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Ausgabe Januar 2009
Der Weg ist frei!

Familienaufstellung und Traumatherapie

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Bettina und Alfred Ramoda Austermann bieten regelmäßig offene Abende für Familienaufstellungen im Aquariana an. Haidrun Schäfer beschreibt, was dabei geschieht.

Ein dunkler Winterabend, an dem man es sich gerne zu Hause gemütlich macht...
Man? Ich bin erstaunt über die große Anzahl von Menschen, die ins Aquariana gefunden haben, um diesem offenen Abend beizuwohnen. Zu Beginn stellt Alfred Austermann sich und seine Arbeit vor. Nach zahlreichen Ausbildungen wie z.B. Psychodrama, Bioenergetik und schamanischer Arbeit traf er die Arbeit von Hellinger und war begeistert. Nun macht er seit über 10 Jahren fast nur noch Seminare für Familienaufstellungen, weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Er „macht es nicht, er IST es“, wie er selber sagt. Anschließend stellen sich die fast 30 Teilnehmer kurz vor. Es hält sich die Waage von Neulingen und denen, die schon einmal da waren. Viele haben den Wunsch, selber ein Anliegen an diesem Abend aufzustellen, aber da nur zwei Aufstellungen möglich sind, entscheidet das Los. Grundsätzlich bietet die Arbeit die Möglichkeit, familiäre Verstrickungen zu lösen. So können z.B. Kinder die Last, die sie für ihre Eltern tragen, wieder abgeben oder man kann sich innerlich mit anderen Ahnen verbinden, um das aufzufüllen, was ein Elternteil nicht geben konnte. Wie an jedem offenen Abend ist am Anfang völlig unklar, wie sich der Ablauf gestalten wird.

1. Aufstellung
Das erste Los fällt auf Sara*, eine junge Frau, die schon Familienaufstellungen gemacht hat und heute ein spezielles Anliegen hat: ihre Aggressionen. Sie beobachtet an sich selber, wie sie sich gegenüber Menschen, die ihr nahe stehen, sehr aggressiv verhält, was die anderen natürlich verletzt. Sie selber kann ihre Gefühle und ihr Verhalten nicht kontrollieren und im Nachhinein tut es ihr immer leid. Der Impuls für das aggressive Verhalten kommt aus einem Gefühl der Selbstverteidigung: Um nicht verletzt zu werden, greift sie an. Dadurch ist eine sich zart anbahnende Liebesbeziehung gar nicht erst in Schwung gekommen, was sie sehr bedauert.
Alfred reflektiert, wie er Sara wahrnimmt und beschreibt, dass er ihre Wut nicht als eine bedrohliche Kraft empfindet.
Nun geht es auf die Suche nach der Ursache. Könnte die Geburt damit zu tun haben? Was für einschneidende Erlebnisse gab es in der frühen Kindheit?
Bei der Geburt hatte Saras Mutter zu schwache Wehen und die Ärzte haben mit einer Zange nachgeholfen. Als sie drei Jahre alt war, verbrachte Sara eine Woche im Krankenhaus. In ihrem sechsten Lebensjahr wäre ihre Mutter fast an einer Bauchfellentzündung gestorben.
Mit diesen wenigen Informationen geht die Aufstellung los. Sara sucht eine Stellvertreterin für ihre Mutter und eine für sich selber und stellt sie an zwei sehr weit auseinander stehenden Plätzen in den Raum. Für eine Mutter-Tochter-Beziehung ist der große Abstand auffällig. Dabei ist die Haltung der Mutter offen und zugewandt, die des Kindes dagegen abwehrend. Da es noch eine kleine Schwester gab, wird auch sie ins Geschehen geholt: Die Schwester steht sehr nah bei der Mutter und fühlt sich ein wenig wie der Vermittler zwischen den beiden.
Vorläufiges Fazit: Die Ablehnung kommt nicht von der Mutter.
Jetzt wird eine Person aufgestellt, die das symbolisiert, was zwischen Sara und ihrer Mutter steht. Jeder Stellvertreter folgt seinen Impulsen, die er in der jeweiligen Konstellation verspürt. Die „Ursache“ steht bockig und trotzig vor der Mutter. Auch Alfred folgt seinen Impulsen und stellt nun die Woche Krankenhaus ebenfalls in den Raum. Und mit dieser Konstellation wird deutlich, dass Saras Misstrauen aus der Woche Krankenhaus rührt. Allerdings sind hier die Grenzen von Familienaufstellungen erreicht, denn es handelt sich um ein Trauma und nicht um Verstrickungen. Um das Trauma zu lösen, kann man die Klopfakupunktur einsetzen. Alle Teilnehmer machen mit und klopfen nacheinander bestimmte Punkte am Körper. Als der Lebermeridian berührt wird, geht eine Erleichterung durch den Körper von Saras Stellvertreterin und ein kleines Lächeln spielt um ihre Lippen – hier löst sich etwas. Langsam geht sie auf die Mutter zu und gleichzeitig zieht sich „der Trotz“ immer mehr zurück. Jetzt setzt Alfred die Traumatherapie von Peter Levine ein und lässt Saras Stellvertreterin sagen: „Mama, es war so schlimm damals. Ich habe mich nie wieder ganz in deine Arme getraut. Dabei hätte ich das damals so dringend gebraucht. Bitte halte mich jetzt. ... Das tut gut.“
Jetzt weiß Sara, wo ihre Aggressivität herrührt und welche Geste gut tut. Sie legt sich weinend in die Arme der Mutter. Abschließend gibt ihr Alfred noch ein Bild mit auf den Weg: Die kleine Sara rennt aus dem Krankenhaus in die Arme der Mutter. Bei Trennungsschmerzen von kleinen Kindern reichen Aufstellungen nicht, da passiert Heilung auf einer anderen Ebene.

2. Aufstellung
David* ist fast noch ein Jugendlicher, der auch schon Erfahrungen mit einer eigenen Familienaufstellung gemacht hat. Heute möchte er seiner Angst auf den Grund gehen, warum er befürchtet, seine Freundin im Schlaf umzubringen, indem er sie erstickt. Er vermutet eine Täterenergie in der Familie. Ihm ist das Gefühl, wenn Angst in Wut umschlägt, sehr vertraut, aber gleichzeitig gehört es nicht zu ihm.
Alfred spiegelt wider, wie er David wahrnimmt. Diesmal empfindet er die Aggressivität als wesentlich bedrohlicher als bei Sara. Er schlägt vor, dass David sich und das Symptom aufstellt.
Nachdem zwei Stellvertreter im Raum stehen, wird noch eine dritte Person dazugestellt, die das symbolisiert, was dahinter steht. Anschließend kommen noch jeweils ein Stellvertreter für die Mutterlinie und für die Vaterlinie in den Aktionsraum. Hier entscheidet der geschulte Blick des Leiters, wie es weitergeht, denn er sieht, was dem Aufstellenden bzw. David nicht unbedingt auffällt: Sowohl die Mutter als auch das Symptom schauen beide nach rechts unten auf den Boden.
Da liegt also etwas, was durch einen weiteren Stellvertreter bildlich umgesetzt wird, indem er sich dort hinlegt. Plötzlich verändert sich die Stimmung im Raum. Die Gänsehaut wird begleitet von schweißigen Händen. Die Erfahrung zeigt, dass es einen Zaubersatz bei dieser Art von Wut gibt: „Du gehörst dazu“ oder „ihr gehört dazu.“ Diesen Satz soll nun Davids Stellvertreter zu demjenigen sagen, der da auf dem Boden liegt und zu dem, der für den Hintergrund des Symptoms steht. „Du gehört dazu, auch wenn ich nicht weiß, wer du bist.“ Jetzt erklärt Austermann, dass er bei der Familienseele anklopft, ob er noch einen Schritt weitergehen kann. Es geht hier um Scham, Schuld und Verletzungen eines aus der Familie ausgeschlossenen Täters oder Mörders und seines Opfers, die im Verborgenen liegen, sonst würde David sie nicht weitertragen. Jetzt kann man versuchen, eine Lösung zu finden. Dazu legt sich der „Hintergrund“ neben den „Liegenden“ und Davids Stellvertreter kniet zwischen den Köpfen der beiden. Der eine vertritt den oder die Täter und der andere das oder die Opfer.
Davids Stellvertreter legt seine Hände auf beide Brustkörbe und lässt Herzensenergie von seinem Herz über seine Hände in die Herzen der beiden fließen und sagt wieder die Worte „ihr gehört dazu“. Im Raum wird es ganz still und friedlich. Hier findet Versöhnung statt. Jetzt übernimmt David den Platz seines Stellvertreters und sagt die Worte noch einmal: „Du gehörst dazu und du bist schon lange gestorben.“ In diesem Moment gehen endlich die Augen des „Liegenden“ zu, die vorher die ganze Zeit offen waren. Auch der Atem wird ruhiger und gleichmäßiger.
Manchmal brauchen Verstorbene etwas von den Lebenden und manchmal reicht der Satz „du bist schon lange gestorben“. David zieht sich zurück und kann nun seiner Freundin neu begegnen: „Nun bin ich ganz da“. Mit der Freundin verneigt er sich noch einmal vor den beiden Liegenden, denn auch die Freundin hat das mitgetragen. Jetzt ist der Weg frei!
Zum Abschluss der beiden Aufstellungen gibt es ein kleines Reinigungsritual für alle Teilnehmer des Abends, um eventuelle Anhaftungen wieder abzugeben. Die Gruppe wird gebeten mit den beiden, die ihr Thema aufgestellt haben, nicht über ihre Aufstellung zu reden, damit beide Zeit haben, das Gesehene aufzunehmen und die neuen Strukturen sich ausbreiten können.
* Die Namen sind von der Redaktion geändert.


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