aktuelle Seite: ARCHIV   
Jahr:
2019 | 2018 | 2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003 | 2002 | 2001 |

Ausgabe Dezember 2008
Das Evangelium des Thomas

Das 1945 in Oberägypten wiederentdeckte Evangelium gibt es nun in einer neuen Übersetzung des Autors Jean-Yves Leloup.

art59685
Dieses Logion beschreibt die wichtigsten Stufen der Gnosis und stellt tatsächlich einen Weg der Einweihung dar.Die erste Stufe ist die Suche (suchen), die zweite ist die Entdeckung (finden), die dritte ist die Verwirrung und Bestürzung, die diese Entdeckung herbeiführt, die vierte Stufe ist das Erstaunen und die fünfte ist die Herrschaft, die Gegenwart des Ganzen. Das Manuskript von Oxyrhynchos (654 Nr. 1), Clemens von Alexandria (Stromates II) und das Evangelium des Phillippus beschreiben genau die letzte Stufe dieses Weges in Verbindung mit der Herrschaft über das Ganze: die große Ruhe (sich ausruhen).
Es ist angemessen, einiges zu jeder dieser Stufen zu sagen.

1. Suchen
„Möge derjenige, der sucht, immer auf der Suche sein ...“: Die Wahrheit verbirgt sich, um gefunden zu werden. Gott ist, wie der Prophet sagt, ein „verborgener Gott“, um uns zum „großen Spiel“ einzuladen, zur Suche.
Ein alter Rabbiner versuchte dies seinem Enkelsohn verständlich zu machen: „Wenn du mit einem Freund Verstecken spielst, stelle dir sein Abwarten und stelle dir seinen Kummer vor, wenn er sich versteckt und du aufgibst, nach ihm zu suchen!“
Gott versteckt sich und wir suchen ihn nicht mehr, wir haben uns außerhalb des göttlichen Spiels gestellt. Unser Leben hat jedoch nur innerhalb dieses Spiels, dieser Suche, einen Sinn.
Ist denn nicht die ganze Geschichte Israels die des Versteckspiels eines Volkes mit seinem Gott?
Der erste Schritt auf dem Pfad der Einweihung ist daher, die Sehnsucht nach dem Spielen, den Geschmack an der Suche wiederzufinden, sich zum Suchenden zu machen und, wenn man fündig geworden ist, immer weiter auf der Suche zu bleiben, damit man ohne Unterlass neue Tiefen in dem bereits Entdeckten ausloten kann.

2. Finden
Auf eine gewisse Weise zu suchen heißt, bereits gefunden zu haben. Man sehnt sich nach etwas, das man bereits kennt, wie kämen wir sonst auf die Idee, danach zu suchen? Wir alle haben in unserem Leben „Sternstunden“ erlebt, die bezeugen, dass „das Licht existiert“, wie dunkel unsre Nacht auch sein mag. „Du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht bereits gefunden hättest.“
So bedeutet die eigentliche Bewegung der Suche, sich dem zu öffnen, das bereits präsent ist, das wir aber nicht ausreichend kennen. „Da ist einer mitten in euch, den ihr nicht erkennt“, sagte Johannes der Täufer den Jüngern.
Inmitten von euch gibt es eine Präsenz zu erkennen und zu bestätigen. Suchen-Finden bedeutet, sich mehr und mehr dem zu öffnen, was uns schon immer gegeben ist.

3. Verwirrt und bestürzt sein
Dieses Wiedererkennen des Seins verwirrt uns und es ist von bestürzender Wucht. Das Erwachen zu dieser anderen Dimension stellt unsere gewöhnliche oder normale, also „genormte“ Sichtweise der Welt in Frage.
Wenn man in der Quantenphysik entdeckt, dass ein Objekt gleichzeitig anwesend und abwesend, Welle und Teilchen ist, dann wird unsere Intelligenz verwirrt, denn ihre gewöhnliche Logik und Kohärenz reichen nicht aus, um das Phänomen zu erklären.
Die Erfahrung des Seins stellt unsere Sichtweise der Wirklichkeit in Frage, die durch das begriffliche Instrument konditioniert ist, mittels dessen wir glauben, die Wirklichkeit erfassen zu können. Eine solche Relativierung unserer gewohnheitsmäßigen Weisen des Erkennens geschieht nicht ohne Verwirrung und Bestürzung, doch wenn wir dies als eine Stufe im Evolutionsprozess unseres Bewusstseins annehmen, werden wir allmählich zum Entzücken geführt werden.

4. Staunen
Schon der Bischof Gregor von Nyssa aus dem vierten Jahrhundert sagte: „Die Begriffe erzeugen Götzenbildnisse von Gott, nur das Staunen kann uns etwas über Ihn sagen.“
Die alten Philosophen sahen im Staunen den Beginn der Weisheit. Einstein, der uns Heutigen näher ist, sagte: „Nur Dummköpfe können nicht staunen.“ (Dummköpfe sind jene, die glauben zu wissen und aufhören zu suchen.) Je mehr man entdeckt, desto erstaunter ist man. Das Erstaunliche ist nicht das Märchenhafte, das Eingebildete. Das Erstaunliche war für Einstein, dass es Momente gibt, in denen die Welt begreifbar ist, in denen sich die Möglichkeit einer Übereinstimmung zeigt, einer „Resonanz“ zwischen unserer Intelligenz, unseren Gefühlen und dem Kosmos, als seinen sie von ein und demselben Bewusstsein beseelt. Hat man dies einmal erfahren, so tritt man ein in das Mysterium dessen, was über das Ganze herrscht.

5. Über das Ganze herrschen
Man nimmt sich nicht mehr als von der Welt getrennt wahr, sondern als einen der möglichen Orte, an denen das Universum sich seiner selbst bewusst wird. Man ist nur noch eins mit dem, was über das Ganze herrscht. Es ist derselbe Geist, derselbe Atem, und dieselbe Energie, die mich durchströmt und die Berge pulsieren lässt. („Sie springen wie die Lämmer“, sagte der Psalmist, und ein moderner Physiker würde dem nicht widersprechen.) Die Intelligenz, die in mir denkt, lässt auch die Felder erblühen und die Vögel singen. Das Leben, das in den Adern des Kindes fließt, ist nicht anders als der Lebenssaft, der die Bäume wachsen lässt...
Ich nehme mich selbst nur noch wahr als einen besonderen Ausdruck unter anderen Ausdrucksformen dieses Ganzen, das Eins ist. Und dann, in der erlebten wechselseitigen Verbundenheit mit allen anderen Dingen, begreife ich die Unermesslichkeit und die Ruhe.

6. Sich ausruhen
Der Sabbat ist ein wichtiges Thema bei den Juden. Nach einer Zeit der Arbeit, des Tuns und des Habens braucht man eine Zeit des Seins – sich vor Gott hinzusetzen. Einfach nur sein.
Bei den Gnostikern ist das Thema des Ruhens gleichermaßen wichtig. Die Intelligenz und das Herz, die in diesem Bewusstsein, das alles belebt, vereint sind, können sich ausruhen. Das, was früher „widersprüchlich oder gegensätzlich“ erschien, erweist sich nunmehr als komplementär; es gibt einen Weg über die Dualität hinaus. Man entdeckt vielfältige Reflexionen in sämtlichen Teichen der Welt – die Reflexionen des einen Mondes.
Diese erlebte Nichtdualität ist der Friede und die Ruhe, das Ziel, nach dem man ohne Unterlass auf allen Stufen dieses initiatischen Pfades strebt. Auf diesem Pfad muss man immer weiter suchen und sollte nicht davor zurückschrecken, verwirrt zu werden, erstaunt zu sein und dieses Staunen und diese Ruhe zu seiner Heimstatt zu machen.



Weitere Informationen werden im Archiv nicht angezeigt.