zu sein, aber durch die gewonnene Entspannung hat er jetzt mehr Freiräume für die Entwicklung seiner Stärken.

Antje Neuhaus, Dozentin und Heilpraktikerin: Was steckt aus Sicht der Chinesischen Medizin hinter Konzentrationsstörungen und Hyperaktivität? Über die verschiedenen Ursachen und Formen von ADS, und die Möglichkeiten der Behandlung mit Akupunktur, Homöopathie, Ernährungs- und Kräutertherapie.


Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.