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Ausgabe Januar 2009
Sehnsucht nach Geborgenheit

Ein Beitrag von Dr. Robert Betz.

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Wo suchen wir nicht überall Geborgenheit: bei einem Mann, einer Frau, einer Freundin, in einer Gemeinschaft, bei einer Großmutter, einem Großvater, bei und in Gott, in der Liebe und im Herzen. Wie finden wir wieder zu Geborgenheit, zu der Sicherheit, nach der wir uns sehnen?

Die Sehnsucht und Suche nach Geborgenheit spielt für unsere Reise hier eine große Rolle, denn sie treibt uns voran. Zunächst suchen wir einige Jahrzehnte im Außen. Wir hoffen, ein anderer Mensch könne uns Geborgenheit schenken. Also suchen wir den „richtigen“ Partner. Dann entdecken wir nach kurzer Zeit, dass er auch auf der Suche ist. Wir erleben Momente der Geborgenheit in den Armen des anderen, aber wir wissen, dass diese nur von kurzer Dauer sind. Es ist eine geborgte Geborgenheit, wir besitzen sie noch nicht in der Tiefe unseres Herzens.
Nur hier – tief in uns – können wir sie finden, dieses lange Ersehnte, das Gefühl des Eins-Seins, der tiefen Geborgenheit. Wir finden sie in der Liebe des Herzens, nicht in der Liebe des Gemüts. Geh in die Stille deines Herzens und nimm wahr: Es ist alles gut. Du wirst unendlich geliebt und du bist unendlich liebenswert. Lass dich fallen in diese Wahrheit und genieße. Geborgenheit ist allgegenwärtig wie die Liebe. Sie ist geduldig und wartet auf dich. Halt jetzt inne, schließe die Augen und spüre: Ich bin geborgen in der Liebe. Ich bin Liebe.
In der besonders dunklen Jahreszeit mit den kurzen Tagen und langen Nächten, da spüren wir sie öfter als im Glanz des Hochsommers – eine tiefe Sehnsucht in uns, ein Sehnen, ja wonach? Spür mal in dieses herr-liche Wort hinein: Sehnsucht. Die Sehnsucht – sie hat ihren eigenen Klang und Wert – ganz unabhängig, wonach es sich in uns sehnt. Der männliche Kopf will dieses „wonach?“ schnell beantworten, um sie loszuwerden, denn sie schmerzt ein wenig. Die weibliche Seele jedoch sagt: „Lass mich doch einfach sehnen…“ Im Sehnen allein klingt etwas in uns an, das der Kopf nicht greifen kann. Im Sehnen nach etwas, oft verbunden mit einem süßen Schmerz, verbinden wir uns mit etwas tief in uns. Sehnsucht sehnt sich nach einem anderen Seinszustand. Die Sehnsucht sagt: Da ist etwas in dir, etwas unermesslich Großes, das sich wünscht, dass du hinkommst zu ihm, dass du es fühlst und ganz hineingehst und ganz aufgehst in ihm. Nenne es höchste Erfüllung oder tiefste Geborgenheit…
Die Sehnsucht nach Geborgenheit berührt jeden von uns, denn sie ist uns allen gemein, sie verbindet uns. Wir alle sehnen uns tief in uns zurück nach einem Zustand völliger Sorglosigkeit, absolutem Versorgtsein, tiefstem Frieden in uns und mit uns und mit dem Leben.
Geborgenheit ist unsere erste Natur, aus der wir hinausfielen, spätestens mit unserer Geburt ins Menschsein hinein, als wir erstmals Trennung und Getrenntsein erfuhren. Die Geburt ist für das kleine verletzliche Wesen ein Schock, nach so langer Zeit des engsten Zusammenseins mit der Mutter. Neun Monate bedeuten für ein kleines Wesen ohne Zeitbezug ein ganzes Leben. Kein Embryo sagt sich: In vier Monaten komm ich hier raus.
Für die meisten jedoch war schon die Zeit im Mutterleib alles andere als eine Zeit der Geborgenheit. Stell dir vor, du liegst im Bauch einer Frau und hörst und spürst alles, was sie denkt, fühlt und körperlich empfindet. Und du hörst, dass sie sich Sorgen macht, du spürst, dass sie überfordert ist mit der Situation, dass ihre Beziehung zu deinem Erzeuger angespannt ist, dass ihre Mutter ihr Druck macht und sie mit ihr noch sehr verstrickt ist. Und du vermisst, dass sie dich anspricht. Sie denkt, du bist noch ein Nichts, ein kleines Klümpchen Fleisch, das wächst. Aber du weißt, du bist schon komplett vorhanden, denn du hörst, fühlst und spürst ja alles.
An dieser Stelle denken viele kleine Seelen: Oh Gott, wo bin ich hier gelandet? Wenn das hier drinnen schon so anstrengend ist, wie wird das erst da draußen werden? Leicht wird das auf jeden Fall nicht. Von Geborgenheit keine Spur… Viele Kinder suchen schon im Mutterleib nach dem Rückwärtsgang und treffen eine folgenreiche Entscheidung: Sie sagen innerlich ein starkes „Nein!“ zum Hier-sein auf Mutter Erde, sie ziehen hier schon die Handbremse an, die wir erst viele Jahre später im Leben als hinderlich in uns bemerken.
Das kleine Mädchen, der kleine Junge erlebt in den Jahren nach der Geburt einen immer größeren Verlust an Geborgenheit, selbst wenn es zu Beginn an der Brust genährt und am Körper getragen wird. Es durchläuft bis spätestens zum sechsten Lebensjahr etwas, was wir die Vertreibung aus dem Paradies nennen können. Denn auch Eltern mit den besten Absichten fürs Kind sind im Innern noch die verletzten Kinder, deren unschuldige Kinderliebe im eigenen Elternhaus immer wieder zurückgewiesen bzw. an Bedingungen geknüpft wurde. Ihre Wunden sind nicht geheilt und in ihrem Innern sehnt sich nach wie vor ein bedürftiges Kind nach Liebe. So stellen auch sie Bedingungen an ihr Kind. Geborgenheit und Annahme können sie dem eigenen Kind nicht bedingungslos geben.
Da es uns allen so erging und allen Kindern bis heute so geht, muss das Ganze einen Sinn haben. Mein Herz sagt, dass es nichts Sinnloses gibt in diesem Universum. Welchen Sinn kann dieser Verlust an Geborgenheit, an Sicherheit, an bedingungsloser Liebe haben?


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