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Ausgabe Dezember 2008
Offene Weite

Daniel Odier - im Himalaja wurde er in die Tradition des Tantra initiiert, in China erhielt der Schweizer Schriftsteller kürzlich die Weihe zum Zen-Meister.

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Im Dezember ist er in Berlin. Aus einem Gespräch, das Spuren Herausgeber Martin Frischknecht mit Daniel Odier in Paris geführt hat.

Daniel, wie bist zu deiner Verbindung mit dem Chan gekommen?
Bereits mit 15 habe ich Literatur über den Zen-Buddhismus verschlungen. Ich habe eine Weile in Japan gelebt und habe an Sesshins in Klöstern teilgenommen. Hier in Paris waren viele meiner Freunde im Dojo von Taisen Deshimaru. Was mich trotz aller Faszination etwas befremdete, war dieses Strenge und Martialische des japanischen Zen.
Beim Chan-Buddhismus in China, dem Vorläufer des Zen in Südostasien, ist das anders. Dessen Übungs- und Ausdrucksformen sind ungleich freier, sie zeugen von einer erfrischenden Weite des Geistes. Die klassischen Texte des Chan haben die Zeit erfreulich gut überstanden, viele sind uns in guten Übersetzungen zugänglich.
Anders sieht es aus mit den lebenden Vertretern dieser Tradition. Da gab es lange Zeit nur ganz wenige, die ausserhalb der Volksrepublik, in Hongkong oder Taiwan, lebten, und diesen Leuten konnte man im Westen nicht begegnen. Erst im Verlauf der letzten 15 Jahre hat sich das verändert. Der Lehrbetrieb in Chinas grossen Klöstern ist wieder aufgenommen worden, und heute kommen Chan-Lehrer auch in den Westen.
Für mich ist es seit langem wie selbstverständlich, dass es zwischen Tantra und Chan eine lebendige Verbindung geben muss und dass die beiden Traditionen im Austausch gestanden haben müssen. Meine Reise nach China brachte die Bestätigung dieser Annahme auf geradezu spektakuläre Weise: Ich war gerade mal zwei Wochen im Kloster Bailin, da wurde ich von Jing Hui Sifu als Meister des Chan erkannt und zum Lehrberechtigten dieser Tradition ernannt.
Wie bitte? Darauf warten andere doch ihrer Lebtag vergeblich.
Tatsächlich. Ich kann es ja selber noch nicht recht glauben. Doch es ist so. Er hat mich nicht gefragt, woher ich komme, noch wollte er von mir wissen, auf welche Weise ich künftig zu lehren gedenke. Das alles zählt im Chan nicht. Er hat mich einfach sehr massiv herausgefordert, und dieser Herausforderung hatte ich standzuhalten. Als mir mitgeteilt wurde, Jing Hui Sifu wolle mich empfangen, wurde mir im Voraus klargemacht: In dieser Begegnung wirst du getötet, oder du kommst raus und bist dein eigener Meister. Nicht überleben bedeutet, in der Interaktion mit dem Meister hält die Sache in dir nicht stand, und diese Tatsache offenbart sich auf gnadenlose Weise. Viele Worte braucht es dazu nicht, vielmehr geht es um ein energetisches Kräftemessen.

Jin Hui Sifu sass auf einem Stuhl und sagte kein Wort. Ihm gegenüber stand ein leerer Stuhl. Auf diesen Stuhl habe ich mich gesetzt. Zwanzig Minuten lang blickte er mir in die Augen. Er sagte kein Wort und liess sich nicht anmerken, was in ihm vorging. Dann stellte er mir eine Frage. Ein junger Mönch, der mich begleitete, hat übersetzt: «Wo ist der Buddha?»
Ich antwortete, indem ich meine Hände aufs Herz legte. Wieder liess er sich nichts anmerken, blickte mir in die Augen und schwieg. Dann sagte er: «Und wenn der Buddha nicht im Herzen ist, wo ist er dann?» Ich legte mir die Hände an den Kopf.
Wieder Schweigen und dieser intensive Blick. «Und wenn der Buddha weder im Kopf ist noch im Herzen, wo ist er dann?»
Meine Antworten kamen spontan, es geschah ohne zu überlegen, dass ich mit den Armen auf den Raum um mich wies. Er schwieg und blickte mir unverwandt in die Augen. Ich dachte, mit der Frage nach dem Buddha seien wir durch, da schrie er mit einem Mal: «Wo ist der Buddha?»
Um das zu verstehen, brauchte es keine Übersetzung mehr. Ich stand auf und ging raus. Das ereignete sich von alleine und geschah völlig automatisch. Erst als ich draußen war, wurde mir gewahr, was geschehen war. Der junge Mönch kam raus und holte mich zum Meister
zurück. Dieser war nun wie verwandelt. Er unterhielt sich mit mir, fragte mich, ob ich im Kloster gut untergebracht sei, ob mir mein Zimmer gefalle und solche Sachen. Dann teilte er mir mit, dass ich mich in der Begegnung zuvor sehr gut gehalten habe, und damit war ich entlassen.
Anderntags liess er mich zu sich kommen und eröffnete mir, dass ich fortan ein Meister des Chan sei und den Namen Ming Qing Sifu trage. Er stattete mich mit den Insignien eines Meisters aus und überreichte mir seine Robe. Die Leute um ihn herum waren genauso verblüfft wie ich, denn Jin Hui Sifu gilt als sehr harter Brocken. Doch so ist es im Chan nun mal: Einer hat es begriffen, oder er hat es nicht begriffen.
Seit dem Ausflug nach China wird in Daniel Odiers Kursen am Morgen Tandava geübt, und am Nachmittag steht die Meditation des Chan auf dem Programm: 45 Minuten stilles Sitzen, unterbrochen von einer Viertelstunde Gehmeditation.


Daniel Odier, der Schriftsteller

Genauso lange, wie der Westschweizer seiner spirituellen Berufung folgt, ist er auch literarischen Neigungen nachgegangen. Etliche Romane hat er seit Anfang der siebziger Jahre veröffentlicht, einen brachte Alain Tanner unter dem Titel Les Années Lumières in die Kinos.
Neben der literarischen Anerkennung brachte Odier es unter dem Pseudonym Delacorta mit Krimis zu klingender Münze. Mit Diva, verfilmt von Jean-Jacques Beineix, erreichte Daniel Odier das große Kinopublikum.
Die Begriffe Raum und Kreativität verwendet er im Gespräch immer wieder. Egal, in welcher Rolle Daniel Odier gerade spricht, darauf kehrt er zurück. Dieser sympathische, unaufdringliche Mann nimmt sich den Raum, den er braucht, und er gewährt anderen den Raum, den sie zu ihrer Entfaltung brauchen. Das klingt nicht nach viel, ist es aber.
Was es praktisch heisst, führt mir Diva vor Augen. Ich habe mir diesen als «Erotik-Thriller des Jahres 83» apostrophierten Film auf Video in einer ziemlich abgegriffenen Schachtel aus der Bücherei geholt. Erstaunlich: Selbst Nebenfiguren bewahren in dieser leicht erzählten Geschichte ihr Geheimnis.
Der Film ist längst abgespult, da sind die Figuren in mir noch immer am Leben.

Buch: Offene Weite, Edition Spuren 2008



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