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Ausgabe Oktober 2008
Der Weg zur eigenen Lust

Silke Maschinger empfiehlt, keine Sexratgeber zu lesen

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Jede Beziehung durchläuft Höhen und Tiefen der Lust. Oftmals ist es so, dass am Anfang einer Beziehung, wenn beide frisch verliebt sind, es ordentlich knistert und funkt. Nach ein paar Jahren, oder wenn man zusammengezogen ist, wird es meist weniger, auch wenn die Liebe noch vorhanden ist. Trotzdem oder gerade deswegen überschwemmen immer mehr Erotikratgeber den Markt und fordern zu noch größerer Lust heraus: Sei es „Onanieren für Profis. Das Orgasmusbuch, öfter und intensiver kommen.“, das selbst noch den Sex mit sich selbst professionalisieren möchte, oder „Das Schwanzbuch, Tuning für dein bestes Stück“ für unseren schwulen Freunde, das zum Ziel hat, den Penis aufzumotzen wie ein Auto. Besonders schön finde ich auch „Perfekte Leidenschaft: 365 Tipps und Techniken, die sie und ihn verrückt machen“ oder den „Der Superorgasmus“.
All diese Ratgeber machen jedoch keinen Sinn, wenn in der Beziehung etwas nicht stimmt. Das wäre dann so, als ob ich Ihnen empfehlen würde, Ihr kaputtes Auto neu zu betanken, auch wenn offensichtlich ist, dass der Motor einen Schaden hat. Doch die angeblich leichten und sofort wirkenden Ratschläge sind sehr gefragt: Jede Frauenzeitschrift hat in jeder ihrer Ausgaben Ratschläge und Tipps in Sachen Sex: Das macht wirklich sexy: 15 ganz neue Erkenntnisse der Liebesforscher, Sex: Korrekt fremdgehen, Die 10 besten Übungen für einen sexy Bauch, So dressieren Sie jeden Mann, Rauben Sie ihm den Verstand! Die magische Formel für unvergessliche Liebesnächte. Der allerbeste war jedoch: „Der beste Sex ihres Lebens, und wie sie ihn noch heute Abend erleben können.“ Nein, ich habe mir das Magazin nicht gekauft.
Gerade wenn man sich diese Locktitel in der Masse anschaut, merkt man erstmal, wie sehr damit Druck aufgebaut wird. Alles muss sexy sein, die Haare, das Make-up, die Schuhe, die Taschen und der Bauch. Man muss „korrekt Fremdgehen“, den Mann „dressieren“, Sexspiele ausprobieren, Stressfallen entlarven und auf jeden Fall viel mehr Spaß beim Sex haben. Wie soll das denn noch gehen, nach all diesen Ratschlägen? Kein Wunder, dass Frauen sich beim Sex Sorgen machen um ihre Hautfalten. Wer beim Sex an die Form seines Bauches denkt, wird Sex niemals wirklich genießen können!
Ich gebe Ihnen hiermit mal einen Tipp: Lesen Sie keine Sextipps in den Zeitschriften mehr! Denn diese Tipps erzeugen Bilder, die dadurch wirken, dass sie beständig wiederholt werden. Wenn Sie immer wieder lesen, wie scheinbar einfach Ihr Sex noch viel toller werden kann, wird Ihnen Ihre eigene Sexualität irgendwann zu langweilig vorkommen, unabhängig davon, ob das stimmt oder nicht. Nehmen Sie sich lieber die Zeit, in sich selbst hineinzuhorchen, was Sie sich eigentlich wünschen.
Möchten Sie wirklich häufiger Sex? Oder in einer anderen Art? Und falls ja, geht es wirklich darum, das beim Sex zu erleben oder ist der Wunsch nach mehr Sinnlichkeit und Entspannung auch etwas, was Sie für sich selbst entdecken können? Zum Beispiel indem Sie sich einmal genüsslich massieren lassen oder sich einfach öfter mal in die Badewanne legen und sich mit wohlriechenden Aromazusätzen verwöhnen? Sie haben nur einmal im Monat Lust auf Sex? Oder gar nicht? Sie haben einfach nur ganz pragmatischen Sex ohne ekstatische Verschmelzung? Sie haben keine Lust auf Dessous und der Vibrator liegt seit Wochen ungenutzt herum? Ist ihr Sex nach 20 Minuten vorbei, aber sie fühlen sich damit wohl? Solange es Ihnen damit gut geht, verändern Sie bitte nichts! Vergleichen Sie es doch mal mit der Arbeit. Die ist auch nicht immer toll, außergewöhnlich oder unterhaltsam, und das erwartet auch niemand.
Vielleicht glauben Sie, dass Sie und Ihr Sexleben ziemlich langweilig und normal seien. Manchmal ist das Leben auch wirklich so. Das ganze Leben hat so viele Seiten, und nicht immer sind alle im grünen Bereich. Ich vergleiche das ganz gerne mit dem Jonglieren. Mit zwei Bällen zu jonglieren, ist recht einfach. Bei dreien fängt die Herausforderung an, und je mehr es werden, umso schwieriger ist es, alle Bälle am Fliegen zu halten. Nur mit viel Übung gelingt es dem ein oder anderen, alle Bälle in der Luft zu halten. Und selbst dem Besten fällt ab und an ein Ball herunter.
Jede Beziehung hat mit einem Faktor zu kämpfen: dem Alltag. Das ist ganz normal. Die Kunst besteht darin, sich diesem Sog des Alltags nicht hinzugeben, sondern aktiv und entschieden dagegen vorzugehen. Wer wirklich will, findet auch einen Weg. Es erfordert Engagement, Mut, Kreativität und vor allem eine klare Entscheidung, etwas an der Situation ändern zu wollen. Und dann muss man Zeit und Energie einsetzen, damit sich auch etwas ändert. Und damit haben alle zu kämpfen: Unabhängig davon, in welcher Beziehungsform man lebt und ob man auf Sado-Maso, Tantra oder „normalen“ Sex steht, besteht die Aufgabe darin, Strukturen zu schaffen, in denen eine erfüllende Sexualität gelingen kann.
Wie die für Sie aussehen mag, können nur Sie selbst herausfinden. Aber eines kann ich Ihnen versprechen: Der Weg lohnt sich!

Auszug aus dem Buch “Spielarten der Lust“ von Silke Maschinger mit freundlicher Erlaubnis des Verlages.


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