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Ausgabe Dezember 2008
Heimat?

Eine Heimatreflexion von unterwegs von Klausbernd Vollmar

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Im Zug sitzend befinde mich auf einer Vortragsreise durch Deutschland. Seit dreißig Jahren lebe ich in England, aufgewachsen bin ich in Schweden. Wo ist meine Heimat?
Heimat bezieht sich zunächst auf einen äußeren Ort, an dem man aufgewachsen ist. Er ist mit Gefühlen und Einstellungen verbunden, die eine identitätsschaffende Zugehörigkeit vermitteln. „Heimat“, so fällt mir auf, tritt nur im Singular auf, oder haben Sie von „Heimaten“ gehört? Fluchs wird dieser Ort zu einem gefährlich ideologischen Ort, der keine Vielfalt duldet.

Heimat, wenn wir an all den Heimat-Kitsch denken, idealisiert eine einfache, heile Welt, also eine Idee, etwas, das es nie gegeben hat. Der Begriff vermittelt eine Pseudo-Sicherheit, weswegen er bei Konservativen und Faschisten stets geliebt war und es noch immer ist. Diesen reaktionären Blick zurück in eine Märchenwelt eint viele Spirituelle, die der Neuen Rechten auf den Leim gingen, da ihnen die politische Reflexion einer komplexen Welt viel zu mühsam ist. Heimat ist Abwehr des Fremden und Anderen. Und sagt es nicht schon die Sprache, die diesen Begriff als weiblich präsentiert, dass Heimat mit der Mutter zusammenhängt, mit der regressiven Tendenz, das angsterregende Fremde abzuwehren. Ich beginne zu verstehen, dass man sich mit der Beschwörung der Heimat nach simpler Kindlichkeit sehnt, statt die „erleuchtende“ Arbeit der Emanzipation aufzunehmen. Aus diesem Grund sind die Apologeten des Heimatbegriffs gegen den Intellekt: An Mutters Brust wird nicht gedacht. Das ist viel zu mühsam.

Verhält es sich mit der Heimat nicht wie mit dem Sinn des Lebens? Schon Friedrich Nietzsche meinte, der Schwache braucht ihn. Endlich verstehe ich die plötzlich auftauchenden deutschen Fahnen vor jedem Klohäuschen: Ein verunsichertes Volk muss sich seiner Heimat versichern. Das kenne ich auch aus England: Nach Verlust unserer Kolonien mussten wir allerorten den Union Jack zeigen und als die EU gar England als Einheit abschaffen wollte, wurde selbst der schickste Jaguar mit dem englischen Georgskreuz verunziert, obwohl Weiß-Rot überhaupt nicht zum English Racing Green passt. Wir erschaffen uns in der Fantasie, wie mir scheint, die Heimat wieder, die wir längst verloren haben. Wir versuchen emsig mit Fahnen und Heimat-Kitsch etwas zu beschwören, das der Zeitgeist längst auf den Müllhaufen der Geschichte warf. Dabei verausgaben wir uns wie der asthmatische Marcel Proust auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Angesichts von Werterelativierung, Massengesellschaft und Globalisierung klammern wir uns an den Begriff der Heimat, der wie die „gute, alte Zeit“ eine Schimäre gleich den Engeln in den spirituellen Ratgebern ist. Zu all dem spielt die Blechmusik der Heimatvereine und Schützengilden auf und uns stört es wenig, dazu wie in den Dreißigern zu tanzen.
Betrachten wir die positive Seite des Heimatbegriffs, dann ist die äußere Heimat bei den Menschen, die wir lieben oder noch wichtiger, die uns lieben und vertraut sind. „Wir tragen unsere Heimat im Herzen“ hörte ich kürzlich sagen. Das toppte noch eine weiß gekleidet Engelhafte mit „Meine Heimat liegt in Gott“. Wow, ihre Heimat liegt im Undefinierten. Das ist wirklich Avantgarde. Vielleicht wollte sie auch sagen, dass ihr Heimatbegriff ein virtueller ist, eine Projektionsfläche für „das Wahre, Gute und Schöne“ wie es der deutsche Archäologe Johann Joachim Winckelmann im 18. Jahrhundert ausdrückte, bevor er Opfer eines Raubmords wurde.
Seit längerem ist der Begriff „spirituelle Heimat“ en vogue. Man meint wohl damit, dass man Buddhist, Sufi oder welches Glaubens ist. Auch bei dieser inneren Heimat wittere ich Starrheit. Sechs Jahre lang besuchte ich wacker eine Gurdjieff-Gruppe, bis ich hinausgeworfen wurde. Mein Lehrer meinte grinsend: „Du machst es dir und mir zu bequem, hier zu verweilen. Das führt zur geistigen Trägheit.“ In Findhorn, einer spirituellen Gemeinschaft im Norden Schottlands, pflegt die Gruppe ähnliche Ansichten. In nächtelangen Diskussionen wurde mir dort vermittelt, dass es eher der Trägheit als der spirituellen Entwicklung dient, es sich im heimatlichen Schoß einer Gruppe von Sinnsuchern häuslich einzurichten. Und haben Sie es nicht auch schon bemerkt, wer meint, seine spirituelle Heimat gefunden zu haben, wird nicht nur mit Eindimensionalität geschlagen, sondern er erkrankt häufig auch am fanatischen Missionierungswillen. Individuation setzt nach Carl Gustav Jung den Mut zur Bewegung voraus. Auch nach dem zeitgenössischen französischen Gesellschaftstheoretiker Jean Baudrillard leben wir in einem Zeitalter zunehmender Beweglichkeit und es ist gerade diese Beweglichkeit, die uns die Chance gibt, Befreiung zu erleben.
In Schweinfurt verlasse ich den ICE, strebe einer Post entgegen, um Geld abzuheben. Der junge Beamte nimmt mein Sparbuch entgegen, schaut auf meine englische Adresse, die er mit der uncharmanten Bemerkung „Vaterlandsverräter“ kommentiert.

Dennoch wurde auch ich von Heimatgefühlen heimgesucht, als ich in Indien, den beiden Amerikas und Afrika arbeitete. Angesichts der Fremdheit dieser Kulturen wurde mir deutlich, dass meine kulturellen Wurzeln in Europa liegen. Auch wenn „Heimat“ ein politisch oft geschändetes Wort ist, sehnte ich mich im Chaos Indiens nach der effektiven Ordnung Europas. Wie C.G. Jung auf seiner Afrika-Reise fand ich meine Mitte, indem ich Goethe, Thomas Mann, Shakespeare und Henrik Ibsen verschlang. Mir ging ein Licht auf: Helden wie Peer Gynt, Faust und Prospero sind stets von der Suche nach einer Heimat getrieben, die sie jedoch glücklicherweise nie finden. Können Sie sich Heinrich Faust und Gretchen im trauten Heim mit Häkeldeckchen vorstellen? Und auch Peer Gynt wäre nicht mehr er selbst, wenn er sich mit seiner Solveig im norwegischen Trachtenverein zur Mittsommernacht besaufen würde.

Heimat, so scheint mir, ist ein Suchbild, von dem man nur hoffen kann, dass man es nie findet.
Ich muss über mich lachen: Voriges Jahr nahm ich an einer Expedition in die Hoch-Arktis teil. Dort im wahrscheinlich gar nicht mehr so ewigem Eis erlebte ich in menschenleerer Tundra die stärksten Heimatgefühle. Ich wollte den Eisbrecher nicht mehr verlassen. „Hier ist meine Heimat“ gaukelten mir meine Gedanken vor, aber zum Glück empörte sich mein mich beschützender Geist, der mir klar machte, dass ich als Jäger am Eisloch völlig ungeeignet bin. Heimat ist für mich ein irrationales Gefühl, das mit der Realität wenig zu tun hat. Verfällt man diesem Gefühl, ergeht es einem wie dem Faust, der des Teufels ist, wenn er zum Augenblick sagt: „Verweile doch, du bist so schön“. Heimat, so möchte ich schließen, ist wie die gefährliche Geliebte, mit der man flirten darf, aber ihr zu erliegen, bedeutet Untergang. So bleibe ich ein heimatloser Geselle und pflege den elitären Stolz, nicht dem lauen Denken zu verfallen.



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