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Ausgabe Februar 2009
Abschied und Neubeginn

Ein Themenbeitrag von Percy MacLean

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Ein Fünfjähriger sitzt am Tisch und ist wütend auf seine beiden Schwestern. Diese versuchen, ihn umzustimmen und zum Lachen zu bringen – fast haben sie es erreicht, doch er wehrt sich und schimpft noch mehr, weil er einfach (noch) nicht verzeihen und lachen möchte, es aber kaum mehr unterdrücken kann. Nie werde ich die Mimik im Gesicht meines Patensohnes vergessen, wie er schließlich den Widerstand aufgab und plötzlich hemmungslos kicherte. Auch als Erwachsene halten wir noch oft beleidigt an einem Zorn fest – bis hin zum Hass, der zu Mord und Kriegen führt (denn der Andere hat uns ja etwas angetan und soll nicht so leicht davon kommen) - aber wenn es uns dann schließlich gelingt, selbst den ersten Schritt zu tun, die negativen Emotionen loszulassen, unser Herz dem Anderen zu öffnen, einander einfach in die Arme zu nehmen und befreiend zu lachen - dann stellen sich ein beglückendes Wohlgefühl und tiefe Freude über diesen Sieg ein.

Eine ständige Aufgabe unseres Lebens ist es, Abschied zu nehmen – nicht nur von Gefühlen, sondern auch von Kindheit und Jugend, von Menschen, Sachen, Räumen, Gewohnheiten, von Beruf und Gesundheit, schließlich von unserem Körper und unserem Leben auf der Erde insgesamt.

Also eine ganz traurige Angelegenheit? Nicht unbedingt. Zwar „muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein“, aber danach kommt eben auch der Neubeginn, „um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in and’re, neue Bindungen zu geben.“ (Hermann Hesse, „Stufen“) Wie kann man das Loslassen üben, um sich mit voller Kraft der neuen Chance zu öffnen?
Ich möchte hier ein erfolgreiches Beispiel von einem Mann nennen, dessen Frau an einer schweren Krankheit gestorben war. Einige Jahre lebte er mit seiner Trauer (fast normal) weiter, bis er schließlich selbst an Krebs erkrankte. Bei einer Therapiesitzung wurde ihm schließlich bewusst, dass er sich letztlich nicht wirklich von seiner Frau verabschiedet hatte, sondern ihr über die Krankheit (in den Tod) hatte folgen wollen. Um einen Gegenakzent zu setzen, nahm er nun an einem sehr bewegenden Abschiedsritual teil: In einer Meditation stellte er sich einen Regenbogen vor, von dessen beiden Enden seine Frau und er selbst aufstiegen, um sich dann in der Mitte (auf dem Gipfel) zu begegnen und voneinander bewusst zu verabschieden. Nach dem getrennten Abstieg von dem Regenbogen schrieb er seiner Frau noch einen letzten Brief und ließ diesen mit einem Luftballon in den Himmel aufsteigen. In der Folgezeit konnte er sich endlich gefühlsmäßig wieder auf eine neue Liebe zu einer Frau einlassen und auch physisch geheilt werden.
Paul Rebillot hat ein wunderbares Lied geschrieben, das uns die Möglichkeit dieser Wahl deutlich macht. Darin heißt es: „You are free to fly, free to live, free to die.” (Du bist frei zu fliegen, frei zu leben, frei zu sterben.)
Aber es muss nicht immer ganz so dramatisch sein. Man könnte etwa das Lied auch um zwei Sätze ergänzen: „Du bist frei, deinen ungeliebten Beruf aufzugeben; Du bist frei, eine sinnvolle, erfüllende, die Seele heilende Tätigkeit aufzunehmen.“ So habe ich beispielsweise viele Banker erlebt, die es einfach nicht mehr ausgehalten hatten, auf Dauer unter höchstem Druck ihrer Vorgesetzten den Kunden Produkte aufzuschwatzen, die letztlich nur der Bank nützten. Sie gingen dann auf „Schatzsuche“, um ihre innere Vision vom nächsten Lebensabschnitt zu entdecken und eine Wende zu einem neuen Leben einzuleiten (beispielsweise als Yogalehrer, SOS-Kinder-Mutter oder mit Engagement für die Rettung der Meere).
Ein ganz besonderes Problem sind ungelöste Konflikte mit den Eltern, die uns manchmal das ganze Leben lang daran hindern, glückliche Beziehungen einzugehen. Hier können verschiedene Übungen (z.B. innere Gespräche oder Briefe, ggf. sogar an Verstorbene) dabei helfen, sich mit den Eltern zu versöhnen, auch ohne dass sie dabei persönlich anwesend sein müssen. Besonders wichtig ist es, Vorwürfe fallen zu lassen, um den Freiraum dafür zu schaffen, selbst Verantwortung für das eigene Schicksal zu übernehmen.
Und immer wieder lohnt es sich, im Laufe des Lebens regelmäßig eine Zwischenbilanz zu ziehen und schriftlich ganz für sich allein einige Fragen zu beantworten: Heute ist mir „Teil 2“ meines Lebens geschenkt worden - was sollte ich in diesem Abschnitt noch erledigen? Worin könnte meine große Aufgabe in den nächsten Jahren liegen? Wonach sehne ich mich wirklich? Was hindert mich daran, es umzusetzen? Und wie kann ich diese Hindernisse überwinden? Vielleicht gelingt es mir dadurch, Zusammenhänge und Linien in meinem Leben weiterzuführen und zu begreifen, was als Essenz den ständigen Wechsel von Abschied und Neubeginn, Geburt und Tod überdauert und uns als unerschöpfliche Kraftquelle zur Verfügung steht: Liebe, die Energie des Herzens. Diese Erkenntnis gilt es dann festlich zu begehen und die Freiheit für die Gestaltung einer sinnerfüllten Zukunft gemeinsam mit Freunden zu feiern.

Percy MacLean ist Vorstandsmitglied von Weg der Mitte, einem gemeinnützigen Verein für ganzheitliche Gesundheit, Bildung und Soziales (Berlin und Gerode/Südharz)


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