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Ausgabe Januar 2009
Unsere Kinder – unsere Lehrer

Spirituelle Kindererziehung

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Ofir Touval arbeitet als Psychologe und Homöopath in Berlin. Seine Beschäftigung mit der Weisheitslehre der Kabbalah hat ihn zu der Erkenntnis gebracht, dass Erziehung ohne Spiritualität nur unvollständig sein kann. Haidrun Schäfer hat ihn für die KGS befragt.

Haidrun Schäfer: Das Zitat "Eure Kinder sind nicht eure Kinder, sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber" ist der Anfang eines Gedichtes von Khalil Gibran. Sind die Menschen auf diesem Bewusstseinsstand?

Ofir Touval: Ein schönes Zitat, aber die wenigsten Eltern begegnen ihren Kindern mit dieser Haltung. Viel weiter verbreitet ist die Einstellung, dass Kinder eine Belastung darstellen. Das mag auch mit der Dreifachbelastung für Frauen mit Beruf, Haushalt und Kindererziehung zusammenhängen. Dass da Qualität auf der Strecke bleibt, ist nichts Neues.

Was können wir tun?

Wir können die Perspektive wechseln. Die Kinder, die im Moment auf diese Welt geboren werden, sind uralte Seelen, die schon etliche Male auf der Erde inkarniert waren und deshalb sowohl viele Erfahrungen als auch eine Menge spirituelles Wissen mitbringen. Sie sind eine große Chance für die Menschheit. Das Wassermannzeitalter zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Erkenntnisse von Wissenschaft und Spiritualität vereinen und der Menschheit zu enormen Entwicklungsschritten verhelfen können. Lassen wir den Gedanken mal als Samen in unser Herz fallen und das Bild wachsen, dass MEIN Kind einer dieser Größen ist, die diese Welt verändern werden. Nicht jedes Genie war wie Mozart schon in der Kindheit etwas Besonderes. Einstein war ein völlig unauffälliges Kind, schlecht in der Schule und besonders miserabel in Mathematik. Stephen Howking ist ein anderes Beispiel: Ein gelähmtes Kind, das sich sprachlich nicht richtig ausdrücken kann, wird Vorreiter in der Quantenphysik. Also: Mein Kind ist ein potentieller Einstein. Und seine ganze Entwicklung ist davon abhängig, wie ich mit ihm umgehe und welche Grundlagen ich ihm gebe. Behindere ich ihn, indem ich ihn wie ein unwissendes Kleinkind anrede und stelle ihn vor dem Computer ruhig? Oder mache ich ihn schon im Kindesalter mit den spirituellen Gesetzen des Lebens vertraut und beschleunige so seine Entwicklung? Je früher ein Kind lernt, sich mit dem Licht zu verbinden, desto mehr Licht kann er enthüllen. Das Problem ist, dass wir als Eltern kaum vorbereitet sind.

Was brauchen die Seelen, die sich in dieser Zeit auf der Erde inkarnieren?

Im besten Falle Eltern, die sie auf das, was sie zu bewerkstelligen haben, optimal vorbereiten, indem sie - wie gesagt - so früh wie möglich mit den spirituellen Gesetzen des Lebens vertraut machen. Da die wenigsten Erwachsenen darum wissen, braucht es auch hier einen Perspektivenwechsel und der heißt: Kindererziehung beginnt bei der Erziehung der Eltern. Wenn Eltern ihr Bewusstsein schulen und verändern, dann haben sie gute Voraussetzungen, dem Kind das zu geben, was es wirklich braucht. Dabei ist es egal, auf welcher intellektuellen Stufe jemand steht. Der erste Schritt besteht darin, dass ich erkenne, dass mein Bewusstsein in jedem Moment entscheidend ist für das, was ich dem Kind mitgebe. Es ist egal, ob ich ihm ein Buch vorlese oder mit ihm im Sandkasten spiele oder auch dem 17-Jährigen auf eine Frage antworte - es geht um die innere Qualität, mit der ich dem Kind begegne. Von guten Ratschlägen, die Äußerlichkeiten anbelangen, hat mein Kind überhaupt nichts. Ebenso wenig, wenn ich mit ihm spiele und in Gedanken bei der Arbeit oder der Planung des nächsten Tages bin. Nach außen sieht man den Unterschied nicht, aber das Bewusstsein steuert die Realität. Das klingt auf den ersten Blick einfach, aber es ist sehr schwer, es wirklich in jedem Moment zu leben, denn es fordert permanente Wachheit. Nehmen wir als Beispiel einen müden Erwachsenen, der nach einem arbeitsreichen Tag nach Hause kommt. Dort erwartet ihn sein Kind mit dem Wunsch nach Nähe und Aufmerksamkeit. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten - nein drei: Ich schiebe das Kind weg und vertröste es auf später. Ich lese ihm ein Buch vor, aber in Gedanken bin ich noch im Arbeitsstress. Die spirituelle Variante ist, mich dazu zu zwingen, den anstrengenden Tag hinter mir zu lassen und mich wirklich auf einen Kontakt mit meinem Kind zu konzentrieren. Die angenehme Begleiterscheinung bei dieser Entscheidung ist, dass die daraus entstehende Qualität aus diesem Kontakt für Elternteil und Kind eine win-win-Situation schafft, denn auch der erschöpfte Erwachsene erfährt wahre Entspannung. Je mehr Menschen sich spirituell schulen, umso selbstverständlicher verändert sich der Blick auf das Kind und je mehr wächst das Wissen, wie man für sich UND das Kind wirklich Erfüllung findet. Irgendwann erkennen wir, dass Kinder ein Jungbrunnen von wahrer Erfüllung für die Eltern sind, denn unsere Kinder haben uns unendlich viel zu geben.

Was können uns unsere Kinder denn außer unserer Freude an ihrem Dasein geben?

Sie sind unser Spiegel und damit der beste Lehrer, den es gibt. All das, was ich bei meinem Kind bemängele, spiegelt wider, was ich selber nicht entwickelt habe. Wenn mein Kind unpünktlich ist, bin ich auf einer bestimmten Ebene unzuverlässig. Wenn es nicht einschlafen kann, könnte es meine eigene Unruhe spiegeln. Wenn es aggressiv ist, darf ich nach meiner unterdrückten Wut schauen. Das Kind ist immer ein Spiegel für das, was ich noch nicht gelernt habe oder wo ich mich nicht richtig verhalte. Wenn man diesen Gedanken weiter verfolgt, kommen wir zu der Erkenntnis, dass mein Kind der beste, intimste und intensivsten Lehrer ist, denn es spiegelt mir das, was ich nicht gelernt habe. Jetzt habe ich die Möglichkeit, das bei mir UND bei dem Kind zu korrigieren, damit wir beide wachsen. Die spirituelle Quintessenz von Kindererziehung ist: Mein Kind ist mein Coach. Er zeigt mir, was ich bis heute nicht geschafft habe, in mir zu verändern. Kinder sind in der Lage, die äußere Maske, die ich meiner Umwelt präsentiere - wie Pünktlichkeit oder Ausgeglichenheit - zu durchschauen und meine unbewussten Seiten ans Licht zu holen. Das ist der Vorteil der spirituellen Kindererziehung.

Welche spirituellen Gesetze sollten wir vor allem unseren Kindern vermitteln?

Eines der wichtigsten Gesetze im Leben ist, dass alles, was ich tue oder sage wie ein Bumerang wieder zu mir zurück kommt. Je früher man anfängt, dieses Gesetz zu vermitteln, umso leichter kann eine gereifte Persönlichkeit wachsen und dann in einer wichtigen gesellschaftlichen Position dafür sorgen, dass diese Welt sich wieder zum Paradies wandelt. Wir haben jederzeit die Möglichkeit, unseren Kindern eine bessere Mutter oder ein besserer Vater zu werden. Wir können jederzeit anfangen, uns selber zu schulen und uns mit den spirituellen Gesetzen des Lebens zu beschäftigen. Und wir können heute anfangen und unserem Kind erklären, dass "was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu". Die grundlegende Regel im Leben heißt: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Jeder Nächste bin im Grunde ich selber, denn alles, was ich tue oder sage, kommt wieder zu mir zurück. Wenn ich jemanden unfreundlich anspreche, spreche ich zu mir selber. Wenn ich jemanden bescheiße, bin ich es selber. Wenn ich meine schlechte Laune an meinem Kind auslasse, brülle ich mich selber an.

Apropo Brüllen - ist der Umgang mit Streit nicht auch ein wichtiger Punkt?

Auch das ist etwas, was wir auf jeden Fall vermitteln sollten. Das Problem ist, dass die wenigsten Menschen gelernt haben, wie man mit Meinungsverschiedenheiten konstruktiv umgehen kann. Der wichtigste Schritt ist ein STOPP! Bevor man sich in unkontrollierten Emotionen verliert, muss man sich klar werden, dass es MEINE Emotion ist und den anderen keine Schuld trifft. Bevor man anfängt zu brüllen oder zu schlagen: Stopp. Und dann tief durchatmen, Licht einatmen, einen Schritt zur Seite gehen und ohne in der Energie von negativen Emotionen gefangen zu sein, einen umfassenderen Blick einzunehmen. Gehen wir an den Punkt zurück, was Menschen brauchen und wonach sie streben: Alle Menschen streben nach Licht und innerer Erfüllung. Das ist das Ziel von allen. Jeder hat nun eine individuelle Vermutung, wie er dahin kommt. Wenn wir darum wissen, dann können wir in einer Streitsitutation feststellen, dass wir eigentlich einen gemeinsamen Nenner haben - nämlich das Ziel der Erfüllung. Jetzt können wir gemeinsam schauen, wie wir das erreichen. Wenn wir uns bekämpfen, gibt es in der Regel zwei Verlierer. Wenn wir gemeinsam handeln, gewinnen beide. Nehmen wir als Beispiel zwei sich streitende Kinder - einer fängt an zu schupsen und schnell endet das Ganze in einer Schlägerei. Ich kann meinem Kind im Vorfeld beibringen, dass der erste Schritt IMMER ein Stopp ist: Es ist besser, nicht sofort automatisch zurückzubrüllen und nicht sofort zurückzuschlagen. Besser ist, sich innerlich ein Stoppschild aufzustellen und zu überblicken, was da überhaupt passiert. Dieser Schritt zurück ermöglicht, auf eine angemessene Art und Weise zu reagieren. Manchmal muss man sich auch wehren. Hier geht es nicht darum, sich aus dem Konflikt zurückzuziehen, sondern aus einem re-aktiven Verhalten zu einem pro-aktiven Verhalten zu finden.

Kommen wir noch einmal auf den Wunsch nach Erfüllung zurück. Wie unterscheide ich denn wichtige von unwichtigen Wünschen?

Wir kommen alle mit einem Mangelgefühl auf die Welt, das in Form von Bedürfnissen Befriedigung sucht. Als Baby sind wir vollkommen abhängig und je älter wir werden, desto differenzierter können wir mit der Bedürfnisbefriedigung umgehen. Wichtig ist, unseren Kindern beizubringen, was zu wirklicher innerer Befriedigung führt und was nur oberflächlich ruhig stellt und dann Leere hinterlässt. Mit meinen Kindern haben wir den Ausdruck "high and goodbye" geprägt. Es gibt Gegenstände, die glänzen auf den ersten Augenblick so überwältigend, dass man sie unbedingt haben möchte. Aber sie blenden und täuschen uns. Und auf den zweiten Blick entpuppen sie sich als Staubfänger und als Enttäuschung, denn das eigentliche Bedürfnis wurde nicht befriedigt. Ich wiederhole es noch einmal: Alle Menschen sind auf der Suche nach dem Licht. Dieses Licht ist in allen Gegenständen vorhanden und erzeugen in mir den Wunsch, ihn zu besitzen, um das Licht in mir zu spüren. Ein Feuerwehrauto trägt die Verheißung der Erfüllung ebenso in sich wie die Barbiepuppe. Beide versprechen ein Gefühl von Freude und Spaß - beides Zeichen von Licht. Wenn wir unsere Kinder schulen, dass nicht immer jedes Ding dieses Licht bringt, können wir sie bestens auf das Leben vorbereiten. Dazu gehört natürlich auch, dass sie die Erfahrung mit Flops machen, die schon ein paar Minuten später ein schales Gefühl hinterlassen. Den Frust als Eltern müssen wir auch aushalten: Geld für irgendeinen Plastikmist auszugeben, damit Karlchen die Erfahrung machen kann.

Viele Jungen wünschen sich Waffen oder Panzer. Wie kann man darauf reagieren?

Dahinter verbirgt sich eine aggressive Kraft, die einen Kanal sucht. Statt dem Kind die Pistole zu kaufen oder ihm den Vorteil von Frieden darzulegen, kann ich diesen Impuls wahrnehmen und eine Sportart finden, wo er diese Qualität leben und in eine positive Richtung lenken kann. In dem Moment, wo er die Kraft kanalisiert, braucht sie die Krücke als Spielzeug nicht mehr. Und vielleicht trete ich in den selben Verein ein und wir messen unsere Kräfte unter spielerischen Voraussetzungen.

Fazit: Wenn Eltern ein Vorbild sind, sind die Kinder vorbildlich. Ich danke Ihnen für die Schlüssel zu den Toren der Bewusstseinsschulung..


Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und Er spannt euch mit seiner Macht, damit Seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Khalil Gibran


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