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Ausgabe Oktober 2008
Vom Liebes-Drama zum bewussten Lieben

Ein Beitrag von Frank Fiess

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Überall und tagtäglich begegnet uns der romantische Mythos der Liebe - in der Werbung, in den Schlagern, in Romanen und Filmen. In unseren deutschen Schlagern hört sich das ungefähr so an: „Du, und für immer Du. Wir sind zusammen bis in alle Ewigkeit, seit ich Dich gefunden habe, ist alles gut, sind wir für immer glücklich – oh ja!“

Das Symbol für Liebe/Verliebtheit ist in den westlichen Kulturen ein Herz und ein Pfeil, der sich durch das Herz bohrt die Verknüpfung von Liebe und Schmerz. Robert A, Johnson hat in seinem Buch „She“ hervorragend beschrieben, wie es dazu gekommen ist, dass die romantische Liebe das letzte verbliebene Energiesystem ist, in dem die Mehrzahl der westlichen Frauen und Männer Liebe, Ganzheit und die Erfüllung ihrer Sehnsucht suchen.

Der Traum vom Idealpartner
Seit Tristan und Isolde den Liebestrunk der romantischen Liebe getrunken haben, träumt unsere Kultur den romantischen Traum. Der romantische Traum lehrt uns auf viele verschiedene Arten, dass es einen anderen Menschen gibt, den Idealpartner, der uns „ganz“ machen kann. Jedes Mal, wenn wir uns verlieben, projizieren wir unsere Sehnsüchte nach Ganzheit, Verbundenheit, Glück und Ekstase auf sie oder ihn. Unser Partner wird dadurch zu einer überdimensionalen Traumgestalt. Kein Mensch der Welt kann diesen Projektionen auf Dauer gerecht werden. Oft sehr schnell, spätestens nach ein bis zwei Jahren, bricht die romantische Projektion zusammen: Der edle Ritter ist eben nicht immer nur edel, und die Traumfrau ist eben nicht immer nur vollkommen.

Göttliche und menschliche Liebe
Im romantischen Mythos werden zwei große Energiesysteme miteinander vermischt: zum einen die spirituelle Liebe, die wir nur in uns, mit Gott, der Göttin, dem Großen Geist, der großen Liebe in unserem Innern erfahren können, und zum anderen die menschliche Liebe, die wir mit einem Menschen aus Fleisch und Blut leben können. Da die wenigsten Menschen eine lebendige und authentische und täglich praktizierte Spiritualität leben, versuchen sie in ihren Liebesbeziehungen gleich all das sonst Versäumte zu leben: Intimität, Ganzheit, Sex, Ekstase, Transzendenz ...
Solange wir den romantischen Traum träumen, gleichen wir dem Mann in der bekannte Sufi-Geschichte, der in dem hellen Licht einer Straßenlaterne - unterstützt von vielen gutmeinenden Menschen - verzweifelt etwas sucht. Dabei hat er das, was er sucht, in seinem Haus verloren, aber dort ist es nicht so hell wie unter der Laterne! Es ist Zeit, dass wir wieder nach Hause zurückkehren und in unserem Innern das Verlorene finden.
Der Moment, in dem die romantische Projektion zerbricht, ist schmerzhaft. Zum x-ten Mal sind wir enttäuscht. Und doch bietet gerade dieser Moment eine große Chance: die Chance zur bewussten menschlichen Liebe. Für die bewusste, menschliche Liebe, die den Menschen so wie er ist in seinem Wesen erkennt und liebt. Die Liebe, die unseren Partner, unsere Partnerin als fehlbares, menschliches Geschöpf liebt, mit den Sorgen, Nöten und Unvollkommenheiten ebenso, wie auch mit den liebenswerten, kraftvollen und bewundernswerten Seiten.

Verantwortung übernehmen
Zwei Säulen, die ein Dach tragen, das ist die treffende Beschreibung des Dichters Kahlil Gibran für bewusste Liebe.
Bewusste Liebe wird möglich, wenn jede Säule/jeder Partner für sich alleine stehen kann und in seiner/ihrer inneren Ganzheit ruht!

Bewusste Liebe bedeutet, dass jede Säule/jeder Partner/in die volle Verantwortung für sein Wohlbefinden, seinen Körper, seine Gedanken, seine Gefühle und die eigene Seele übernimmt. Täglich praktizierte spirituelle Übungen können uns dabei helfen, uns kontinuierlich in unserer Ganzheit zu zentrieren und zu verwurzeln und so mehr und mehr in unserer wahren inneren Heimat und in Verbindung mit dem Großen Geist zu ruhen!

Wenn wir beginnen, bewusste Liebe zu praktizieren, dann erkennen wir oftmals sehr deutlich, dass all’ unsere bisherigen Versuche, anderen Menschen die Macht über unser Wohlbefinden und unsere Gefühle zu geben, nur unsere eigene Unreife, unsere unerlösten Vater- und Mutter-Übertragungen, und unsere naiv-romantischen Traumvorstellungen widerspiegeln.
Die Grundlage für bewusste Liebe ist die Bereitschaft, uns immer wieder gegenseitig für unsere Fehler, Irrtümer und Unvollkommenheiten zu vergeben und uns immer wieder neu auf das Wesen unserer Partnerin/unseres Partners zu beziehen.

Bewusste Liebe ist der Beginn von engagierter, spiritueller Partnerschaft.
Spirituelle Partnerschaft ist das Engagement für das volle eigene Erblühen, und das volle Erblühen unserer Partnerin/unseres Partners. Sie ist die wachsende Bereitschaft, in unserem Gegenüber das Göttliche zu erkennen und uns darauf zu beziehen.
Bewusste Liebe ist vor allem ein Tanz auf den folgenden drei Haupt-Beziehungs-Ebenen: Die grundlegende Ebene jeder Beziehung ist das Vorhandensein des Liebes-Gefühls und die Bereitschaft zur Bindung! Die Bindung muss eindeutig und klar sein. Um sich wirklich für eine tiefe, intime, erfüllte Beziehung öffnen zu können, brauchen Menschen Sicherheit!
Sie wollen gemeint sein, es soll um sie gehen. Sie wollen nicht austauschbar sein. Menschen wollen spüren, dass sie gewollt und richtig sind, so wie sie sind. All das geschieht und wird zunehmend erfahren, wenn die Bindung und das Liebesgefühl am besten jeden Tag erneuert und vertieft werden: Etwa durch liebevolle Worte, kleine Gesten der Liebe, zärtliche Umarmungen, Haut-Zeit, verbindende Gespräche und schöne gemeinsame Erlebnisse.
Die Paar-Therapie zeigt immer wieder, dass viele Paare die Bedeutung der stets erneuerten, klaren, eindeutigen Bindung unterschätzen. Die Klarheit und kontinuierliche Stärkung der Bindung im Rahmen einer bewussten Partnerschaft gibt Menschen die Sicherheit, das Vertrauen und das Gefühl von Zugehörigkeit, die wir uns in einer intimen Beziehung wünschen. Bewusste Partnerschaft ist ein fortwährender Tanz zwischen Nähe und Distanz. Die Eindeutigkeit und Klarheit der Bindung ermöglicht das Loslassen unseres Partners/unserer Partnerin.

Dies führt uns zur zweiten Ebene jeder bewussten Beziehung. Die Ebene von Autonomie, Freiheit, Eigenraum, Atemraum. Dort können wir erleben, dass wir in einer sicheren Beziehung sind und gleichzeitig ein freier, eigenständiger Mensch, der ein Recht darauf hat, seine/ihre eigenen Bedürfnisse zu leben. Auf der Ebene von Autonomie/Freiheit leben wir weiterhin unsere Freundschaften, unsere Interessen, verfolgen unsere Projekte und schenken uns selbst immer wieder segensreiche Zeit des All-Eins-Seins mit unserem Selbst und der Natur. Liebende, die sich gegenseitig diese Ebene des Loslassens und der Freiheit schenken, können erleben, wie schön es ist, wieder zum Partner zurückzukehren. Das bewusste Loslassen vertieft die Liebe und das Liebesgefühl – allerdings nur solange die Bindungs-Ebene klar ist.

Die entscheidende dritte Ebene jeder bewussten Partnerschaft ist die Ebene des Austausches, der Kommunikation, des Verhandelns und der Kommunion.
Jede wirkliche intime Beziehung ist die Begegnung zweier, verschiedener Welten und Universen. Die dritte Ebene ist die gemeinsame Brücke. Dort findet das gemeinsame Lernen, Teilen, Heilen und Wachsen statt. Dort können wir immer besser lernen, was es heißt, in der Haut unseres Partners/unserer Partnerin zu leben, seine/ihre Lebens- und Beziehungsgeschichte zu haben. Dort ist es wichtig zu lernen, uns auf die Gefühle und Bedürfnisse unseres Gegenübers einzuschwingen, sie stimmig zu spiegeln und für „eine kleine Weile in seinen/ihren Mokassins zu gehen“. Manche Menschen befürchten dabei, das würde bedeuten, dass sie den Standpunkt ihres Partners übernehmen müssen. Doch darum geht es nicht, sondern darum, unserem Partner das Gefühl zu schenken: Du wirst gesehen, Du wirst gehört, Du wirst gefühlt, Du wirst verstanden. Wenn das beidseitig geschieht, dann haben wir eine authentische Grundlage für Kommunikation und Kommunion. Auf dieser Grundlage lassen sich dann Kompromisse, Lösungen und gemeinsame neue Schritte finden!

Auf dieser dritten Ebene sind wir oftmals konfrontiert mit den jeweiligen Ego-Strukturen, mit Rechthaberei, den lebenslangen Abwehrstrategien und den jeweiligen emotionalen Grundverletzungen. Für Paare, die sich auf dieser Ebene endlos streiten, und die sich in wiederholenden Schleifen von Angriff, Beschuldigung, Abwehr, Gegenangriff, Rückzug, Resignation, Drohungen verlieren, kann eine kompetente Paar-Therapie ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Heilung sein. Durch die dort ausgelösten Wachstumsschritte kann das zu enge „Ego-Korsett“, das kein Interesse an gelebter Liebe hat, langsam aufgeschnürt werden und so kann Raum entstehen für bewusste Liebe und ein neues erfüllendes Miteinander.
Diese Ebene wird gestärkt durch Zwiegespräche (s. Michael L. Moeller: Die Wahrheit beginnt zu zweit), durch schöne Erlebnisse auf der körperlich-sinnlich-sexuellen Ebene, durch gemeinsam geteilte Gefühle und Erlebnisse, durch alles, was den Partnern das Gefühl gibt: Es ist schön in dieser Beziehung zu sein – sie nährt mich und lässt mich Geborgenheit, Freude, Sinn, Intimität, Heilung, Erfüllung und Wachstum erfahren!

Alles was auf der dritten Ebene gelingt, stärkt die beiden anderen Ebenen: Die Bindung und das Liebesgefühl werden vertieft und es fällt leichter, den Partner/die Partnerin immer wieder loszulassen. – Auch weil wir wissen und erlebt haben, dass die vereinbarten Grenzen und Absprachen eingehalten werden. So wird bewusste Partnerschaft mehr und mehr ein Tanz der gelebten Liebe!

Frank Fiess, Dipl. Pädagoge, Heilpraktiker, Tantra-, Yoga-, Feuerlauf-Lehrer, Mitbegründer und Leiter des Instituts für Lebenskunst und Tantra in Berlin.


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