aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Dezember 2008
Hamam - die kommunikative Badekultur

Yasemin Tasev hat vor 10 Jahren in Berlin das türkische Dampfbad Sultan-Hamam gegründet. Haidrun Schäfer hat sie befragt und es ausprobiert.

art59689
Haidrun Schäfer: Was ist ein Hamam?

Yasemin Tasev: Ein Hamam ist ein Ort der Körperkultur und der Begegnung. Es geht um Körperpflege und Reinigung und gleichzeitig um soziale Kontakte. Klassischer Weise sind die Bäder aus Marmor und in der Mitte gibt es einen Nagelstein. Die Podeste sind beheizt, so dass die Besucher sich entspannt hinlegen können. Zusätzlich habe ich auch einen Raum, der mit Dampf beheizt wird. Für die Behandlung eines Ganzkörperpeelings ist es besser, wenn die Haut durch Feuchtigkeit etwas aufgeweicht wird.


Kann man es mit unserer Sauna gleichsetzen?

Nein. In einem klassischen Hamam wird sehr viel Wert auf eine häusliche Atmosphäre gelegt. Deswegen gibt es Frauentage, Männertage und auch Familientage. Ein Hamam ist ein Ort für die gesamte Körperpflege, von Reinigung und Peeling über Massagen bis hin zum Färben der Haare mit Henna. In der Türkei ist es durchaus üblich, dass Menschen den ganzen Tag in einem Hamam zubringen. Sie haben dann etwas zu essen und Musikinstrumente dabei. Ein Hamambesuch ist ein Ritual. Hier sind wir in Berlin, in einer anderen Kultur, aber ich habe mit dem Sultan-Hamam versucht, soweit wie möglich auch hier eine häusliche Atmosphäre zu schaffen.
Soweit ich Sie richtig verstanden habe, ist so ein Hamambesuch wie ein Event, für das man sich ausgiebig Zeit nimmt. Dabei geht es um die Reinigung und Pflege des Körpers, die in einer gemeinschaftlichen Atmosphäre stattfindet, um gleichzeitig die sozialen Bedürfnisse der Seele zu befriedigen.
So ist es auf jeden Fall in der Türkei. Hier ist der Rahmen in der Regel auf drei bzw. fünf Stunden begrenzt, wobei es natürlich möglich ist, auch länger zu bleiben.


Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in Berlin ein Hamam zu eröffnen?

Ich war 10 Jahre lang Geschäftführerin von der Fraueninitiative „Schokofabrik“ in Kreuzberg. Dort gab es im Keller ein kleines Hamam und die Frauen haben mir immer erzählt, dass ihre Männer richtig neidisch sind. Aber da es ein Frauenprojekt ist, gab es für Männer halt keine Besuchsmöglichkeit. Vor fast 10 Jahren gab es bei mir private Umwälzungen und dann habe ich beschlossen, radikal alles zu verändern, mich selbständig zu machen und ein Hamam in Berlin aufzuziehen. Ich habe 1,5 Millionen DM Kredit aufgenommen und das Sultan-Hamam gegründet. Übrigens habe ich noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Das möchte ich erwähnen, um speziell Frauen zu ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen. Wenn man etwas wirklich will, dann kann man durchaus viel bewirken. Es hat sich übrigens herausgestellt, dass Frauen das Hamam viel mehr annehmen als Männer. Ich habe nur einen Männertag, einen Kindertag und fünf Frauentage.


Wo kommt die Idee des Hamam her?

Das ist nicht wirklich belegt. Manche sagen, die Ursprünge sind bei den Römern zu finden, manche siedeln sie bei den Griechen an. Auf jeden Fall hat es in der Türkei eine lange Tradition. Zu Sultanszeiten gab es palastartige Gebäude, wo diese Badekultur zelebriert wurde. Heute gibt es immer noch zahlreiche alte Orte, die renoviert wurden und weiterhin als Hamam benutzt werden. Ich bin stolz, dass ich diese Kultur hier nach Berlin gebracht habe und dass sie angenommen wird. Fast 98% unserer Kunden sind Deutsche. Wollen Sie es einmal ausprobieren?

Gerne!

Mein erster Hamambesuch

Ohne mich vorher im Internet über klassische oder Varianten des türkischen Hamam informiert zu haben, betrete ich völlig unbedarft an einem klassisch grauen Berlin Wintertag die in angenehm sonnengelb gehaltenen Räumlichkeiten in der Bülowstraße. Freundlich werde ich von zwei Mitarbeiterinnen empfangen und eingewiesen. Später erzählt mir eine von ihnen, dass ich den klassisch skeptischen Blick vieler Erstbesucher gehabt hätte. Und wie alle skeptischen Erstbesucher waren meine Gesichtszüge beim Verlassen der Örtlichkeiten entspannt und aufgeschlossen...
Es ist noch früh und ich erkunde die noch recht leeren verschiedenen Räume. Neben dem Mittelpunkt – eben dem Hamam – gibt es noch eine trockene Biosauna, eine Dampfsauna, zahlreiche Massageräume und zwei große Entspannungs- bzw. Ruheräume mit Liegen und Decken. Vor meiner ersten Anwendung, einem Ganzkörperpeeling, gehe ich also in das Hamam, was übersetzt „Wärme und Sauberkeit“ bedeutet. Es ist ein großer, komplett mit Marmor ausgestatteter Raum, in dem eine angenehm warme, aber nicht heiße Temperatur herrscht. Mit unserer Sauna hat das hier wenig zu tun. In der Mitte gibt es eine große, beheizte Steinplatte, um die sich zahlreiche Nischen gruppieren, in denen kleine Becken eingebaut sind, die mit warmem Wasser gefüllt werden können. Ach ja, ausgestattet bin ich mit einer goldenen Schale, die ich aus einem dieser Becken immer wieder mit Wasser füllen soll, um meinen Körper damit zu begießen. Schüchtern beobachte ich zwei Frauen, die sich in einer Ecke plaudernd, plätschernd und lachend auf den warmen Steinen niedergelassen haben. Ich suche mir ebenfalls ein Eckchen und lasse das warme Wasser aus der Schale über meine Schultern den Rücken hinunterfließen. Und während ich die Geste immer weiter wiederhole, mache ich mir Gedanken über die reinigende Wirkung von Wasser. Neben dem Schmutz kann man auch Gedanken, Gefühle oder auch Gram loslassen.

KGS-Leser wissen ja schon um die wohltuende Wirkung von diesem Elexier... In meiner Phantasie stelle ich mir den Raum mit weiteren plätschernden Frauen vor, was mir ausgesprochen leicht fällt. Die Atmosphäre ist intim, ohne Grenzen zu verletzen. Überall brennen Kerzen und die Luft ist von einem zitronenartigen Geruch erfüllt. Die Idee gefällt mir, denn an dem Ort ist vieles möglich: wohltuende Körperpflege, Reinigung, Kommunikation und gleichzeitig Entspannung. Yasemin wollte uns eher zurückhaltenden Deutschen die Idee des Hamam näher bringen und hat eine gelungene Übersetzung gefunden. Während in der Türkei ein Hamambesuch immer als ein Gruppenevent mit kulinarischen Genüssen, Musik und Tanz verbunden ist, bleibt hier der lärmende Festcharakter geschlossenen Gruppen vorbehalten und kleinere Zweiergrüppchen kommen auf ihre Kosten. Schön finde ich auch die Idee, sich gegenseitig mit dem warmen Wasser zu begießen, was zwischen zwei Frauen einen Raum von Nähe entstehen lassen kann.

Nach einer halben Stunde, in der sich meine Poren geöffnet haben und die Haut weich geworden ist, komme ich in den Genuss eines Ganzkörperpeelings. Mit einem Seidenhandschuh massiert eine Mitarbeiterin mit kräftigen kreisenden Bewegungen alte Hautreste von meiner Haut. Anschließend gehört zu der Behandlung eine Seifenmassage, die der gerubbelten Haut wieder angenehme Samtigkeit verleiht. Empfehlen kann ich anschließend eine kleine Rückenmassage. Die 20 Minuten kamen mir angenehm lang vor und danach hatte ich ein wunderbares Gefühl von Vollkommenheit auf meiner Haut.

Inzwischen hatte sich das Hamam gefüllt und überall sitzen und plaudern Frauen meistens in Zweierkonstellationen und wenn ich meine Ohren auf Durchzug schalte, klingt es wie das fröhliche Zwitschern von Vogelstimmen. Zum Schluss erfahre ich noch, dass hier gerne auch Geburtstage oder Junggesellenabschiede gefeiert werden. Und als Weihnachtsgeschenk ist es auf jeden Fall dem nächsten Parfümflakon oder der hundertsten Krawatte vorzuziehen.



Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.