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Ausgabe November 2008
Chance der Bewusstheit

Der Irrsinn von Gewalt und Tod geht auf das Konto der unbewussten Identifikation mit unserem Ego.

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In seinem neuen Buch geht Eckhart Tolle menschlichen Trugschlüssen auf die Spur – Ein Beitrag von Haidrun Schäfer


Alle traditionellen Weisheitssysteme gehen davon aus, dass das Ziel des Menschseins ein Transformationsprozess ist. Der Ausgangspunkt ist ein Zustand der Gestörtheit oder des Leidens. Die Hinduisten bezeichnen ihn als Maya, den Schleier der Täuschung. Die Buddhisten sprechen von einem Zustand des Leidens. Nach der christlichen Lehre ist die normale kollektive Verfassung der Menschheit der Zustand der Erbsünde. In der wörtlichen Übersetzung aus dem Altgriechischen bedeutet sündigen „daneben treffen“. Sündigen heißt also, das Ziel des menschlichen Daseins zu verfehlen.

Der menschliche Wahnsinn ist am deutlichsten an der Zahl der Kriege und Zerstörungswut zu erkennen. Im 20. Jahrhundert starben mehr als 100 Millionen Menschen durch die Hand von Mitmenschen. Wichtig ist zu erkennen, dass Angst, Gier und Machthunger nicht etwa die Störung sind, sondern durch die Störung entstehen.

Da das Menschsein die Chance des Wachstums beinhaltet, gibt es die Möglichkeit der Transformation des menschlichen Bewusstseins. Im Hinduismus wird es als Erleuchtung bezeichnet. In der Lehre Jesu ist es die Erlösung und im Buddhismus die Aufhebung des Leidens. Befreiung und Erwachen sind weitere Begriffe dieses Verwandlungsprozesses.


Das Ich

Eine der grundlegendsten Denkstrukturen, durch die das Ego ins Leben gerufen wird, ist die Identifikation mit etwas. „Identifikation“ kommt von den lateinischen Wörtern idem, das heißt „gleich“, und facere, das heißt „machen“. Es ist also ein „Gleichmachen“ mit mir. Ich verbinde ein Ichgefühl mit etwas und so wird es Teil meiner Identität. Die Identität mit Dingen bewirkt eine Abhängigkeit und ein zwanghaftes Bedürfnis nach mehr. Als spirituelle Übung kann man durch Selbstbeobachtung die Beziehung zu den Dingen untersuchen, die ich mit „mein“ bezeichne: Was bedeuten sie für mein Selbstwertgefühl? Sind sie mit Gefühlen von Bedeutung und Überlegenheit verbunden? Diese Fragen sind hilfreich: Ist dir klar, dass du bei deinem Tod davon lassen musst? Bist du nicht mehr soviel wert, wenn du dich davon löst? Wird das, was du bist, durch den Verlust beeinträchtigt? Nun ist es nicht so, dass der Verzicht auf Besitz automatisch vom Ego befreit. Letztendlich ist es ihm egal, womit es sich identifiziert – hauptsächlich es hat eine Identität.


Rechthaberei stärkt das Ego

Eine der Haupterscheinungsformen der Unbewusstheit ist das grundsätzliche Denkmuster des Ego, sich selbst ins Recht zu setzen. Nichts stärkt das Ego mehr als Rechthaberei. Das bedeutet, sich mit einer Geisteshaltung zu identifizieren: einer Meinung, Ansicht, Urteil oder Geschichte. Nur durch Bewusstheit – nicht durch Denken – kann ich zwischen Tatsachen und Meinung unterscheiden. Jeder Streit und jeder Krieg hat als Ursache eine Meinungsverschiedenheit. Was sind Meinungen anderes als Gedanken? Das Problem entsteht, wenn wir uns mit den Gedanken, die diese Meinungen bilden, so stark identifizieren, dass sich eine mentale Haltung verfestigt, die mit einem Ichgefühl befrachtet ist. Identität und Denken verschmelzen miteinander, so dass die Meinungsverschiedenheit zu einem Überlebenskampf wird.
Kriege machen deutlich, dass das menschliche Ego in seinem kollektiven Aspekt als „wir gegen sie“ noch wahnsinniger ist als das Ich, das individuelle Ego – obwohl der Mechanismus der gleiche ist. Der weitaus größte Teil der Gewalt geht auf das Konto normaler Bürger im Dienst des kollektiven Ego. Die Wurzel dieses Wahnsinns ist die vollkommene Identifikation mit dem Denken und Fühlen – dem Ego.


Denken und Sein

„Ich denke, also bin ich.“ Descartes hat nicht die höchste Wahrheit gefunden, sondern die Wurzel des Ego. Wenn uns bewusst ist, dass wir denken, ist dieses Bewusstsein nicht Teil des Denkens. Vielmehr handelt es sich um eine andere Dimension des Bewusstseins. Wenn nur das Denken da wäre, würde man nicht einmal wissen, dass man denkt. Die letzte Wahrheit dessen, wer wir sind, lautet: „Ich bin!“ Noch einmal: Wir halten den Denker für den, der wir sind. Das ist der Egogeist und aus spiritueller Sicht die Unbewusstheit.

In jedem Ego ist die gleiche Struktur erkennbar: Es lebt von Identifikation und Trennung. Die Seinsfreude kann nur gefühlt und nicht gedacht werden. Das, was das Ego sucht und woran es sich festmacht, ist ein Ersatz für das Sein, das es nicht spüren kann. Das Ego ist nicht falsch, es ist unbewusst. Und es ist nichts Persönliches – es ist nicht „ich“. Das Einzige, was letzten Endes zählt, ist: Kann ich mein wahres Sein, das „Ich-bin“, zu allen Zeiten im Hintergrund meines Lebens spüren? In diesem Augenblick? Kann ich meine wahre Identität als reines Bewusstsein spüren? Das Ego weiß nicht, dass die Quelle aller Energie im Inneren liegt, daher sucht es draußen. Es sucht Identifikation im Außen. Doch das ist eine Falle, denn wir können mit dem Verstand nicht begreifen, wer wir sind. Sich über das Denken definieren zu wollen, heißt, sich einzugrenzen.


Der Weg zur Bewusstheit

Der erste Schritt auf dem Weg zur Bewusstheit ist es, nicht sofort auf einen Emotionsimpuls zu reagieren. Ein anderes Wort für Nichtreaktion ist Vergebung. Vergeben heißt, über etwas hinwegzusehen oder hindurchzuschauen. Du schaust durch das Ego hindurch auf die geistige Gesundheit, die das Wesen eines jeden Menschen bildet. „Probier einmal, die Stimme im Kopf in dem Augenblick zu erwischen, in dem sie sich über etwas beklagt und sie als das zu erkennen, was sie ist: Die Stimme des Ego – nichts weiter als ein konditioniertes Denkmuster, ein Gedanke. Wann immer du diese Stimme wahrnimmst, wird dir auch aufgehen, dass du nicht die Stimme bist, sondern derjenige, der sich ihrer bewusst ist. Tatsächlich bist du die Bewusstheit, die sich der Stimme bewusst ist. Im Hintergrund ist Bewusstheit. Im Vordergrund ist die Stimme, der Denker. Auf diese Weise befreist du dich allmählich vom Ego, vom unbeobachteten Denken.“
Der Schlüssel zum Sein ist die Aufmerksamkeit. Durch Bewusstheit werden Emotionen und sogar Gedanken entpersönlicht. Sie bilden dann nicht länger die Grundlage unseres Identitätsgefühls.

Buchtipp:
Eckhart Tolle: Eine neue Erde, Goldmann, München, 2008, 318 Seiten, 19 Euro


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