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Ausgabe Januar 2009
Familienglück?

Kontakt zwischen den Generationen...

art60158
Die heutigen Arbeitsbedingungen sind für Familien nicht sehr förderlich - und der Kontakt zwischen den Generationen fehlt. Alleinerziehende, Singles, Patchworkfamilien - ihre Zahl nimmt stetig zu. Ein Wandel des herkömmlichen „Familienkonzepts“ muss und wird kommen - findet Hanne Wolf.

Jeder, der im erzieherischen Bereich arbeitet, macht die selben Erfahrungen: Häufig ist die Ursprungsfamilie, Vater, Mutter und Kinder, auseinander. Oft ist der Vater „weg“ und „böse“, wenn er die Familie verlassen hat. Alleinerziehende Mütter sind verständlicherweise mit Berufstätigkeit, Haushalt und Erziehung überfordert und fühlen sich allein gelassen. Manchmal ist ein Elternteil verstorben oder die Eltern haben neue Partner gefunden. So entstehen zum Teil schwierige Konstellationen in „Patchworkfamilien“. Wenn die ursprüngliche Familie noch zusammen ist, kommt es vor, dass beide oder ein Elternteil überfordert sind und das Kind in einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung untergebracht werden soll. Ältere Kinder und Jugendliche melden sich oftmals selbst beim Jugendamt oder auch in den Einrichtungen.
Zunächst bringt eine Unterbringung für alle Beteiligten Entspannung. Distanz hilft für kurze Zeit. Manchmal konnten Schwierigkeiten angesprochen werden, manchmal verlagert sich das Problem auf die Einrichtung und die Betreuer. Meist sind die betroffenen Kinder/ Jugendlichen traumatisiert, haben körperlich und/oder seelische Grenzüberschreitungen von Erwachsenen erlebt. Anderen werden im Elternhaus wenig bis keine Grenzen gesetzt. Doch Kinder suchen ihre Grenzen, fordern Erwachsene heraus. Sie brauchen unsere volle Präsenz. Oft reichen schon zwanzig Minuten, um eine Sache miteinander zu klären.
Es gibt seit einigen Jahren von den Berliner Jugendämtern neue präventive Hilfsangebote. Für minderjährige bzw. junge volljährige Mütter gibt es Mutter-Kind-Einrichtungen, in denen den jungen Müttern der Umgang mit den Babies von Betreuern gezeigt/ gelehrt wird. Der Staat übernimmt hier Aufgaben, die früher selbstverständlich innerhalb der Familie durch Eltern und Großeltern abgedeckt wurden. Und Tagesgruppen für Schulkinder, wo auch die Eltern beraten/ betreut werden, um eine Unterbringung des Kindes außerhalb der Familie zu vermeiden.
Hilfreich wäre, wenn Eltern, Sozialpädagogen, Erzieher und zuständige Mitarbeiter der Ämter sich frei machen könnten von Schuldzuweisungen, Schuldgefühlen, Versagensängsten.
Allerdings ist ein Wandel spürbar, da professionelle Mitarbeiter neue Fortbildungs-Angebote nutzen, in denen gelehrt wird, dass Familie als ein lebendes System begriffen werden sollte.
Mit Hilfe der Systemischen Aufstellungsmethode können alle Familienmitglieder gleichberechtigt angeschaut werden. Das Kind ist plötzlich nicht mehr der Störfaktor in der Familie, sondern es wird sichtbar, dass sein „Fehlverhalten“ mit den Eltern bzw. vorangegangenen Generationen zu tun hat.
Durch die Betreuung von Jugendlichen aus Angola habe ich auch noch eine andere Sichtweise von Familie erlebt: Ehemalige Nachbarskinder aus einem Ort fühlten sich als Geschwister. Die minderjährigen Jugendlichen konnten uns Betreuer nicht verstehen, wenn wir ihnen sagten, dass sie nicht immer alle ihre Freunde bekochen können, da das Geld für Lebensmittel monatlich begrenzt ist und sie damit auskommen müssen.
„Wir haben doch nebeneinander gelebt, sie ist doch meine Schwester“ und „Wer zu mir nach Hause kommt, mit dem teile ich.“

Hanne Wolf, geb. 1961, studierte Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Aus- und Weiterbildung: Systemische Familienberatung beim Diakonischen Werk und Integrative Systemische Familien- und Traumatherapie am IFOSYS-Institut, seit 2005 schamanische Workshops, Ausbildung bei Daan van Kampenhout und Julia Doran-Kastner, seit 2008 selbstständig und Heilpraktiker für Psychotherapie.

Bücher zum Thema:
Sabine Bode: Die vergessene Generation: Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen
Jirina Prekopp/Bert Hellinger: Wenn ihr wüßtet, wie ich euch liebe
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation- Eine Sprache des Lebens
Daan van Kampenhout: Die Tränen der Ahnen-Opfer und Täter in der kollektiven Seele


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